Die letzte Freinacht (5) – Sabines Bruder

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„Jetzt besuchen wir Sabine, das scharfe Luder!“, hat Neuhaus gesagt. Sie ist eine erst kürzlich Zugezogene und erregt unsere Phantasie. Im Schein der Straßenlaterne legen wir an der Front des Hauses die Leiter an. Im Giebel sitzt ein einziges Fenster, und dahinter soll Sabine schlafen. Neuhaus gibt mir die Taschenlampe, und ich klettere die Leiter hoch. Am Fenster knipse ich die Lampe an und leuchte ins Zimmer. Natürlich hatte ich erwartet, Sabine zu sehen. Ein scharfes Luder zwischen den Kissen. Aber wie der Lichtkegel durch das Zimmer wandert, wird ein Plumeau hochgerissen und eine Gestalt taucht weg. Und dann ruckt und zuckt es komisch unterm Plumeau. Eine ganze Zeit beleuchte ich das Gezappel, doch dann tut sich plötzlich nichts mehr. Auch als ich mit der Lampe an die Scheibe ticke, bekomme ich nicht mal eine Nasenspitze zu sehen.

„Was ist los?“, ruft Neuhaus von unten.

„Ich weiß nicht, da ist wer unters Plumeau gekrochen!“

„Sabine?“

Ich leuchte noch mal hinein. Ein alter Kleiderschrank, obendrauf ein Karton mit der Aufschrift „Bajella“, ein Stuhl an der Wand, unter der Decke klemmt ein Glasteller, nackte Wände, kein einziges Bild aus der Bravo …
„Ich glaube nicht!“
Weil sich nichts weiter ergibt, steige ich wieder hinunter. Neuhaus hat schon einen Fuß auf der Leiter.

„Lass mich mal!“, sagt er und nimmt mir die Lampe ab. Oben leuchtet er auch ins Zimmer, und zwar noch sorgfältiger als ich. Dann kommt er enttäuscht wieder herunter.

„Das ist wirklich nicht Sabines Zimmer.“

„Woher willst du das wissen?“, fragt Peter.

„Da stehen Schuhe unterm Bett, richtige Karwenzmänner!“
Er zeigt mit beiden Händen Schuhgröße 58 an.

„Dann sind die von ihrem Bruder“, sagt Neuhaus. „Das ist vielleicht ein Schisser. Der kommt da gar nicht mehr unter dem Plumeau raus.“

„Hoffentlich erstickt er nicht“, sagt Peter.

Wir beschließen, es vom Hof aus zu versuchen. Irgendwo muss Sabine ja schlafen. Die Leute wohnen in einem umgebauten Gehöft, auf dessen Hof man durch eine grün gestrichene Holztüre gelangt, die neben dem großen Hoftor in die Mauer eingelassen ist. Neuhaus drückt die Klinke hinunter, die Falle geht auf, die Tür ist offen. Neuhaus hält die Tür auf, während Toni und ich vorsichtig die lange Leiter hindurch tragen. Der Hof ist ziemlich eng, so dass wir die Leiter kaum aufrichten können, ohne irgendwo anzustoßen. Parallel zur Straßenfront liegt das Haupthaus. Hier wollen wir unser Glück versuchen. Wieder legen wir die Leiter an ein Fenster im Obergeschoss. Ich klettere hoch und leuchte hinein. Sabine?
Da fliegt ein dicker Kerl im weißen Nachthemd laut brüllend aus dem Bett auf, der Alte!

„Au Scheiße, der Alte kommt!“, rufe ich, haste die Sprossen hinunter und springe in den Hof. Die anderen lassen sich von mir anstecken, und ehe ich mich versehe, sind sie zum Törchen
hinaus.

Fortsetzung

3 Kommentare zu “Die letzte Freinacht (5) – Sabines Bruder

  1. Pingback: Die letzte Freinacht (6) – Mareike

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