Hinter der Tür (2) – Die oude man

Folge 1
Gemäß einem grausamen Beschluss der Schöpfung, werden die meisten Lebewesen dieses Planeten unter einem Unstern geboren. Sie müssen von der ersten Minute an um ihr Leben fürchten, sind auch hinfort niemals sicher. So sehr sie umher krabbeln und sich strecken, sie werden gefressen, zermalmt, zerfetzt, ersäuft, dahingemordet. Unter den wenigen vom Schicksal begünstigten Menschen gibt es einige, die trotzdem leiden, weil sie unter einem Fluch leben. Er scheint bei ihrer Geburt ausgesprochen zu sein und ist durch nichts abzuwenden.

Als Herr Dumont sich seine Wohnung angeschaut hatte, war sie noch möbiliert gewesen. Am Ende des langen Flurs hatte ein wuchtiger Eichenschrank gestanden. Doch als er einzog, war der Schrank fort, und es zeigte sich, wo er gestanden hatte, diese verschlossene Tür, zu der niemand einen Schlüssel hatte. Der Fluch seiner Kindheit traf ihn wie ein Schlag.

Theo Dumont war bei seinen Großeltern aufgewachsen, nachdem seine Eltern ihn dort abgeladen hatten, damit sie ungestört in der Weltgeschichte herumreisen konnten. Die Großeltern lebten im niederländischen Limburg, und zwar im Dorf Berg en Terblijt. Theo Dumont erinnerte sich an seinen ersten Besuch, die Ankunft, mit der sein bisheriges Leben schlagartig endete und einem Alptraum wich. Er musste neun Jahre alt gewesen sein und saß auf der Rückbank einer Limousine. Sein Vater steuerte den schweren Wagen über eine Brücke, unter der das Flüsschen Geule dahinplätscherte. Hinter der Brücke bog die Straße, damals noch ein Weg, scharf nach rechts und folgte dem Flussufer, bevor sie sich im stolzen Bogen nach links wandte und einen steilen Berg hinauf strebte. Am Fuß des Anstiegs parkte sein Vater, sie stiegen aus und überquerten die Straße. Auf der anderen Seite stand turmhoch der Mergel an. Oberhalb der Abbruchkante war der Berg dicht bewaldet.

Wind und Wetter hatten den eigentlich gelben Mergelstein eingetrübt, aber mitten im Grau der Felswand sah Theo Dumont zwei kleine Fenster mit Gardinen, dazwischen eine grün gestrichene Haustür, die Grottenwohnung seiner Großeltern. Der Großvater hatte in seiner Jugend noch in den Bergwerksstollen geschuftet und Mergel aus dem Berg gesägt. Schon die Römer hatten den Mergel als Baustein geschätzt. Er war nicht nur leicht zu verarbeiten, sondern schuf auch ein angenehmes Raumklima in den damit errichteten Häusern. Sämtliche Gebäude der Region waren einst aus Mergelstein erbaut worden. Nach beinah zwei Jahrtausenden, in denen man den Berg beraubt, Gänge, Stollen und Hallen gegraben hatte, war ein Gangsystem von mehreren hundert Kilometern entstanden, das sich bis zur Maas und weit ins heutige Belgien erstreckt. Die Grottenwohnung mit ihren drei Zimmerchen war einst für arme Bergarbeiter gegraben worden. Theo Dumont sollte das fensterlose hintere Zimmerlein seines Onkels beziehen. Onkel Rob war jetzt erwachsen und studierte etwas Unaussprechliches an einer dubiosen Universität. Im Dorf hatte Rob schon in jungen Jahren nur „Die oude man“ (Der alte Mann) geheißen, was gewiss damit zusammenhing, dass sein einst schwarzes Haar aufgrund rätselhafter Umstände in einer Nacht schlohweiß geworden war.

Herr Dumont sah sich, „die kleine Theo“, noch sein Köfferchen neben dem fremden Bett abstellen, und wie er an der rückwärtigen Zimmerwand die verschlossene Eichentür entdeckte. Da ereilte ihn der Fluch. Mit dieser stets verschlossenen Tür wurde die Wohnung vom gewaltigen Höhlensystem abgeschottet. Gegen alles, was in den finsteren Tunneln hauste, was dort waberte und sich gegen die Menschenskinder in der Höhlenwohnung ballte, schützte nur die eine Tür, direkt neben seinem Bett.

Fortsetzung

Werbeanzeigen

Hinter der Tür (1) – Die abwesende Italienerin

Zeit seines langen Lebens hatte sich Herr Dumont vor geschlossenen Türen gefürchtet, freilich nur vor jenen Türen, die niemand öffnet und für die längst kein Schlüssel mehr existiert. Weil ihm das Treppensteigen schwer geworden war, hätte er gern die Parterrewohnung des großen Eckhauses gemietet, in dem er schon Jahrzehnte auf der ersten Etage lebte. Diese Parterrewohnung war an eine Italienerin vermietet, die fast das ganze Jahr in ihrer italienischen Heimat verbrachte. Sie belegte also eine Wohnung, die sie nicht brauchte. Jedes Mal, wenn Herr Dumont sich in die erste Etage quälte, warf er einen verächtlichen Blick auf die Wohnungstür der Italienerin, weil er wusste, die Wohnung stand leer. Vor dieser Tür fürchtete er sich nicht, er fürchtete sich vor der geschlossenen Tür am Ende seiner Wohnung, vor dieser Tür ohne Schlüssel, vielmehr vor dem namenlosen Grauen , das dahinter wohnte. An dem Eckhaus aus der Gründerzeit klebte nämlich ein hutzeliger Anbau, der von außen unzugänglich war. Die Tür in seiner, Dumonts Wohnung, schien auf den Dachboden des Anbaus zu führen, der noch eine Dachgaube mit einer Reihe kleiner Fenster hatte, die aber von innen vernagelt waren. Das fensterlose Gelass auf Parterre musste einen Zugang aus der Wohnung der Italienerin haben. Aber sicher wusste er das nicht, denn niemand war je in der Wohnung gewesen. Selbst der Verwalter des Hausbesitzers gab an, dass er nichts über den Anbau wüsste. Dumont hatte ihn einmal gefragt, nachdem er eine schreckliche Nacht gehabt hatte, gequält von einem Alptraum. Da sah er sich in seinem Bett liegen, und im stockfinsteren Zimmer waren Atemzüge zu hören: „Er sagte in die Finsternis hinein: „Rob, ich habe Angst!“ Rob antwortete nicht. Stattdessen sprang die Tür zum Anbau auf, und was dort lebte, trat über die Schwelle an sein Bett.

Fortsetzung