Die letzte Freinacht (8) – Heller Morgen mit Hannah

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Am Abend war ich kurz bei Hannah gewesen und hatte ihr versprechen müssen, sie in der Nacht noch einmal zu besuchen. Ihr Elternhaus hat einen großen Vorgarten aus Rasenfläche. Ich öffne das Törchen in der Gartenmauer und gehe über den Rasen auf das helle Gebäude zu. Unten am Haus suche ich ein paar kleine Kiesel und werfe sie nach ihrem Fenster. Sie hat den linken Fensterflügel offengelassen. Ein Kiesel fliegt hindurch, der andere plinkt an die Scheibe.

“Der Morgenschlaf ist der tiefste“, denke ich mir und suche schon nach weiteren Steinchen, als sich plötzlich leis die Haustür öffnet. Wie Hannah da im Eingang vor dem dunklen Flur steht, möchte ich sie mein Leben lang in Erinnerung bewahren. Sie trägt ein knielanges weißes Nachthemd, über das hat sie achtlos einen weiten Pullover gestreift. Sie hat Kniestrümpfe, doch der eine Strumpf ist nicht hochgezogen, sondern umfließt weich ihre schlanke Fessel. Es liegt etwas unschuldig Aufreizendes darin, in diesem Gegeneinander von bedeckter und nackter Wade. Ihr langes schwarzes Haar ist leicht zerzaust, wie von verliebten Fingern gezupft. Und wie schön ist ihr Gesicht, mit den umflorten Augen der Müdigkeit. Ich nehme sie auf der Treppe entgegen und schlíeße sie in die Arme. Wie herrlich schlafwarm ist ihr schlanker Jungmädchenkörper. Auch ihr Mund schmeckt hauchfein nach Schlaf, und dies verleiht ihm eine wunderbare Würze.

”Ich habe so lange auf dich gewartet“, murmelt sie zwischen den Küssen. „Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.“
„Ich konnte nicht eher.“
“Warum denn nicht, Hannes?“ fragt sie und streicht mir die Haare aus der Stirn.
„Das ist schwer zu erklären.“
„Versuche es dennoch!“, sagt sie träumerisch und zieht mich zu der Bank hinüber, die da weiß gestrichen und verschnörkelt an der Hauswand steht, eigent1ich nur zur Dekoration, schön scheußlich. Ich halte ihr meine offene Handfläche der Linken hin und male mit dem Kugelschreiber einen Bogen hinein.
“Siehst du das hier?” frage ich leise. “Das ist das Bild dieser Nacht.“
Sie fährt leicht mit dem Finger darauf entlang. „Eine seltsame Nacht, sagt sie versonnen.
Wie ihre Fingerspitze den Zenit der Kurve erreicht, lege ich meinen Zeigefinger auf ihren.
“Die ganze Nacht war ich unterwegs, und genau da bin jetzt!”
„Aber danach geht es steil nach unten?”
„Ja, die Nacht ist vorbei, und ich bin jetzt bei dir; danach kommt nichts Vergleichbares mehr.“
„Du bist lieb!“, sagt sie und haucht mir einen Kuss in diese Hand. Dann erhebt sie sich. ”Komm!“, sagt sie sacht und zieht mich zu dem Pavillon hinüber, der geschützt zwischen Büschen und Bäumen steht. Wenig später geht die Sonne auf.

Ich gehe nach Hause. Eine wundersame Müdigkeit ist in mir. Über dem Dorf liegt festliche Stille. Nur Vogelsang und Blätterrauschen ist in der Luft. Durch frischgrüne Wipfel flirrt der helle Tag, und die Sonne gibt dem Himmel ein prachtvolles Blau. Zwischen Baumkronen und roten Ziegeldächern fliegen plötzlich bunte Bänder. Dann ragt der Maibaum vor mir auf, groß und glanzvoll, von Wind und Sonne mild umspielt. Voller Zauberkraft des ersten Tages steht er da im Licht der frühen Morgenstunde. Und wirft mir keinen Schatten.

Bleib stehen, Welt, und dreh dich niemals mehr!

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2 Kommentare zu “Die letzte Freinacht (8) – Heller Morgen mit Hannah

  1. Ich hab jetzt die ganze Geschichte durch. Gut erzählt und nicht zu viel für den Blog. Das letzte Bild vom steigenden Maibaum, während der Erzähler sich mit seinem Mädchen verzieht unterstreicht noch mal, dass es sich beim Maibaumsetzen um ein Fruchtbarkeitsritual handelt.

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    • Freut mich und danke für die Rückmeldung. In weggelassenen Passagen wird deutlich, dass der Maibaum als Fruchtbarkeitssymbol nicht allein sexuell zu verstehen ist, sondern auch Feldfrüchte und Tiere gemeint sind, also für das Dorf heraufbeschworenes Glück Das neidet man den Nachbardörfern, als wäre das Glück eine zu kurze Decke, weshalb man denen in der Freinacht den Maibaum zu fällen trachtet.

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