Aus dem Netz gefischt – Drum Battle

Wir hatten ja nichts als Jugendliche auf dem Dorf der 1960-er Jahre. Der kulturelle Höhepunkt: Sonntagmorgens öffnete die Borromäus-Bücherei, wo wir bis Mittag in der Abteilung Kinder- und Jugendbücher eine Sitzgruppe in Beschlag nahmen. Entsprechend bestand meine Freizeitgestaltung aus Lesen. Freitagabend, ich lag lesend auf dem Sofa, als meine Mutter keine Ruhe gab und mich drängte, doch zu den Übungsstunden des Tambourcorps zu gehen. Zwei meiner Freunde würden auch hingehen. Ich hatte nicht die geringste Lust, doch weil sie nicht locker ließ, bin ich hin.

Wir übten zunächst in der Schreinerei des Tambourmajors, trommelten dort auf der Hobelbank. Das ging besser als man denken konnte. Die Sticks federten auf dem Hartholz schön zurück. Es muss Winter gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich in der ungeheizten Werkstatt lausig gefroren habe. Meine ersten Sticks mochte ich nicht. Sie waren schwarz lackiert und hatten an den Enden je eine Hülse aus Messing. Generationen vorher hatten schon damit getrommelt. Der Lack war an verschiedenen Stellen abgesplittert und an den Köpfen war der Lack ganz abgetrommelt. Als wir einen ordentlichen Trommelwirbel spielen konnten, war Frühjahr. Irgendwann bekamen wir Trommeln und durften mit den Großen üben. Das Tambourcorps traf sich am Trafohaus, am Ortsein- oder Ausgang von Nettesheim. Meine Begeisterung fürs Trommeln wuchs und hat mich nie mehr verlassen.

Mit 18 trat ich aus Protest aus dem Tambourcorps aus, weil mir zugetragen wurde, witziger Weise vom Dorffriseur, ältere Mitglieder des Tambourcorps hätten gesagt, wenn ich mir nicht bald die Haare abschneiden ließe, würde ich rausfliegen. Das war im Jahr 1968. Inzwischen hatte ich ein Schlagzeug und andere Interessen. Trotzdem hat sich die Zeit des Trommelns im Tambourcorps bei mir eingeprägt. Ich könnte noch heute bestimmte Märsche aus dem Gedächtnis spielen, wenn ich nicht durch den Schlaganfall die Taktsicherheit der Linken Hand eingebüßt hätte. Aber ich übe und versuche sie zurückzuerlangen. Es geht leider nur langsam voran. Kürzlich entdeckte ich bei YouTube ein sogenanntes Drum-Battle zwischen einer weiblichen Trommelgruppe aus der Ukraine, den Crazy Drummers, und einer niederländischen Männergruppe, European X.
Viel Vergnügen!

 

„Der Berg ruft“ zur Scillablüte auf dem Lindener Berg

Am Horizont im Blaugrau der Farbluftperspektive die Hügelkette des Deistergebirges. Örtlich begrenzt drei Regenschauern. „Toll, so deutlich zu sehen, wie da der Regen niederfällt“, sagt der Mann. „Wieso nicht umgekehrt?“, würde ich gerne fragen, doch ich traue mich nicht. Vermutlich würde die Familie mich misstrauisch beäugen, und in die unwilligen Mienen hinein müsste ich erklären, dass der Regen ebenso gut aus dem Boden sprühen könnte. Aus dieser Entfernung sieht man nur die Regenschleier, aber kann die Richtung des Regens nicht ausmachen.

Wir stehen auf dem Dach des Wasserspeichers auf dem Lindener Berg. Ich habe versucht, in den Kuppelbau der Sternwarte zu steigen, aber nicht die Geduld zu warten, bis in der drangvollen Enge jemand Platz macht. So schaue ich nur über die Köpfe hinweg zu, wie ein junger Mann das Teleskop einmal durchs Rund schwenkt, wobei er nahebei stehende Leute bittet, den Kopf einzuziehen. „Das Teleskop hat eine deutsche Aufhängung“, erklärt er. Und ich ich sehe ein, dass eine deutsche Aufhängung für die Köpfe/Hälse der Umstehenden per se gefährlich ist.


Die Sternwarte ist am heutigen Sonntag allgemein zugänglich, denn auf dem Lindener Berg findet das Scillablütenfest statt. Der Sibirische Blaustern (Scilla Siberica) wächst in großer Zahl auf dem Lindener Bergfriedhof . Weils heuer nieselte, fotografiere ich nicht und zeige Bilder aus Vorjahren, denn der Sibirische Blaustern blüht vermutlich jedes Jahr gleich, braucht aber ein bisschen Sonnenschein, um sich zu entfalten.

Auch habe ich nur mein Smartphone bei mir und bin irgendwie zu blöd, damit zu fotografieren. Das Gerät macht immer, was es will und ich bin auch hier zu ungeduldig, mich näher damit zu beschäftigen. Vermutlich liegts an der deutschen Aufhängung. „Der Berg ruft“, titelt der Flyer, der zum Tag der offenen Tür auf dem Berg ausgeteilt wird. Weil der Lindener Berg ein sehr kleiner Berg ist, ruft er sehr leise, weshalb den Flyer nur bekommt, wer schon da ist. Aber einige Leutchen sind dem Ruf trotz Regens gefolgt und bereit, an den 13 Stationen, Stempel zu sammeln. Ein komplett gestempelter „Stempelpass“ erlaubt die Teilnahme an einer Preisverlosung. Dazu fehlen mir Hinwendung und Geduld. Außerdem hat es sich wieder zugezogen, und es ist lausig kalt. Aber schön war die Aussicht vom Wasserhochbehälter auf dem Lindener Berg und zu sehen, wie es am Deister in die Wolken regnete.

Aus dem Netz gefischt: Stackenblochen

In Hannover kannte ich eine Frau näher, die neben diversen Vorzügen auch einen winzigen Tick hatte. Alle Packungen auf einem offenen Küchenregal, das Salz, die Nudeln, der Reis, die Cornflakes musste in einem Winkel von 45 Grad ausgerichtet sein, sonst wurde sie unruhig. Nachdem ich mittags für ihre achtjährige Tochter gekocht hatte, konnte ich beobachten, wie sie die obligatorische Ordnung mit geübten Handgriffen wieder herstellte. Dass Deutsche nicht 45 Grad, sondern den rechten Winkel bevorzugen, könnte man glauben, wenn man die Nachkriegsarchitektur betrachtet oder überhaupt weiß, dass gemäß dem deutschen Nationalcharakter in Deutschland alles recht geordnet sein muss. Das Außenbild ist so falsch nicht. Nachdem auf dem niederländischen Musiksender Hilversum II der Titel „Engel“ der deutschen Rockgruppe Rammstein gelaufen war, fragte der Moderator seinen Kollegen: „Hoe ziet hij er volgens jou uit, een Duitse engel?“ [Wie sieht er wohl aus, ein deutscher Engel?] Der wusste: „Paniert!“ Tatsächlich passen panierte Engel zum Brachial-Rock Rammsteins wie Arsch auf Eimer.

In der US-Late Night Show von Conan O’Brien ist ein Ausschnitt einer angeblichen deutschen Game Show zu sehen, eine Prüfung namens „Stackenblochen“, bei der die Kandidatin in kurzer Zeit Gegenstände auf dem Tisch im rechten Winkel anordnen muss. Vorsorglich weise ich darauf hin, dass die überaus verstörenden Bilder fiktiv sind und der Schäferhund nicht zu Schaden kam. Die Veralberung der deutschen Sprache und das hier vermittelte Bild der Deutschen ist ziemlich schräg, aber so falsch nicht, wenn man bedenkt, dass mit dem NS-Staat und der DDR zwei Diktaturen aufeinander folgten und in Deutschen Parlamenten eine Partei sitzt, die sich die alten Nazizeiten zurückwünscht. In deren Welt passt pfeilgrad „Stackenblochen.“ Das Video lässt sich leider nur auf YouTube ansehen. Bitte klicken!

(Dank an Tammo für den Nachweis)

Übung gegen den Handkrampf

Kürzlich schickte mir ein Freund aus Aachen diesen Zeitungsausschnitt über eine Ausstellung, die meine Tochter und mein Schwiegersohn gemeinsam beschickt haben, unter anderem mit der abgebildeten preisgekrönten Collage [in besserer Qualität hier]. Zum Zeitungsausschnitt gehörte ein handgeschriebener Brief. Also schrieb ich zurück, um mich zu bedanken. Schon nach einer Dreiviertelseite bekam ich einen Handkrampf. Chirospasmus oder Mogigraphie lauten die Fachausdrücke. Sie waren mir bis vor Jahren nur theoretisch bekannt. Noch in den 1990-er Jahren hätte ich weit von mir gewiesen, dass ich je einen Brief wegen Mogigraphie würde verkürzen wollen. “Radfahren verlernt man nicht“, behauptet der Volksmund. Verallgemeinern kann mans nicht. Was der Mensch nicht übt, verlernt er, so auch das Schreiben und Gestalten mit der Hand. Ich gelobe, dass ich mich trotzdem am Gestaltungsprojekt „Hannover“ beteiligen werde, wenn sich noch Mitstreiter finden. Bislang droht das Mitmachprojekt mangels Beteiligung zu scheitern. Also auf! Gib dir einen Ruck hierzu! So jung kommen wir nicht mehr zusammen.

Einladung zum Gestaltungsprojekt „Hannover“

Vor Jahren habe ich einmal die Groteske „Es ist ein Unglück geschehen“ von Kurt Schwitters in Abschnitte aufgeteilt und von Schülerinnen und Schülern einer 10. Klasse gestalten lassen. Aufgabe war, den Text zu lettern und in Teilen als Rebus zu zeichnen oder illustrativ zu visualisieren. Hierzu die beiden Beispiele. Das erste Blatt (DIN A2 im Original) habe ich gestaltet (natürlich noch alles mit der Hand gelettert), das zweite die heutige Künstlerin Monika Thorwart:

(Zum Vergrößern bitte klicken)

Ein ähnliches Projekt würde ich gern im Teestübchen machen. Dazu habe ich ebenfalls einen Text von Kurt Schwitters ausgesucht, denn seine Texte sind seit Januar 2019 gemeinfrei. Der Text ist wesentlich kürzer als „Es ist ein Unglück geschehen“, denn anders als im Unterricht, bin ich im Blog auf freiwillige Mitarbeit angewiesen. Es ist der in Hannover bekannteste Text von Kurt Schwitters: „Hannover.“ Kinder lernen ihn in der Grundschule, und in der Altstadt sind die wenigen Zeilen als begehbare Kupferplatte in die Fußgängerzone eingelassen. Getreu Schwitters Wahlspruch: „Tretet Dada ein!“, kann man hier seinen Text mit Füßen treten.

Fotos und Gifanimation: JvdL

„Hannover“ hat 12 Sätze. Wer gerne kalligrafiert, lettert oder zeichnet und sich beteiligen möchte, möge einen Satz aussuchen und mir die Nummer mitteilen. Das Blatt sollte etwa DIN-A-Format hoch haben, um eine einheitliche Bildergalerie zu gewährleisten, digital etwa 620 x 920 bei 72 dpi, wobei die Höhe das wichtigste Maß ist.

Mach gerne mit oder werbe geeignete Blogfreundinnen und Blogfreunde aus deinem Kreis.

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [vergeben an Jules van der Ley]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [vergeben an Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung.
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [vergeben an Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor.
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“.
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“.
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [vergeben an Andrea Heming]

„Behauptungen, wie die, daß ich nur mit einem Hemde bekleidet in den Baum gestiegen sei und dort den Taifun gelesen habe, habe, sind unwahr.“ (Kurt Schwitters, Eimer)

Wissenswertes über Roetgen

Wer Aachen in Richtung Süden über die Trierer Straße, die Bundesstraße 258, verlässt, erreicht nach etwa 17 Kilometern ein schnurgerades Steilstück, genannt Himmelsleiter. Die Himmelsleiter führt nicht in den Himmel, sondern zum Dorf Roetgen. Das Dorf hat nur einen kleinen Kern. Die meisten Häuser liegen ziemlich verstreut. Die alten Roetgener nennen ihren Ort „Röddschen“. Diese mundartlichen Fassung lässt erkennen, was es bedeutet: Kleine Rodung. Zusammen mit dem Ortsteil Rott galt Roetgen lange Zeit als das flächenmäßig größte Dorf Europas.

Kinder aus Rott, was übrigens auch „Rodung“ bedeutet, besuchen die Grundschule in Rötgen in einer eigenen Klasse. Wenn sich die Kinder beider Orte nach der Pause aufstellten, riefen die Rötgener: „Rott, Rott, Rott, Scheißkompott!“, die Rotter Kinder reimten: „Rötgen, Rötgen, angebissenes Brötchen!“

Im zweiten Weltkrieg war Roetgen, direkt an der Grenze zu Belgien, der erste deutsche Ort, der von den Amerikanern eingenommen wurde, weshalb die New York Times am 14. September 1944 überschwänglich berichtete, die Stadt Roetgen sei erobert worden. In Roetgen war man ziemlich stolz, von der New York Times zur Stadt erklärt worden zu sein.

Derzeit ist Rötgen wieder in den Medien, weil ein Tornado „eine Schneise der Verwüstung“ (O-Ton Feuerwehr) durchs Dorf gezogen, fünf Menschen verletzt und 40 Häuser beschädigt hat. „Der Tornado hatte in dem relativ kleinen Gebiet zwischen Rotter Gasse, Hauptstraße und Kuhberg sowie im Gewerbegebiet ihre [besser: „seine“] volle Zerstörungskraft entfaltet (…)“, berichtet die Aachener Zeitung. Diese Straßen kenne ich gut. Beim Radsporttraining kam ich oft von Belgien aus über die Grenzstation „Petergensfeld“ (gesprochen Peterchensfeld) hinab gesaust und fuhr weiter über die Hauptstraße, den Kuhberg zur Dreilägerbachtalsperre und am Fuß ihrer Staumauer vorbei weiter nach Rott. Übrigens sind die Schreibweisen Roetgen und Petergensfeld gute Beispiele der im Rheinland oft anzutreffenden Hyperkorrektur.

Hinter Roetgen folgt ein weiteres Steilstück der Himmelsleiter. Auch das führt nicht in den Himmel, sondern nach Fringshaus und weiter nach Konzen. Hinter Fringshaus quert die Bundesstraße 258 bis kurz vor Konzen belgisches Hoheitsgebiet. Wer dummerweise hier einen Unfall erlitt, musste auf den Krankenwagen aus dem 14 Kilometer entfernten belgischen Eupen warten. Dieser Zustand wurde erst in jüngster Zeit durch ein Amtshilfeabkommen zwischen Deutschland und Belgien beseitigt.

Nach den beiden Weltkriegen wurde zwischen Eupen und Roetgen im großen Stil Kaffee geschmuggelt. Da lieferten sich Schmuggler und Zollbeamte auf der oberen Himmelsleiter einige Schießereien. Roetgen und die Himmelsleitern werden mehrfach von der Vennbahntrasse gequert. Diese Bahnlinie ist, wo sie sich durch Deutschland schlängelt, ihrerseits belgisches Hoheitsgebiet. Einst wurden über das Gleis Militärgeräte transportiert, später verkehrte dort die touristische Vennbahn. Wer sich für die inzwischen stillgelegte Strecke hoch in Eifel und das Hohe Venn interessiert, kann sie im Buch „Nachtschwärmer online“ auf einer mystischen Draisine befahren.

Das war’s.

Flaute

An manchen Tagen will der Kopf gar nicht denken. Da kannst du Hüh! und Hott! rufen, wie du willst, der Kopf denkt gerade mal das Nötigste. Es hat etwas mit der allgemeinen Wetterlage zu tun und auch mit Stimmungen zu bestimmten Zeiten. Ich will trotzdem etwas schreiben und heraus kommt nur das hier über einen Mann namens Eberhard Lang: Ich kenne Eberhard Lang nicht. Vielleicht ist er Zahnarzt, vielleicht Diplom-Kaufmann. Die spärlichen Informationen zwingen zur Spekulation. Der Namensbestandteil Eber meint tatsächlich das männliche Schwein, hard bedeutet kühn.

Freilich ohne das Adjektiv kühn, wäre Eber nur das zahme Zuchtschwein. Ein wilder Eber heißt nämlich Keiler. Vielleicht liegt darin das ganze Dilemma von Eberhard, nämlich zahm und kühn zugleich sein zu müssen, was ihn für die oben genannten Berufe prädestiniert, um die einer, mit Verlaub, wirklich nicht zu beneiden ist. Der Name Eberhard war am Anfang des 20. Jahrhunderts beliebt. Weshalb sich darauf schließen lässt, dass Eberhard Lang vermutlich schon im Rentenalter ist. Hat ein ganzes Berufsleben brav hinter sich gebracht, hat zigmal Hand angelegt und Wurzeln abgetötet, Zähne aufgebohrt und unrettbare Zähne gezogen, was nicht zaudernd gelingt, sondern ein Maß an Kühnheit erfordert, aber nicht zu sehr, um die Patienten nicht unnötig leiden zu lassen.

Im alternativen Beruf wird es ähnlich gewesen sein, nur dass er als Kaufmann Zähne zeigen, aber auch schon mal zähneknirschend klein beigeben musste. Und kommt der Ruhestand, hat die Gesellschaft ihn bald abgeschrieben. Da keimte der Wunsch, es Deutschland mal so richtig zu zeigen. Die sollen merken, was ein Eberhard ist. Er kaufte sich für 236,81 € die Wetterpatenschaft für ein Tief oder ließ sie sich schenken, um noch mal richtig die Sau rauszulassen. Und kam seine Zeit, fegte Eberhard wie ein wilder Keiler durch die Lande, hat armdicke Äste abgerissen, das war gar nichts, hat noch dickere Bäume ganz ausgerissen, auf Häuser, Autos und Stromleitungen geschleudert, den Bahnverkehr lahmgelegt, Straßen blockiert, sogar Menschen erschlagen.

So etwas passiert, wenn ein zahmer Eber den Keiler in sich entdeckt. Doch eins ist ihm nicht gelungen: Hannover-Linden kam unbeschadet davon. Denn es galt die alte Weisheit: Über Hannover schläft das Wetter ein, auch ein Tief Eberhard. Und in meinem Kopf ist sogar Flaute.

Zwischen Fünf und Zehn und ein lachender Mund (2)

Zwischen fünf und zehn träumte ich etwas Seltsames. Ich war eine Sorte Praktikant in einem Unternehmen für Luxus-Events. Alles, was dort für die reiche, verwöhnte Kundschaft geplant wurde, war erlesen und teuer. Den Mitarbeitern waren bei ihren Ideen gar keine Beschränkungen auferlegt, weder hinsichtlich des Preises, der Machbarkeit oder des Sinns. Was das letzte betrifft, bekam ich aber einen kleinen Konflikt mit. Ein Mitarbeiter hatte den Käufern von Luxusautos mit vergoldeten Karosserien abverlangt, vor der Inbesitznahme des Autos einen Aufsatz zu schreiben. Diese Idee wurde allgemein als absurd angesehen und weil der Mitarbeiter in meinem Traum nicht auftauchte, konnte er seine Idee nicht verteidigen. Die anderen zerrissen sich das Maul darüber, aber natürlich auf distinguierte Weise, denn ein lautes Wort hörte man in unserem Unternehmen nie.

Wir hatten für eine verwöhnte Gesellschaft einen ganz besonderen Fußweg in die Innenstadt angelegt. Der war natürlich kurz, weil er keinerlei Mühe machen durfte. Es gab auf ihm kein Stäubchen, das ein Stolperstein hätte sein können, und es lag ein Teppich aus, in den ein Spruch, ein Satz eingewirkt war. Den hatte ich erdacht. Er war wegen seiner erlesenen Sprache mein ganzer Stolz. Leider hat ihn die verwöhnte Gesellschaft überhaupt nicht wahrgenommen.

Es war ungefähr so wie zur Fronleichnamsprozession auf unserem Dorf. Der Pastor in festlicher Gewandung trug die Monstranz durchs Dorf. Er wurde von zahlreichen Messdienern begleitet und vier Ehrenmännern in schwarzen Anzügen umringt, die den Baldachin trugen, um Priester und Monstranz zu schützen. Vielleicht hat es ja Zeiten gegeben, dass faule Eier wider Priester und Herrgott flogen. Und Bauern mit Mistgabeln und Dreschflegeln … Der Grund für den Baldachin ist jedenfalls vergessen, nur der Brauch hatte sich erhalten. Auf den Straßen war ein schmaler Teppich aus Blumen, und Leute der oberen Wyckgasse setzten traditionell ihren ganzen Stolz darin, einen Teppich aus farbigem Sägemehl auszustreuen. Er war dicht, Zentimeterhoch, an den Kanten hart begrenzt, und das verschieden eingefärbte Sägemehl formte die prächtigsten Bilder und Symbole. Als Kind habe ich immer davon geträumt, einmal einen Fuß auf diesen prächtigen Teppich zu setzen, einmal einen Fußabdruck darauf hinterlassen zu dürfen. Aber das durfte nur der Priester mit der Monstranz, alle anderen mussten seitlich des Teppichs gehen.

In meinem Traum war der Teppich nicht so klar definiert. Ebensowenig meine eingewirkte Sentenz. Beides wurde ja nicht beachtet. Schon war der Teppich achtlos überschritten, schon traf die Gesellschaft in den luxuriösen Räumlichkeiten am Zielort ein, wo sogleich der Champagner floss. Zur Gesellschaft gehörten zwei berühmte Künstler mit einem Gefolge schöner, rassiger Weiber. Für die Künstlergesellschaft hatten wir eine Kirche ausgesucht, die für ihre farbigen Fresken und Fensterbilder berühmt war, die ein Bauhauskünstler gestaltet hatte, den man nur in eingeweihten Fachkreisen kannte.

Der unangefochtene Anführer der Künstlergruppe war der Maler Baselitz. Er hatte nichts gemeinsam mit dem realen Maler Baselitz. In meinem Traum sah ich ihm ins Gesicht, als er die Tür zur Kirche öffnete und ein wunderbar farbiger Glanz herausströmte und sein Gesicht verklärte. Baselitz hatte ungleiche Augen. Eines war deutlich größer und von einer überirdischen Strahlkraft. Sogleich war ich in seinen Bann gezogen und musste mir eingestehen, dass Berühmtheit wohl manchmal auch berechtigt ist, weil die allgemeine Anerkennung, die Begeisterung für ein Werk, die exorbitanten Preise, die es erzielt, das alles sich in den jeweiligen Menschen ansammelt und ihnen da zur Verfügung steht, wovon sie gelegentlich etwas aufblitzen lassen. So ein Blitz aus sozialer Energie hatte mich aus dem größeren Auge getroffen, bevor Baselitz die Kirche betrat und das Portal hinter ihm und seinem lustigen Gefolge ins Schloss fiel.

Von den anderen aber, von denen, die sich nur im Luxus ergingen, von denen kam ein wenig Kritik. Dass nämlich paradiesische Zustände wie wir von der Eventagentur für sie geschaffen hatten, dass diese Zustände durchaus kritisch zu sehen wären, indem sie den Menschen, für die sie gemacht sind, nichts abverlangen, was dazu führen würde, dass diese Personen degenerieren und total verblöden und letztlich überhaupt nicht mehr verdienen, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen.

Da erwachte ich, und meine Uhr grinste mich an.

Zwischen Fünf und Zehn und ein lachender Mund (1)

Die Uhr zeigte einen Lachmund, als ich heute Morgen zum zweiten Mal aufwachte. Das erste Mal wars fünf Uhr gewesen; ich hatte mich noch mal hingelegt, war wieder eingeschlafen, und wie ich aufwache, lacht meine Uhr mich an. Ja, ist denn die Zeigerstellung acht nach zehn, die den Lachmund markiert, nicht längst privatisiert und in den Dienst der Juweliere und Uhrenverkäufer gestellt? Doch doch, schon in der Frühzeit des Irrenparadieses der Konsum- und Warenwelt hat man diese harmlose Zeigerstellung für Werbe- und Verkaufszwecke vereinnahmt.

Was nämlich ein unglaublicher Glücksfall ist, aufzuwachen genau um acht Minuten nach zehn, einen Lachmund zu sehen und heiter in den Tag zu starten, haben die Händler und Schacherer entzaubert, indem sie die Zeigerstellung zum Regelfall gemacht haben. Grinsende Standbilder auf den Zifferblättern ausgelegter Uhren sollen die Kunden zu jeder Tageszeit günstig stimmen und zum Kauf anreizen. Es ist wie ein Topf mit vierblättrigem Klee, der einem zu Neujahr in den Supermärkten hinterher geworfen wird. Welch ein Glücksfall und welch eine Freude, wenn wir als Kinder auf grünen Wiesen ein vierblättriges Kleeblatt fanden. Kann man dieses Glück bannen, indem man vierblättrigen Klee in Töpfe sät und zwischen Knalltüten und Knallbonbons zum Kauf anbietet? Es gab ja eine Zeit, da wollte alle Welt eine Uhr mit Digitalanzeige haben. Da schien es, dass die Uhrenhändler das unschuldige Acht nach Zehn aus ihren Klauen lassen mussten. Aber inzwischen sind ja die Analoganzeigen wieder chic, und Digitaluhren ahmen das Ticken einer Unruh nach, die sie gar nicht mehr haben. Zunächst aber müssen sie zum Wohl der Uhrenhändler grinsen.

Zwischen Fünf und Zehn träumte ich etwas Seltsames. Aber die Schilderung des Traums ist einfach zu lang, so dass ich ihn vielleicht morgen nachreiche.