Hinter der Tür (1) – Die abwesende Italienerin

Zeit seines langen Lebens hatte sich Herr Dumont vor geschlossenen Türen gefürchtet, freilich nur vor jenen Türen, die niemand öffnet und für die längst kein Schlüssel mehr existiert. Weil ihm das Treppensteigen schwer geworden war, hätte er gern die Parterrewohnung des großen Eckhauses gemietet, in dem er schon Jahrzehnte auf der ersten Etage lebte. Diese Parterrewohnung war an eine Italienerin vermietet, die fast das ganze Jahr in ihrer italienischen Heimat verbrachte. Sie belegte also eine Wohnung, die sie nicht brauchte. Jedes Mal, wenn Herr Dumont sich in die erste Etage quälte, warf er einen verächtlichen Blick auf die Wohnungstür der Italienerin, weil er wusste, die Wohnung stand leer. Vor dieser Tür fürchtete er sich nicht, er fürchtete sich vor der geschlossenen Tür am Ende seiner Wohnung, vor dieser Tür ohne Schlüssel, vielmehr vor dem namenlosen Grauen , das dahinter wohnte. An dem Eckhaus aus der Gründerzeit klebte nämlich ein hutzeliger Anbau, der von außen unzugänglich war. Die Tür in seiner, Dumonts Wohnung, schien auf den Dachboden des Anbaus zu führen, der noch eine Dachgaube mit einer Reihe kleiner Fenster hatte, die aber von innen vernagelt waren. Das fensterlose Gelass auf Parterre musste einen Zugang aus der Wohnung der Italienerin haben. Aber sicher wusste er das nicht, denn niemand war je in der Wohnung gewesen. Selbst der Verwalter des Hausbesitzers gab an, dass er nichts über den Anbau wüsste. Dumont hatte ihn einmal gefragt, nachdem er eine schreckliche Nacht gehabt hatte, gequält von einem Alptraum. Da sah er sich in seinem Bett liegen, und im stockfinsteren Zimmer waren Atemzüge zu hören: „Er sagte in die Finsternis hinein: „Rob, ich habe Angst!“ Rob antwortete nicht. Stattdessen sprang die Tür zum Anbau auf, und was dort lebte, trat über die Schwelle an sein Bett.

Fortsetzung

7 Kommentare zu “Hinter der Tür (1) – Die abwesende Italienerin

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