Die letzte Freinacht (1) – Der Maibaum wird geholt

Die Tür zur Kneipe wird aufgestoßen, und Mistgeruch weht herein. Büb, der Jungbauer, steht in der Tür. Er hat sein Gespann draußen, es kann los gehen. Wir sind guter Dinge, die Dämmerung naht. Es geht durch den Hohlweg in den Bruch hinunter. Im Ausläufer des mächtigen Auwaldes finden wir unseren Baum. Die meisten von uns sitzen auf dem Anhänger, wo Äxte und Sägen und eine schwere Kette liegen. Will und ein anderer stehen hinten auf dem Traktor, rechts und links der Anhängerkupplung, und manchmal rufen sie Büb etwas in den Nacken.

Bei uns auf dem Anhänger kreist eine Flasche Korn, damit wir nicht frieren, und die anderen Jungbauern führen das große Wort. Manchmal darf ich auch etwas sagen, doch es ist für einen landlosen Halbwaisen schwierig, das Wort zu bekommen. Kurz und gut gesagt, das steht mir zu. Komisch, mein Bruder Will hat das Problem nicht. Er steht immerzu im Mittelpunkt, er ist von natürlichem Adel. Man muss nämlich wissen, wie die Dinge gesagt werden, und irgendwie weiß ich das nicht so richtig. Da war niemand, der es mir beigebracht hat. Es wurde bei uns oft gelacht über den neuen Nachbarn meiner Großmutter. Am 1. Weihnachtstag ist er bei meiner Großmutter an der Haustür gewesen.
„Guten Morgen, Frau Kramer!“ hat er gesagt. „Ich wollte eben gratulieren. Herzlichen Glückwunsch!“
Dabei hat er meiner verwunderten Großmutter die willenlose Hand geschüttelt und auch noch dem Großvater durch den Hausflur zugerufen: “Herzlichen Glückwunsch zu Weihnachten, Herr Kramer!“

Knapp vorbei ist auch daneben. Bei Floskeln duldet man kein daneben. Man muss die richtigen Formeln beherrschen. Will kennt die Formeln des Lebens gut und er setzt sie virtuos ein. Er weiß eben, was sich gehört. Und daher genießt er auch bei den Älteren hohes Ansehen. Mir dagegen fallen die Wendungen nicht immer ein. Höchsten, wenn ich sie nicht brauche. Auf dem Land ist der Anteil der Floskeln in Gesprächen hoch. Wer nicht recht weiß, wie die Dinge gesagt werden, hat die Wahl: er wird Dorftrottel oder studiert, wobei das eine natürlich nicht unbedingt besser ist als das andere.

Fortsetzung

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2 Kommentare zu “Die letzte Freinacht (1) – Der Maibaum wird geholt

  1. Pingback: Die letzte Freinacht (6) – Mareike

  2. Pingback: Die letzte Freinacht (5) – Sabines Bruder

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