An der Y-Gabel (2) – Achterbahnfahrt mit Lisette

Meine Exschülerin Christine, mit der ich 25 Jahre nach ihrem Abitur 1995 noch brieflichen Kontakt halte, schrieb mir eine Ansichtskarte aus Aachen. Sie sei nach zehn Jahren mal wieder dort gewesen, habe an mich denken müssen und die Ansichtskarte im Buchladen neben dem Café Kittel auf der Pontstraße gekauft. Wie schön, dachte ich, und dass es beides noch gibt, weil das Café Kittel entscheidende Bedeutung für meinen Lebensweg hatte. Ich säße nicht hier, wäre ein anderer und würde vermutlich nicht einmal bloggen, wüsste auch gar nicht, dass sich im Jahr 1998 mein Leben verzweigt hat wie an einer Ypsilongabel, dass mein altes beschauliches Dasein als Familienvater und Lehrer auseinanderflog und mein Leben den Weg nahm, in dessen Folge ich in Hannover landete und diese Zeilen schreibe. [Kartentext Aachener (Öcher) Platt: „Was du erzählst, das muss nicht stimmen. Es muss nur schön sein.“]


Nach den Sommerferien hatte ein Kollege mich gefragt, ob eine befreundete Fotografin in meinen Unterricht kommen könne, um Schulfotos für ihre Bildagentur zu machen. Ich willigte ein. Er hatte schon vorher von ihr erzählt, oft sogar, dabei immer von “einer Freundin“ gesprochen, und ich hatte ganz arrogant gedacht, dass wird wohl eine unscheinbare graue Maus sein, wenn sie seine „eine Freundin“ ist. Diese Freundin kam aber nicht in meinen Unterricht, hatte wohl schon bei anderen Kollegen genug fotografiert, mit denen sie später redend im Lehrerzimmer stand. Ich war fasziniert. Entgegen meiner Erwartung war sie eine großgewachsene, schöne Frau Mitte 30 mit struppigen blonden Haaren, sehr schlank, lebhaft in Mimik und Gesten, eine einzigartige Erscheinung in unserem sonst so drögen Lehrerzimmer. Unsere Blicke trafen sich mehrfach, aber näher kamen wir uns nicht.

Am Nachmittag bummelte ich durch Aachens Fußgängerzone, als plötzlich hinter mir eine Frauenstimme sagte: „Du läufst mir dauernd vors Rad. Kann ich mal vorbei?“ Ich drehte mich um und sah die Fotografin aus dem Lehrerzimmer mit Fahrrad. Das war schon kurios, denn ich war nicht etwa Schlangenlinien gegangen. Auch durfte sie in der Fußgängerzone überhaupt nicht radeln. Ich sagte: „Oh! Habe ich gar nicht bemerkt.“ Sie war abgestiegen. Ich fragte, ob ihre Fotoaktion in der Schule erfolgreich gewesen sei, aber eigentlich nur, um etwas zu sagen.

Sie habe die Filme gerade ins Labor gebracht, sagte sie und müsse nun bis zum Abholzeitpunkt um 17:30 Uhr überbrücken. Zeit, einen Kaffee zu trinken. Da ich ohne Ziel in die Stadt gegangen war, setzte ich mich mit ihr vor den Domkeller. Es war den Tag über sonnig gewesen, doch mit dem aufkommenden Abend strich ein kalter Wind über den belebten Platz „Am Hof.“ Sie fröstelte und es erschien eine Gänsehaut auf ihrem Dekolletee. Ich weiß noch, dass ich mit einem Mal dachte: „Eine gefährliche Frau.“ Zum Abschied sagte sie: „Wir sehen uns Donnerstag.“ Dann würde sie wieder an meiner Schule fotografieren. Bei dieser Gelegenheit verabredeten wir uns für einen Samstagabend im Café Kittel. Bis dahin hatte sich mein Leben noch nicht verzweigt, ihres auch nicht, und es hätte alles anders kommen können.

Ich traf Samstagabend pünktlich im Kittel ein und setzte mich an einen der Tische beim Eingang und Fenster. Sie kam nicht. Nachdem ich 25 Minuten gewartet hatte und dachte, das kann nicht sein, stand ich auf und ging an der Theke vorbei nach hinten durch. Der Raum knickt dort ab, und hinter dem Knick saß sie. Ich war derart überrascht und erfreut, dass ich sie zur Begrüßung auf die Wangen küsste, obwohl wir uns doch gar nicht richtig kannten. Sie sagte, sie habe den „Klenkes“ schon ausgelesen und habe das Kittel gerade durch den Biergartenausgang verlassen wollen.

Wir hätten uns also verpassen können. Ich kann nichts anfangen mit Personifizierungen des Schicksals, sonst könnte ich sagen, das Schicksal hatte uns eine letzte Chance gegeben, unsere alten Leben jeweils weiter zu leben. Vielmehr wird es so gewesen sein, dass die Wahl ihres versteckten Sitzplatzes etwas mit ihrer Unschlüssigkeit zu tun hatte. Ihr Mann sollte in wenigen Wochen von einem einjährigen Arbeitsaufenthalt in Afrika zurückkehren, und sie wird sich nicht sicher gewesen sein, ob es noch gut war, so kurz vorher ein neues Techtelmechtel zu beginnen. Von mir kann ich sagen, dass ich bereitwillig in die Achterbahn einstieg, ohne zu ahnen, dass sie sieben Jahre dahinrasen sollte, bis ich endlich aus der Kurve flog.

An der Y-Gabel (1)

Werbeanzeigen

14 Kommentare zu “An der Y-Gabel (2) – Achterbahnfahrt mit Lisette

    • Das hier war nicht als Fortsetzung gedacht. Aber deine Frage nach der Papiergeschichte ist berechtigt. Ich war emotional zu sehr in sie hineingeraten, denn die Figur der Fotografin entsprach doch sehr der oben genannten Frau. Also musste ich die Geschichte erst einmal ruhen lassen. Derzeit gibt es einfach zu viele lose Enden. Ich muss warten, bis die richtigen Impulse kommen.

      Liken

  1. Dein letzter Satz, lieber Jules, macht neugierig und weckt den Wunsch nach „weiter“. Mir geht es wie Lo. Die wahren Geschichten lese ich besonders gerne. Selbst wenn sie nicht völlig wahr sind, solange sie schön sind. Denn bei allem was wir hier schreiben, entscheiden wir immer selbst, wieviel Wahrheit wir den Erzählungen geben wollen. Etwas das besonders schön ist, wie ich finde. Einen schönen, sonnigen ersten Mai und liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    • Willkommen zurück, liebe Mitzi. Und danke für dein Interesse. Nach dem letzten Satz weiter zu schreiben, wäre vermutlich zu aufreibend für mich. Gerade im ersten Teil der Achterbahnfahrt gab es nur besonders schön und besonders schrecklich. Aber ruhig war die Fahrt nie. Du hast recht, in unseren Blogs vermischen sich immer wieder reale Erlebnisse und Fiktion. Am besten sind freilich die Geschichten, die man einfach nur runterschreiben müsste. Solche meint Lo sicher auch.
      Danke für die sonnigen Maigrüße. Leider habe ich mit meiner Fortsetzungsgeschichte zu spät angefangen. Sie endet nämlich an einem solchen Morgen. Dir einen ebenso schönen Maitag und lieben Gruß,
      Jules

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.