Hinter der Tür (3) – Der entsprungene Küster

Hinter der Tür (1) – Die abwesende Italienerin
Hinter der Tür (2) – Die oude man
Die Hausgemeinschaft war eigentlich keine, denn jede der 16 Mietparteien lebte für sich. Man grüßte sich bei zufälligen Begegnungen im Treppenhaus, aber ein Wort mehr wurde nicht gewechselt. Darum hatte Herr Dumont sich angewöhnt, Pakete anzunehmen. Auf diese Weise bekam er die anderen Mieter wenigsten zu Gesicht und konnte die Namen auf den Briefkästen zuordnen. Irgendwo über ihm wohnte der Mann, den er bei sich „Der entsprungene Küster“ getauft hatte, weil er, nachdem ihn seine Frau aus wohl guten Gründen verlassen hatte, wie ein liebestoller Kater um die Häuser zog. Über Dritte hatte Dumont erfahren, dass er Küster in der Marktkirche war, jener Kirche, an deren östlichen Klinkerwand sich ein riesiges Pentagramm befindet. Es steht auf der Spitze, und Herr Dumont wusste, dass dieses umgekehrte Pentagramm „Drudenfuß“ genannt wird. Druden sind nächtliche Spukgeister, die einen vogelartigen Fußabdruck hinterlassen, der an ein verkehrtes Pentagramm erinnert. Das Pentagramm stammt aus vorchristlicher Zeit, jener Zeit, die gemeinhin als graue Vorzeit bezeichnet wird, weil es aus ihr keine Geschichtsschreibung gibt. Von dort ist das Pentagramm überliefert, frag lieber nicht wie, und galt schon in der Antike als Glückssymbol. Der Drudenfuß jedoch ist das Zeichen der Teufelanbeter.

    „Nur dumme Leute glauben, dass man das Pentagramm auf den Kopf stellen muss, um es zum Drudenfuß zu verwandeln“,

hatte Herr Dumont einmal aufgeschrieben. Er hatte herausgefunden, dass es reicht, das Pentagramm nur um 36 Grad zu drehen, und schon wird aus ihm der Drudenfuß. „So eng liegen Glück und Satan beisammen“, befand Herr Dumont.

    „Und ist nicht überhaupt Glück ein Geschenk des Satans?“,

hatte er weiter in sein Tagebuch geschrieben. Schon seit er schreiben konnte, damals während seiner Unglückszeit in der Grottenwohnung der Großeltern, führte Herr Dumont Tagebuch. Kürzlich hatte er noch schaudernd die Aufzeichnungen seiner Horrornächte nachgelesen. Er hatte sein Tagebuch trotzig auf Deutsch verfasst, obwohl doch seine Großeltern nur Niederländisch mit ihm sprachen, aber das verderbte Lèmbörgs Plat, das limburgische Platt, das ihm wie der Dialekt der Hölle vorkam. Als er in seinen Tagebüchern, es waren mehr kleine Hefte, unvorsichtiger Weise gelesen hatte, da war die Furcht wieder hochgekommen, so dass er die Tür in seinem Flur mit einem Vorhang abhängen musste. Wie er dort zwei Haken in die Wand klopfte, woran die Vorhangstange hängen sollte, war ihm, als hätte er auf seine Hammerschläge ein fernes Wummern gehört – gleich einer Antwort.

Wird fortgesetzt