„Hannover“ hat fertig – update 16 Uhr

„Oweh, meine Telefonkritzelei ist irgendwie keine Kunst“, schrieb Kollegin Feldlilie, nachdem ich ihr mitgeteilt hatte, dass ich aus unserem Gemeinschaftswerk eine Serie Kunstpostkarten machen will. Tatsächlich hatte sie die Zeichnung nebenher bei einem Telefongespräch gedoodelt, was das Skizzenhafte erklärt und mich an ein früheres Gemeinschaftsprojekt erinnert: „Doodeln ohne Draht.“ Selbst wenn Feldlilie mit ihrer Zeichnung keinen künstlerischen Anspruch verknüpft, die gesamt Serie ist ein soziales Kunstprojekt, keine „soziale Plastik“ im Beuysschen Sinne, weil zunächst nur digital. Aber das Ergebnis hat noch eine Metaebene, auf der es durchaus eine soziale Plastik ist. Durch Zeit und Raum getrennt, verstreut in Franken, in Niedersachsen, im Münsterland, im Ruhrgebiet und in Hamburg haben Menschen sich hingesetzt und gestaltet, jede, jeder in ihrer/seiner Lebenswelt hat eine gemeinschaftliche Idee verfolgt und etwas geschaffen, das in früheren Zeiten unmöglich gewesen wäre.

So unterschiedlich die Ergebnisse sind, fügen sie sich ins Konzept und wir lesen „Hannover“ von Kurt Schwitters, gestaltet von Alice, Anna Socopuk, Andrea Heming, Feldlilie, Christian Dümmler und mir. Der in Kupfer getriebene Text „Hannover“ in Hannovers Altstadt ist größer und wuchtiger, unser Text ist vielfältiger und schillernd. Man sehe, lese und staune:


Ich danke allen recht herzlich fürs Mitmachen. Heute Nachmittag werde ich versuchen, im Druckerei Museum Linden den neunten Satz (links unten) im Stil von „Die Scheuche“ aus typografischem Material zu setzen. Im Nachhinein finde ich, das Projekt ließe sich auch gut als Kalender gestalten – eventuell eine Idee fürs Jahresende. Einstweilen werde ich die Karten bald in limitierter Auflage herstellen.

Update 16 Uhr
Mein Gewährsmann im Buchdruckmuseum, der Schriftsetzer Peter Thiel (?), hatte leider keine Zeit, denn zwei Ärzte waren zu einer Führung gekommen. Die anderen Schriftsetzer wiegten bedächtig das Haupt und meinten, dass mein Entwurf zu schwer wäre umzusetzen. „Diesen Schrägsatz traue ich mir gar nicht mehr zu“, sagte Kollege Ludger. Sie holten Peter kurz dazu, der wiederum kein Problem darin sah. Wir verabredeten uns für Freitagmorgen zum Setzen meines Entwurfes. Ich werde berichten.

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17 Kommentare zu “„Hannover“ hat fertig – update 16 Uhr

  1. Lieber Jules,

    Für Satz Sechs von Kurt Schwitters „Hannover“ ist Dir ja etwas Außergewöhnliches eingefallen. Ich empfinde die Idee mit den buchstäblichen Fotos genau richtig im Sinn, Kunst im Alltäglichen und Umgebenden zu suchen, zu finden.
    Man könnte auch einen Rebus aus verlorenen Einkaufszetteln oder weggeworfenen Papierresten erstellen.
    Es wäre spannend zu beobachten, wie Kurt Schwitters die Medien und Möglichkeiten unserer Zeit nutzen würde um seine Kunst zu erschaffen.
    Deine Weise würde ihm bestimmt ausgezeichnet gefallen, kann ich mir vorstellen.

    Nun aber halte ich Dir die Daumen für Dein Projekt im Druckereimuseum Linden.
    Viel Entgegenkommen, Resonanz, Spaß & Erfolg wünsche ich Dir/Euch!

    Liebe Grüße,

    Amélie

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Amélie,
      Du hast Recht, das Alttägliche seinem Kontext zu entheben, um Kunst zu machen, ist sicher in Schwitters Sinn. Allerdings muss man die Zeitumstände bedenken: Nach dem 1.Weltkrieg herrschte Mangel, weshalb die Dinge des Alltags höher geschätzt wurden. Wir leben in einer Zeit des Überflusses. Doch auch hier gibt es Artefakte wie die von dir genannten Einkaufszettel und Papierreste. Nicht unbedingt künstlerisch ist upcycling, in Hannover vertreten durch Gert Schmidt, dessen Zettelbox aus Papierresten ich hier gewürdigt habe
      http://trithemius.de/2015/06/24/zu-fus-im-literarischen-untergrund-die-lindener-zettelbox/
      Neues aus dem Druckmuseum oben. Danke für deinen Zuspruch und

      lieben Gruß,
      Jules

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Wo Schrift noch Gewicht hat – Zeitreise in die Bleizeit

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