Die letzte Freinacht (7) – Peters Onkel seine Leiter

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Auf elegante Weise sind Mütter die Tugendwächterinnen ihrer Töchter, indem sie uns einen Blick in die Zukunft werfen lassen. Wir müssen uns nur noch daneben denken, in Pantoffeln und mit bitteren Mundwinkeln, die im gleichen Grad herabhängen wie unsere Schultern. Aber nein, das stimmt nicht, Mareikes Mutter ist eine liebe Frau. Sie steht im Morgenmantel da und flüstert nur, um ihren Mann nicht zu wecken, diesen bärbeißigen Klotz, der fast den ganzen schönen Hof schon versoffen hat. Trotzdem, dass sie so prompt in der Tür auftauchen muss.

„Hannes, was machst du hier? Jetzt geh aber ganz schnell wieder raus, bevor der Papa aufwacht!“

Ich bin noch ganz perplex: sie in der Tür, neben mir Mareike, die mir bedauernd den Arm drückt, das Zimmer kaum vom Nachtlicht erhellt, da erscheint plötzlich Tonis Gesicht in der Fensteröffnung. Er sieht die Mutter nicht und will scheinbar auch noch hereinkommen. Jetzt wird die Situation langsam peinlich. Ich lasse Mutter und Tochter stehen und drücke Tonis Kopf mit der Hand nach unten.

„Eh, was soll das?“ protestiert er, aber er weicht aus, so dass ich auf die Leiter hinaus kann. Adieu Mareike!
“Mensch hau ab, Mareikes Mutter ist da!“ Dummer Toni.

„Es ist alles gelaufen, und dann kommst du auch noch freudestrahlend an!”, sage ich wütend.
“Wenn du da oben nicht so nen Krach gemacht hättest, dann wäre die Alte nicht wach geworden!”, mault er zurück.
„An mir lag das nicht, ihr habt den Krach gemacht! Was wolltest du überhaupt da oben, meinst du, ich hätte dich bei Mareike als Verstärkung gebraucht?”
„Ich dich etwa?”, sagt Toni.

Da hat er recht, er ist von uns der größte Schürzenjäger, und er hätte genau gewusst, was er da oben machen soll. Im Gegensatz zu mir. Ich war nämlich etwas ratlos gewesen, als ich plötzlich in Mareikes Zimmer stand, in das ich so leicht und widerstandslos hatte eindringen können. Was, wenn ihre Mutter nicht direkt aufgetaucht wäre?

Keiner von uns will mehr so recht die Leiter nehmen, nachdem auch unser zweites Unternehmen nur wenig Erfolg hatte.
„Die muss zurück!“ befiehlt Peter, „die gehört meinem Onkel. Wenn der die morgen nicht findet, tritt der mich in den Arsch!“
„Dann trag sie auch“, sage ich, „die blöde Leiter von deinem Onkel.“

Peters Onkel, das ist der Nachbar, der Ziegeleiarbeiter, von dem man erzählt, er habe sich sein neues Haus allein aus gestohlenem Baumaterial gebaut. Die Klinker habe er einzeln in der Aktentasche aus der Ziegelei geschmuggelt.
Geht das überhaupt? Es passen doch höchstens drei Klinker in die Aktentasche, aber dann ist da schon kein Platz mehr für Henkelmann und Thermosflasche. Bei etwa 228 Arbeitstagen im Jahr sind das 660 Klinker. Das wären doch gerade mal 12 Quadratmeter. Da müsste er schon ein paar Jahre lang täglich geklaut haben. Ganz egal, wie er es gemacht hat, ich finde, es beweist, dass ein kleiner Mann stets klein bleibt, auch im Stehlen. Tatsächlich braucht man etwa gleich viel kriminelle Energie, ob man als Arbeiter ein paar Klínkersteíne stiehlt oder als Prokurist fünf Millionen auf das eigene Konto umbucht. Deshalb muss der Diebstahl von, sagen wir mal, vier Klinkersteinen auch mindestens so hart bestraft werden wie die Veruntreuung einer Million.

„Eh, Peter, ich möchte mal wissen, wo dein Onkel so ’ne lange Leiter überhaupt her hat“, sagt Toni, ”wenn’s ’ne Faltleíter wäre, aber die hier, die passt doch überhaupt nicht in eine Aktentasche.“

    Editorische Bemerkung: Meine lieben Damen und Herren. Wie komme ich nur aus der Nummer raus, frage ich mich schon eine Weile, weil die Erzählung ausufert. Ich habe ein Manuskript vom Anfang der 1990-er Jahre wiedergefunden, scanne es, wandle es mit einem OCR-Programm in eine Datei und redigiere den Text. Es wird in der langen Freinacht noch soviel Skurriles passieren, dass es den Rahmen des Blogs sprengt. Überdies sollte sie in Übereinstimmung von Erzählzeit und erzählter Zeit heute am 1.-Mai-Morgen schon enden. Daher folgt nur noch das letzte Kapitel.
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2 Kommentare zu “Die letzte Freinacht (7) – Peters Onkel seine Leiter

  1. Das mit dem Ende ist eine kniffelige Angelegenheit. Du kannst ja nicht alle einfach sterben lassen. Das wäre höchst unelegant. Im Kino sind die Filme mit ungewissem Ausgang oft die Besten. Da kann ich mir ein Ende phantasieren. Ich bin gespannt wie Du das Problem löst.

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    • Du hast Recht. Ich hoffe, die Lösung mit dem letzten Kapitel überzeugt. Insgesamt bin ich jedoch froh, das Manuskript wieder hervorgeholt zu haben. Es ist ein kompletter Roman. Mit Book on Demand ja heute kein Problem mehr. Ich danke dir für dein Interesse.

      Gefällt 1 Person

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