Wo Schrift noch Gewicht hat – Zeitreise in die Bleizeit

Ein feuchtkalter lichtloser Freitagmorgen. Um 9 Uhr ist nichts los auf der Limmerstraße. Die meisten Geschäfte haben noch geschlossen. Auf der Straße halten Lieferantenfahrzeuge. Ich stehe vor dem Gitter zum Buchdruckmuseum Hannover-Linden und presse die Schelle. Das Museum ist die private Initiative eines Trägervereins; die Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Deshalb hat das Museum nur am Mittwochnachmittag geöffnet. Aber ich bin mit dem gelernten Schriftsetzer Peter T. verabredet, der die von mir entworfene Kunstpostkarte Nummer sechs aus dem Schwitters-Text „Hannover“ mit mir setzen will. Am Mittwoch hatten mir zwei andere Schriftsetzerkollegen vom Museumsverein beschieden, dass mein Entwurf zu kompliziert sei umzusetzen. „Das geht nicht!“, sagten sie. Da halfen auch nicht die Hinweise, dass ich selbst gelernter Schriftsetzer sei und mein Entwurf der „Scheuche“ nachempfunden ist, die Kurt Schwitters zusammen mit dem Schriftsetzer Paul Vogt gesetzt hat.

Mir fiel ein, was ich jüngst mit Blogfreundin Anna im Sprengelmuseum besprochen habe. Wir standen im Nachbau des Merzbaus von Kurt Schwitters. Der hat als im Raum stehende Skulptur begonnen, genannt „Kathedrale des erotischen Elends (KdeE)“ und ist immer weiter gewachsen, bis die Skulptur begehbar wurde und zwei Etagen des Schwitterschen Hauses durchzog. Am Ende hat Schwitters alles von einem Schreiner kubistisch verkleiden lassen. Ich zeigte Anna zwei dreieckige ELemente, die Spitze auf Spitze montiert sind und sagte: „Dazu muss du einen Schreiner erst mal überreden, damit er nicht sagt: ‚Das mache ich nicht. Zu schwer, und außerdem verstößt es gegen meine Berufsehre!'“ Denn als Schwitters am Merzbau arbeitete, galt der noch nicht als bahnbrechende Kunstinstallation des Dada, die spätere Generationen begeistert. (Fotos: Theobromina, Gif-Animation: Trithemius) Es war Neuland, wie wir Bloggerinnen und Blogger Neuland betreten, wenn wir die Möglichkeiten der sozialen Vernetzung nutzen, um kreativ/künstlerische Gemeinschaftsprojekte zu realisieren – wie eben das Teestübchen-Projekt „Hannover“ oder in diversen Blogparaden in anderen Blogs. Hier zum Mitmachen zu aktivieren, ist nicht einfach, obwohl’s einmalige Chancen sind. Nur weiß heute noch niemand um den Wert dieser neuen Form der sozialen Kunst und mancher zuckt geringschätzig mit den Schultern. Man muss trotzdem verrückt genug sein, derlei zu realisieren. Drum treibt es mich an diesem Morgen in die Setzerei.

Denn Peter T., ein kunstsinniger Mann, der üblicherweise Führungen macht, hatte die Herausforderung angenommen und ist heute eigens meinetwegen ins Museum gekommen – da ist wohl eine Flasche Rotwein fällig. Ich habe geklingelt, das Gitter springt auf, ich gehe durch den Gang über den Hof zum rückwärtigen Gebäude. Das Museum ist eine für Linden typische Hinterhofwerkstatt. Peter kommt aus dem Druckraum, wo es auch eine Setzereigasse gibt. Wir gehen hinüber in die eigentliche Setzerei, einen Raum mit zwei Regalgassen. Zunächst gilt es, die Schrift zu bestimmen. Wir einigen uns auf die Groteskschrift Futura als Grundschrift. Kurt Schwitters, der auch Werbegrafiker war, hat die 1927 von Paul Renner entworfene Schrift gerne benutzt. Sie entspricht dem Zeitgeist der 1920-er Jahre mit revolutionären Ideen in Kunst, Architektur, Design und Typografie. Mit der zeitlos schönen Futura macht man auch heute nichts falsch.

Wir teilen uns die Arbeit auf. Peter wird die Postkartenrückseite setzen, ich mache mich an die Vorderseite. Im Jahr 1974 habe ich mit dem Lehramtsstudium begonnen. Kurz zuvor hatte ich aufgehört, Schriftsetzer zu sein. Doch weiß ich nach 45 Jahren noch immer, wo im Setzkasten die Buchstaben liegen, kenne die nötigen Handgriffe noch. Auch das Setzen klappt zunehmend besser. Nur die Orientierung in der fremden Setzerei braucht eine Weile. Hier nun der komplette Bleisatz in Arbeitsschritten. Wir haben von 9 bist 13 Uhr daran gearbeitet, inklusive Kaffeepause:

Liniensatz der Postkartenrückseite


Postkartenrück komplett mit Legende – gesetzt von Peter T.

Vorderseite Text – gesetzt von JvdL

Schrägsatz und geplante Position der Beinchen, Pantoffeln noch in falscher Schrift

Schrägsatz mit den richtigen Pantoffeln und der Begradigung eines Beinchens.

Vorderseite komplett, mit Papier stabilisiert und ausgebunden, das ist Sicherung durch Kolumnenschnur


Vorder- und Rückseite in einer Form, zugegeben zusammengefrickelt, aber Bleisatzmaterial ist immer rechtwinklig, so dass Schrägsatz nur durch Notbehelfe zu realisieren ist.

Satzform in der Abzugspresse

1. Korrekturabzug der Postkarte zum Umschlagen, Vorder- und Rückseite werden gleichzeitig gedruckt


Abzug in Originalgröße, die schmutzenden Stellen sind entstanden, weil die Farbe noch nicht trocken war.


Ich bin erschöpft vom langen Stehen und überhaupt von der ungewohnten körperlichen Anstrengung, bedanke und verabschiede mich. Die kleine Auflage werden wir am kommenden Mittwoch drucken.

19 Kommentare zu “Wo Schrift noch Gewicht hat – Zeitreise in die Bleizeit

  1. Lieber Jules,

    Danke für diese sehr unterhaltsam und anschaulich dargebotenen Einblicke in die Setzkunst. Und dann sogar mit Schrägdruck. Wie verkantet wirkt das schräge Element zwischen den übrigen Buchstaben.
    „Faszinierend“, würde der spitzohrige Mister Spock dazu sagen.

    Bloggen ist Kommunikationskultur, Präsentation, Teilhabe am Leben und Werk des Nächsten. Somit auch etwas Mitmenschliches in virtueller Form. Ganz besonders schön, wenn man sogar richtige Lebensfreunde darüber gewinnt oder wenn aus gemeinsamen Projekten und Ideen neue Kunst entsteht.

    Liebe Samstagsgrüße,

    Amélie

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Amélie,
      am besten ist noch immer die Anschauung. Natürlich habe ich noch Liebe zum alten Beruf und freue mich, davon vermitteln zu können. Das Mitmenschliche am Bloggen habe ich immer hoch geschätzt. Für mich ist es soziale Energie, und ich bin froh, wenn daraus künstlerische Gemeinschaftswerke entstehen. Es wird öffentlich immer von den „sozialen Medien“ geschwafelt, wobei es meist um die negativen Phänomene der Vernetzung geht. Wir Bloggerinnen und Blogger machen etwas Positves daraus.
      Lieben Sonntagsgruß,
      Jules

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber Jules, ganz wunderbar, dass du uns Leser an diesem Prozess teilhaben lässt. Wie weiter oben schon geschrieben wurde, glaubt man in etwa zu wissen, wie es funktioniert. Ganz anders und viel schöner ist es aber doch, das alles bildlich vorgeführt zu bekommen. Kompliment für dieses Engagement.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich kann mir richtig vorstellen, wie ihr beiden (Peter hatte uns herumgeführt, oder?) ganz in der Zeit versunken seid und große Freude an dieser herausfordernden Aufgabe hattet! 😊
    Welch ein Glück, diese analogen Bausteine zusammenzufügen und mit dreckigen Fingern das eigene Werk zu bestaunen! Ich beneide dich um dieses intensive Erlebnis und freue mich auf Post aus Hannover. (Wie kann man sich an den Kosten beteiligen?)
    Herzliche Grüße und einen guten Wochenstart,
    Anna

    Gefällt 1 Person

    • Ja, Peter T. ist der begeisterungsfähige Mann, der uns rumgeführt hat. Er zeigte sich absolut kooperativ und hatte wie ich seine Freude daran, dass wir es hingekriegt haben, wenngleich die Stückelei uns etwas gegen die Berufsehre geht. Aber der erste Abzug hat uns bestätigt, dass wir gut gearbeitet hatten. Um 13 Uhr habe ich tatsächlich erstmals auf die Uhr geschaut, und habe auch aufkommende Rückenschmerzen vom langen Stehen da erst registriert.

      Herzliche Grüße zum Wochenbeginn,
      Jules

      Gefällt 1 Person

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