Karfreitagsgeschehen in einer Hose

Als er in seine Hose stieg, dachte er für einen Moment, darin etwas Filigranes gesehen zu haben wie die Beine eines Weberknechts. Der Gedanke war jedoch nur flüchtig und nicht stark genug, ihn zu veranlassen, in der Anziehbewegung innezuhalten, um sich zu vergewissern. Es müsste dann auch ein besonders feines, langbeiniges Exemplar gewesen sein, so eines wie er manchmal in seinem Bad entdeckt hatte, wobei er immer beobachtet, dass die Fortbewegung eines winzigen Körpers auf so langen Beinen etwas grotesk Ungeschicktes hat, denn sie wird durch offenbar winzige, dem menschlichen Auge verborgene Phänomene immer wieder gestört, und oft hatte er schon gesehen, dass ein Weberknecht nach emsigem Streben über die Wandfliesen hinauf urplötzlich zurückfiel auf eine frühere Position wie ein Bergsteiger, der an der Felswand abstürzt bis hinunter zu einem zuvor eingerichteten Basislager. Wo aber der Bergsteiger zerschmettert am Boden liegt, macht der Weberknecht einfach weiter, versucht sich erneut an der glatten Steilwand.

Als er die Hose angezogen hatte, dachte er, wie es für ein Lebewesen sich wohl anfühlt, wenn ein riesenhaftes Geschöpf, das seine Wahrnehmungskategorien übersteigt, daherkommt und sich seinen Lebensraum einfach anzieht wie eine Hose. Da könnte sich die Menschheit weltweit zu einer Allianz verbünden, Maßnahmen erwägen, absurde Vorschläge diskutieren. So würde der in Fachkreisen berühmteste polnische Jazz-Violinist sich anbieten, dem Wesen in der Hose zuzufideln, dass es Gott gibt, was der Weltverband der Ethnolinguisten aber in einer Twitterbotschaft als absurde Idee abtäte, die buchstäblich in die Hose gehen könnte. Am Ende würde sich jedoch das tumbe, krachende Militär durchsetzen und Raketen mit wahnwitziger Vernichtungskraft losschicken. Gebannt würde die Menschheit auf Bildschirme starren, um den zerstörerischen Effekt auf die gigantische Hose zu beobachten. Aber egal ob ihm ein polnischer Jazz-Violinist in die Hose fidelt oder Ethnolinguisten vergessen, ihre Arbeit zu tun, sondern sich vor lauter omnipotenter Eitelkeit über Jazzfideln das Maul zerreißen, selbst winzige, angenehm prickelnde Nadelstiche von tödlichen Geschossen würde den Mann nicht daran hindern, in Universen in Form seiner Schuhe zu steigen und das Haus zu verlassen, um Brötchen zu holen.

Und alles vergeblich. Bäckerei hat zu. Ist Karfreitag. Die Menschheit wird gerade erlöst.

Gehen – Bummeln – Spazieren – Fortbewegung zu Fuß

GEHEN – irgendwo hin gehen. Gestern bin ich zuerst zum Buchdruckmuseum gegangen, dann zur Sparkasse, dann zum Supermarkt, dann zur Weinhandlung und zurück zum Buchdruckmuseum, alles immer die belebte Limmerstraße entlang. Später wieder nach Hause. Ich geriet dabei ins Schwitzen, denn ich war zu warm angezogen. Vor einem Jahr hätte ich das nicht gekonnt, denn weil ich auch kurze Strecken mit dem Rad gefahren bin, war ich ganz vom Gehen ab. Doch „jeder Gang macht schlank“, ein wahres Wort meiner schlanken Zahnärztin.

UMHERGEISTERN – Neue Form des Gehens, mit dem Smartphone in der Hand. Vorläufer war der Rubik’s Cube. Ich hatte eine Schülerin, ein zartes kluges Mädchen, dem hat ein LKW die Zehen plattgefahren, weil sie ihren Blick auf den Rubik’s Cube gesenkt hatte.

EILEN – beispielsweise zur Straßenbahnhaltestelle. Aus Eilen kann Laufen werden, wenn man kurz vor der Haltestelle von der Straßenbahn überholt wird. Weil mir keiner mehr Termine setzt, muss ich auch nie eilen. Die Mutter meiner Kinder konnte sich nicht beeilen, hatte quasi nur eine Gangart, weshalb sie alles immer rechtzeitig erledigen musste.

BUMMELN – sich beim Gehen Zeit nehmen. In meinem Blog Teppichhaus Trithemius habe ich noch in Aachen eine Weile fast täglich die mitnehmende Rubrik „Abendbummel online“ bespielt, ein Stress, den ich mir selber gemacht habe, denn ich musste spätestens um 17 Uhr zu Hause sein, um den Text noch rechtzeitig veröffentlichen zu können.

SCHLENDERN – Laszives, lässiges Bummeln, ein Wort aus der Studentensprache, ursprünglich aus dem Niederdeutschen. Schlendern bleibt heute weitgehend unbeachtet, weil Lässigkeit der übliche Habitus geworden ist, was sich auch in der Kleidung zeigt.

SPAZIEREN – langweiliges Bummeln, meist in Gesellschaft, wobei man kein anderes Ziel verfolgt als ein bisschen herumzugehen. Männer, die einen Spazierstock haben, nutzen den gerne, um damit auf Dinge zu zeigen und etwas zu erklären. Überhaupt wird gerne etwas erklärt beim Spaziergang. Zu Ostern steht der Osterspaziergang an. „Warum heißt der Spatz Spatz? Weil er so gerne umherspatziert.“ (Friedrich Karl Wächter in Opa Huckes Mitmachkabinett.)

Barockes Lustwandeln im Stadtpark Hannover – Foto: Trithemius – zum Vergrößern klicken


LUSTWANDELN – ist gepflegtes Spazieren im Sonntagsstaat. Man braucht dazu einen Kur- oder Stadtpark. Lustwandeln ist veraltet, genau wie sonntags durch den Stadtpark zu spazieren. Tatsächlich legen manche für den Stadtpark noch den Sonntagsstaat an, tragen zumindest aber ihre beste Freizeitkleidung. „Die Hose habe ich schon ewig“, sagt eine ältere Frau zur anderen und zupft ein bisschen am Kniff ihrer blauen Faltenhose. „Ewig“ wird eine Übertreibung sein. Aber vielleicht sind viele der Damenhosen, die beim Osterspaziergang ausgeführt werden, noch von Zwangsarbeiterinnen der DDR für Neckermann oder den Quelle-Versand geschneidert worden. Man zieht so eine Hose ja nicht jeden Tag vom Bügel, höchstens bei besonderen Anlässen. Darum hält sie „ewig“ – mindestens aber bis zum Ende aller Zeiten. Die lustwandelnde ältere Generation ist vielleicht die letzte, die beim Weltuntergang die guten Sachen anhätte, vorausgesetzt, die Damen hängen die Kniffhosen nicht doch noch in den Kleiderschrank zurück. „Ach, ist ja nur Weltuntergang!“

WANDERN – Gehen zu fernen Zeilen.

Gekritzelt – Freudiges Ereignis

Stockängste
Ein alter Mann und eine alte Frau beide am Stock sperren den Bürgersteig. Ich traue mich nicht vorbei und bin froh, dass die Frau sich einem Hauseingang zuwendet und geht. Da kann ich den Alten am Stock überholen. Männer am Stock sind gefährlich. Einmal fuhr ich mit dem Rennrad die Monschauer Straße entlang und musste ein älteres Paar Fußgänger überholen. Just, als ich auf deren Höhe war, meinte der Mann, etwas im Gras stochern zu müssen, und es fehlte nicht viel, da hätte er mir den Stock in die Speichen gesteckt.

Freudiges Ereignis
Was hat die Redaktion der Tagesthemen geritten? Im Bericht über den Brand von Notre- Dame zeigte man eine gut gelaunte deutsche Touristin, die folgendes absondert: „Wir haben das gestern im Flugzeug, gerade als wir gelandet sind, erst erfahren, haben das aus dem Flugzeug auch schon gesehen, dass das gebrannt hat, tatsächlich, und eh, ja, natürlich schade. Eine Sehenswürdigkeit, die natürlich sehr wichtig ist als – Kulturerbe.“ [Klick aufs Bild führt zur ARD-Mediathek, zu sehen ab 3:10]

Derweil ich das sah, dachte ich: „Vielleicht hörst du mal auf zu grinsen!“ Dazu kam es nicht. Es muss aber auch zu schön sein, aus dem Flugzeug bereits Notre-Dame brennen zu sehen und auch noch im Fernsehen davon erzählen zu dürfen.

Von den Dächern gepfiffen
„Sie sehen ja gut aus!“, sagt der Hausverwalter, der mich am Morgen herausgeklingelt hat. Und es klang so erstaunt, als hätten böse Zungen hinter meinem Rücken rumerzählt: „Der van der Ley sieht ja gar nicht gut aus.“ Falsch! Ich sehe ja gut aus.

Vorgeschichtliches im Tagebuch
Mein erster Tagebucheintrag datiert vom 2. September 1989. Auf der linken Innenseite jedoch klebt ein Notizzettel, den ich im Jahr 1982 beschrieben habe. Die Notiz ist noch in meiner verkommenen Handschrift verfasst, deretwegen ich mir wenig später Hefte für Erstklässler gekauft habe, um verschiedene Schulausgangsschriften neu zu lernen.

Da steht: „Idee f. Kinderbuch

Eines Tages mussten wir das Mittagessen mit dem Spaten aus dem Sprudelkasten essen, und das kam so …

Entwickelt wird nun eine Geschichte, in der jemand der Familie damit anfängt, ein falsches Gerät zu benutzen, weil gerade nichts anderes da ist/ keine saubere Gabel! Daraus folgt eine Kettenreaktion“

Erkensruhr

Vorgeschichte bedeutet „Vor der Geschichtsschreibung.“ Die Geschichtsschreibung der Menschheit beginnt etwa 2400 v. Chr. mit dem in babylonischer Keilschrift in Tontafeln überlieferten Gilgameschepos. Der Text hebt an mit der Klage, dass nun schon alles einmal erzählt worden ist, was darauf verweist, dass es vorher schon Literatur gegeben hat, die nicht überliefert ist. Wir leben im Jahr 2019 nach Christus. Demnach liegt der Beginn der Geschichtsschreibung etwa 5000 Jahre zurück. Noch anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Alter der Welt auf etwa 6000 Jahre geschätzt, errechnet anhand des Alten Testaments. Jacob Grimm hat noch daran geglaubt. Eine kulturelles Menschheitszeugnis findet sich jedoch schon in den Höhlengemälden von Lascaux. Sie sind etwa 15.000 Jahre alt. Wir überschauen also nur einen winzigen Bereich der Menschheitsgeschichte.
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Von allen Seiten – Über das Umkreisen von Dingen

Meine Mutter hieß Turtreg Kalrebo. Ich habe noch im Ohr, wie sie zu ihrem Vergnügen ihren Namen rückwärts sprach. Ein Wort oder Satz, der rückwärts gelesen einen Sinn ergibt, heißt Palindrom. Ein Palindrom wie etwa der Nonsenssatz „Leg in eine so helle Hose nie ’n Igel“, gehört landläufig in die Abteilung Sprachspiel. Ein wenig unheimlicher ist da schon der Rückling, ein Palindrom, das von hinten gelesen eine zweite Botschaft enthält: „DIE LIEBE IST SIEGER“ heißt rückwärts gelesen? „REGE IST SIE …“ Rückwärtslesen und -sprechen ist eine uralte magische Praxis. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden. Geradezu ungeheuerlich und machtvoll muss ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Dieses Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Bann, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS. Das unheimlichste, weil rätselhafteste mir bekannte Palindrom ist der lateinische Vers:
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Frau und Herr Picapica bauen ein Holzhaus

Ein junges Paar will eine Familie gründen. Sie finden einen Bauplatz und beginnen, ein Holzhaus zu errichten. Alles geschieht mit Muskelkraft. Abwechselnd sieht man Herrn und Frau Picapica lange Balken heranschleppen und verbauen. Doch plötzlich kommt ein dicker Mann, ein Koloss, gemessen am schlanken Herrn Picapica. Dieser Koloss besetzt das zukünftige Kinderzimmer, sitzt da dick, fett und sinnlos und lässt sich nicht vertreiben. Im Gegenteil, sobald Herr oder Frau Picapica in seine Nähe kommen, teilt der dreiste Hausbesetzer Prügel aus. Was bleibt dem Paar? Es gibt auf, sucht einen anderen Bauplatz und fängt erneut mit dem Hausbau an.
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Mail-Art-Projekt „Hannover“

Liebe Leute vom „Hannover“-Ansichtskarten-Projekt!
Allmählich müssten die Umschläge von mir mit den Karten-Sets bei euch eingetroffen sein. Um das soziale Mail-Art-Projekt abzurunden, schlage ich vor, dass wir Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer einen Teil der Postkarten auf dem Postweg tauschen, also uns wechselseitig zuschicken,
Beispiel: Alice schickt Karte 8 und 12 an Andrea, Andrea schickt Karte 12 und 8 an Alice. Auf diese Weise bleibt das Kartenset vollständig, nur dass die eigenen Karten postalisch gelaufen sind, also Briefmarke, Stempel und handschriftliche Nachricht haben.
Weiter schickt …
Anna, Karte 4 und 2 an Feldlilie, Feldlilie Karte 2 und 4 an Anna;
Christian, Karte 5 und 1 an Jules, Jules Karte 1 und 5 an Christian;
Andrea, Karte 7 und 8 an Jules, Jules Karte 8 und 7 an Andrea.
Karten 3, 10 und 6 gebe ich an Freunde. 9 tausche ich mit dem Buchdruckmuseum
Bitte gebt mir Bescheid, ob ihr mitmachen wollt und tauscht euch wegen Adressen untereinander aus.

Ein Netz wird zerfetzt

    Vorrede: Letztens habe ich den Bahnhof von Stolberg erwähnt und erinnerte mich an einen Text, den es bei Twoday.net mal zu lesen gab, hier aber nie. Er ist die Fortsetzung von „Große Welt ist kleine Welt“ und gehört zu Band 2 des unvollendeten Internetromans „Die Papiere des PentAgrion.“

Schalte dein Radio ein – passende Musik am Schluss des Textes

Von Westen her, über den Höhenrücken des Stadtwalds hinweg ziehen schwarze Wolken auf. Als Coster zurückkommt, schaut er hoch und sagt: „Ich glaube, du gehst am besten sofort, sonst wirst du nass.“
Da packe ich meinen Kram und mache mich auf. In seiner Diele umarmen wir uns, und ich danke ihm für all die Wohltaten, die er mir hat zukommen lassen. Er ist jetzt froh, mich los zu werden, denn er hat alles getan für mich, was einer nur tun kann, der einen bekümmerten Freund beherbergt. Am Vorabend hat er sogar auf seiner Trompete geblasen, die er kürzlich einer Freundin abgekauft hatte, die ein wenig klamm gewesen und Erbstücke hatte verhökern müssen.

Draußen hebt ein Sturm an, schüttelt und rüttelt alles durch, was sich nicht halten kann, erfasst auf dem Bahnhofsvorplatz Metalltische und Stühle und schleudert sie umher. Eine Weile setze ich mich auf eine Bank und lasse mich zausen, lasse mir vom Sturm den Kopf zu Recht rücken, bis der von Coster vorhergesagte Regen aufkommt. Da flüchte ich in den Bahnhof und gehe auf den Bahnsteig. –

Bald finde ich mich mit drei anderen Fahrgästen wieder im Taxi nach Stolberg. Wir machen eine hübsche Erinnerungstour durch die Stadt. Es ist nicht so, dass wir mit dem Taxi hatten nach Stolberg fahren wollen. Die Deutsche Bahn hat uns dazu genötigt. Einst muss die Bahn ein Muster an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gewesen sein. Da warb sie mit dem Slogan: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Dieses robuste, ja, stoische Image hat sie längst verspielt. Die Bahn ist heute ein fein gesponnenes Netzwerk von höchst fragiler Natur. Das Gebilde Bahn gerät aus den winzigsten Anlässen sofort aus dem Takt, beispielsweise wenn Wetter ist, also Kälte, Hitze, Sturm oder Gewitter. Ja, selbst wenn ein Verantwortlicher an den Schaltstellen nur ein Fürzchen quer sitzen hat, pflanzt sich diese kleine Unpässlichkeit über das filigrane Netzwerk fort, richtet hie und da erste Schäden an, die im weiteren Verlauf kulminieren, sich zu wahren Unwettern aufblähen und in der Folge als Tornado den gesamten Bahnverkehr zum Erliegen bringen.

Dem stofflichen Netzwerk der Bahn fehlt Redundanz, es fehlen alternative Verbindungen, auf denen sich eine Störung umgehen lässt. „Früher“, sagt ein hilf- und ratloser Lokführer aus der Tür seiner Lok heraus, „früher wären sofort zwölf Mann ausgerückt, um die Schäden an der Strecke zu beseitigen. Aber heute müssen die erst zusammengerufen werden.“ Seine Lok steht still auf dem Bahnhof von Stolberg, wohin die Reisenden mit dem Taxi gekommen sind. Ab Stolberg werde ein Zug fahren, hatte man uns gesagt. Aber diese Information gilt nicht mehr. Der Furz aus dem Bahnvorstandssessel war leider verheerend. „Wann es weiter geht, weiß ich auch nicht“, sagt der Lokführer. „Die Strecke ist nicht frei.“ Nie zuvor hätte ich gedacht, dass die gewaltigen Lokomotiven, die so eine immense Kraft und Geschwindigkeit entfalten können, von Männern gesteuert werden, die nichts wissen. Die Unwissenheit aber ist eine Begleiterscheinung fragiler Netzwerke. Solche Netzwerke sind streng hierarchisch organisiert. Das Wissen verdünnt sich von oben nach unten, denn es ist per Definition Herrschaftswissen und festigt die Macht der Entscheidungsträger. Es heißt, schlanke Netze seien kostengünstiger und effektiver. Verschlankung bedeutet aber Ausdünnung. Was nicht oft gebraucht wird, kommt weg. Weg kommt auch, was mehr Kosten verursacht als es beim Normalbetrieb einbringen könnte. Da nun aber der Normalbetrieb von unzähligen Faktoren gestört werden kann, sind wir also auf dem Stolberger Bahnsteig gestrandet. Mich erwartet niemand, aber um mich herum wird heftig diskutiert und geflucht, weil man Termine hat.

Bahnreisende sind üblicherweise eine Zwangsgemeinschaft, und das Kennzeichen solcher Strukturen ist die gegenseitige Abschottung. Daher fließt im Netzwerk der Bahnkunden selten eine Information, die über das Gucken, Schubsen und Anrempeln hinausgeht. Im Netz der Bahn werden Informationsträger befördert, die zu anderen Netzwerken gehören. Ein Menschentransportmedium kann natürlich auch gesellig sein, zumindest einst ist es so gewesen, als die Menschen noch in den unbequemen Rollwagen saßen, deren Wände hochgeflochten waren, so dass man nicht hinaussehen konnte. In Jörg Wigrams Rollwagenbüchlein aus dem Jahr 1555 sind die Schwänke versammelt, die man sich zur Reiseunterhaltung erzählte. Offenbar hat die Kommunikationsbereitschaft des postmodernen Menschen enorm unter der Verstädterung und der Ausweitung seines privaten und beruflichen Netzwerkes gelitten, hat sich dadurch verdünnt und ist eigentlich zum Stillstand gekommen unter Fremden. So geht es auch jetzt auf dem Bahnsteig von Stolberg. Zuerst müssen alle in ihr Mobiltelefon sprechen und die aktuellen Wasserstände melden, wo sie sind, was passiert ist, dass niemand was weiß. Und Rückrufe kommen.

„Nein, niemand weiß, wann es weitergeht!“

Das ist zweifellos eine wichtige Information, die über die diversen Funknetze verbreitet werden muss. Sie zieht in den Äther hinaus, einmal um den Mond und zurück, wird von diversen Satelliten weitergeleitet, zurückgestrahlt in Parabolantennen, umgewandelt und wieder in die Funknetze eingespeist, um hie und da in Köpfe zu flutschen: „Keiner weiß was, ich weiß auch nichts.“ Es ist klar, dass sich Informationen verdünnen, je größer und dichter ein Netzwerk ist, in dem sie herumschwirren. Wie Autobahnen Verkehr erzeugen, so erzeugt jede Datenautobahn Informationen, die es nur gibt, weil die Datenautobahn da ist. Und je höher die Nachrichtendichte, desto redundanter werden Informationen. Auf einen Großteil könnte man verzichten, ohne den Informationsgehalt zu senken. Zusätzliche Fernkommunikationsnetze wie Internet und Festnetzanschluss, sie alle in Kombination bewirken nicht nur ein Absinken des Informationsgehalts der digitalen Nachrichten, die Nachrichten können sich auch gegenseitig stören, überholen, den zeitlichen Ablauf durcheinander bringen.

Anders ist das bei stofflichen Netzen wie bei der Bahn oder einer Solidargemeinschaft, die sich aus Gründen höherer Gewalt zu einem losen Netz zusammenschließt. Denn nachdem auch der letzte dreimal herumtelefoniert hat, dass niemand was weiß, besinnt man sich auf die Leute in der Umgebung. Das Niederliegen des Beförderungsnetzes lässt ein unmittelbares, menschliches Netz entstehen. Horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum. Dieses neue soziale Netz ist nur eine Augenblicksbildung, aber sie lässt ahnen, wie die Welt anders und besser sein könnte, wenn die Menschen mehr miteinander reden würden, Aug in Aug und nicht per Fernkommunikation. Im Laufe der holprigen Reise sollte ich jedenfalls eine Reihe Leute kennen lernen und die kurzweiligste Bahnreise meines Lebens haben, die ich je alleine unternommen habe.

Die Bahnsteige in Stolberg (Rhld) sind nicht überdacht. Überhaupt ist es recht ungastlich in Stolberg. Selbst wenn der Zug mit geschlossenen Fenstern durchfährt durch Stolberg (Rhld), dann stinkt es nach faulen Eiern. Dort auf dem Bahnsteig zu stranden mit einem Lokführer, der ratlos neben seiner Lok steht und nicht weiß, wann er weiterfahren darf, das gemahnt an einen Alptraum. Als alle Wartenden schon verzweifelt sind, naht die Rettung. Ein Fahrdienstleiter mit einem großen Rucksack auf dem Rücken taucht aus der Unterführung auf, wird sogleich umringt und mit Fragen gelöchert, denn er strahlt Kompetenz aus. Nach einer Weile macht er sich frei, tritt einige Meter zur Seite und ruft mit seinem Mobiltelefon irgendwo an, offenbar bei einer höheren Stelle. Ich höre ihn fragen: „Und was mache ich jetzt mit meinen Leuten?“

Es wirkt sogleich beruhigend, dass plötzlich jemand sich verantwortlich fühlt für den Haufen, der auf dem Bahnhof von Stolberg gestrandet ist. Inzwischen bin ich mit einer blonden jungen Frau ins Gespräch gekommen. Sie will nach Berlin, was vom Stolberger Bahnhof aus unglaublich weit wirkt. Es ist kaum vorstellbar, dass jemand, der auf dem Bahnsteig in Stolberg herumsteht bei einem Zug, der nicht fährt, noch zu christlicher Zeit in Berlin anlangen kann. Sie ist Zollbeamtin, unterwegs zu einem Lehrgang, und ich habe mir in Maastricht im Easy-Going-Coffeeshop fünf Gramm Gras gekauft. Wenn ich meinen Arm bewege, steigt der unverkennbare Geruch nach frischem Haschisch aus der Innentasche meiner Jacke auf …

Digital wird Material – Gemeinschaftsprojekt Kurt Schwitters: „Hannover“

„Es ist etwas dazwischen gekommen!“, empfing mich mein Gewährsmann Peter im Buchdruckmuseum. Man werkelte zu Dritt an der Abzugspresse. Es musste eine andere Form abgezogen werden für eine Gruppe, die am Vortag überstürzt hatte aufbrechen müssen und heute wiederkommen wird.
„Und wann können wir meine Karten abziehen?“
„Am besten nächsten Mittwoch.“
Mist und dafür bin ich schon um 9 Uhr eingetroffen. Bis zum kommenden Mittwoch wollte ich nicht warten, ging einige Häuser weiter zum Kopierladen und besprach die zu druckenden Karten. Glücklicherweise existiert Karte 9 ja auch als Vorlage für den Digitaldruck. Mittags sandte ich von zu Hause die drei Dateien, musste nach telefonischer Rücksprache mit einer Frau C. bei einigen die Größe korrigieren; um 17 Uhr holte ich die Karten ab. Prächtig! Soeben habe ich sie eingetütet und versende sie gleich.
Update 12:56 Uhr: Ist auch erledigt.

Die ganze Welt ist meine Ansichtskarte

Ein dicklicher Hipster mit Bart und Brille steht im engen Kiosk im Weg, steht einfach da rum und dampft seine E-Zigarette. Er scheint etwas gekauft zu haben, aber geht nicht und macht nicht Platz im engen Gang vor der Verkaufstheke. Warum? Völlig unmotiviert sagt er: „Das hier ist der kultigste Kiosk von Linden!“ und schickt ein einvernehmendes „Hehehe!“ hinterher. Der Kioskbetreiber findet es nicht lustig und ich auch nicht, bin im Gegenteil unangenehm berührt. Denn den Kiosk besuche ich regelmäßig am Samstagmorgen. Er gehört zu meinem Alltag und zum Alltag der Familie, die hier arbeitet. Wir mögen nicht Teil eines kultigen Menschenzoos sein, in dem konsumverwöhntes Hedonistenpack dampfend im Weg rumsteht, um sich auf unsere Kosten zu vergnügen. Was ist nur los mit den Menschen? Warum sind sie so unbehaust und müssen unbedingt als Plage in angesagte Orte einfallen? Warum wollen sie hin, wo es „kultig“ ist oder nur postkartenwunderschön? Immanuel Kant hat den Großraum Königsberg nie verlassen und hatte alles, was er brauchte. „Der Weise sei sich selbst genug“, sagt Baltasar Gracián in seiner „Kunst der Weltklugheit“. Jedem ist doch ein reiches Gefühlsleben, Verstand und schöpferisches Potential mitgegeben, entsprechend dem wunderbaren Bonmot eines Kunstprofessors:

„Jeder, der an mir vorbeigeht, ist ein Künstler“,

wobei vielleicht die Idee mitschwingt, dass es der Initialzündung bedarf, und sei es die einer Begegnung im Vorbeigehen. Wer das Pech hat, keine Initialzündung zu erleben, verödet und spürt, dass ihm etwas fehlt, gesellt sich zu den Konsumidioten, die bedenkenlos den Globus abfrühstücken, sich die touristischen Highlights und Geheimtipps reinziehen in die Nase wie Koks oder eben einen verwinkelten Kiosk in Linden-Süd inhalieren, bis die normalen Kunden genervt wegbleiben. Ich hab derlei schon mal erlebt. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, sagt Hans Magnus Enzensberger. In einer schier grenzenlos verfügbaren Welt führt kein Weg daran vorbei, sich selbst zu begrenzen. Auch wenn jeder bei sich denkt: Die Touristen sind immer nur die anderen.