Am schmutzigen Haus vorbei – Ich hole Brötchen

Viele Jahre bin ich morgens nur zum Bäcker gegangen, wenn ich eine Frau beherbergte. „Essen zu jagen“, ist ja eine biologische Konstante und vermutlich in den männlichen Genen verankert. Dass Frauen derlei Aktivität zu würdigen wissen, in den ihren. Seitdem ich erst um zehn Uhr frühstücke, habe ich mir angewöhnt, nur für mich Brötchen zu holen, was ein erst spät in meinem Leben einsetzendes Element der verantwortlichen Selbstsorge ist. Am Treppenabsatz grüßt freundlich die Frau von der Treppenhausreinigung. Sie wischt gerade die Fensterbank des Hoffensters.

„Machen Sie wieder alles schön?“, frage ich.
„Jaja, muss ja!“
Hier fällt mir keine Entgegnung ein, aber ich hätte natürlich „Dankeschön!“ sagen können, ich Trollo. Vor der Haustür wende ich mich nach rechts und strebe der Davenstedter Straße zu. Die Sonne müht sich durch einen Dunstvorhang, bietet jedoch genug Licht, um mich zu beflügeln. Eine groß gewachsene junge Frau quert eilends meinen Weg. Passend zu ihrer Hautfarbe trägt sie schwarze Strümpfe oder Leggins. Vor Jahren schon sagte meine Freundin Mimi. „Viele junge Frauen vergessen den Rock.“ Leggins ohne Rock darüber finde ich unschön. Das wirkt, als wäre die Strumpfhosenbande aus der Kita ausgebrochen. Eine Weile versuche ich Schritt zu halten so 20 Meter hinter der Frau, die den Rock vergessen hat. Doch sie ist zu schnell, will offenbar zur Straßenbahn und nicht erleben, wie die Bahn von hinten heranrollt und sie überholt. Bevor ich die Davenstedter überquere, schaue ich die Straße hinauf und hinab. Die junge Frau hat die Höhe der Haltestelle erreicht und quert ebenfalls.


Ich habe die Straßenseite bewusst erst so spät gewechselt, um nicht am schmutzigen Haus vorbei zu müssen. Es ist ein Appartementbau aus den 1990-er Jahren und erhebt durchaus den Anspruch, ein respektables Haus zu sein. Doch liegt ständig Abfall vor ihm, Papiermüll, der im Regen zu hässlichem Brei zerflossen ist, Hundescheiß, Fastfoodverpackungen, mal eine tote Ratte und derlei Zeug. Ein dicker roter Abluftschlauch wanderte tagelang zusammengesunken vom Bürgersteig zwischen parkenden Autos hin und her, offenbar immer nur nachlässig weggetreten, und du kannst darauf wetten, wenn es einem Zecher hochgekommen, dann hat er ob der ganzen langen Davenstedter just vor das schmutzige Haus gekotzt.

Ich quere die Davenstedter Straße hinüber zum Legoladen der „Steinchenbrüder.“ Kürzlich habe ich hier ein Legomodell zum Geburtstag meines Enkels gekauft. Einer der Steinchenbrüder, ein Unsympath, telefonierte ungerührt weiter, obwohl ich an der Theke wartete. Da dachte ich schon, der Kerl will gar keine Laufkundschaft. Man verdient das Geld woanders, und tatsächlich ist der Mann hauptberuflich Immobilienmakler, erst kürzlich hergezogen, wie ich in der HAZ gelesen habe. Zuvor war im Eckladen eine Apotheke gewesen. In der Tür hat der Legoladen immer noch die ovale Klappe für den Apothekennotdienst. Wozu? Es wird doch kein verzweifelter Legobauer am späten Abend klingeln und atemlos ein grünes Vier-mal-zwei-Klötzchen verlangen? Zur Strafe für die unbotmäßige Störung seiner Geschäfte fasst der unfreundliche Immobilienmakler durch die Klappe nach draußen und dreht dem Legoenthusiasten die Nase ab, – stelle ich mir jedenfalls vor.

Ich betrete die Bäckerei. Vor mir zahlt einer die Zeche für zwei andere an den Tischen, bekommt 12 Cent zurück und schiebt sie der Bäckereifachverkäuferin zu. Es ist heute die Sauertöpfische. 12 Cent Trinkgeld zu geben, würde mich beschämen. Manche Bäckereien haben gegen die Peinlichkeit eine kleine Spardose auf dem Tresen, worin sie Kleinsummen, die der Kunde nicht will, für einen guten Zweck sammeln.

Es gab eine Zeit, da war ich ständig in Gedanken, meistens wegen einer Frau. Ich stand in der Bäckerei an der Ladentheke, kaufte mir Brötchen, bezahlte und wollte hinaus, da rief die Verkäuferin: „Ihr Wechselgeeeld!“
Eigentlich hätte ich damals eine Armbinde gebraucht, wie die Blinden eine haben. Doch statt der drei Punkte hätten drei Sätze darauf stehen müssen:

    1. Bitte erinnern Sie mich an mein Wechselgeld!
    2. Sagen Sie mir auch, was ich hier will!
    3. Und was und wer bin ich?

Die Bäckerin läse meine Armbinde und würde sagen: „Bittschön, Herr Trithemius, Ihre Brötchen und Ihr Wechselgeld!“ Das wäre ein schöner Satz. Schade, dass ich dafür eine Armbinde tragen müsste. Da stehen ja auch keine wohlgerundeten Bäckerinnen mehr hinter der Theke, sondern schmale Bäckereifachverkäuferinnen. Aber man will sowieso kein ganzes Bäckereifach kaufen, weshalb die Bäckereifachverkäuferin oft schon durch eine sauertöpfische 400-Euro-Hilfskraft vertreten wird, die manchmal vor der Tür steht und hastig raucht. Diesmal ist alles gut gegangen. Ich habs passend, nehme meine Brötchen und trolle mich.

10 Kommentare zu “Am schmutzigen Haus vorbei – Ich hole Brötchen

    • Ich mag das nicht; es beleidigt mein ästhetisches Empfinden, aber leider muss ich das ständig sehen. Ich habe mich schon mal im November 2015 dazu geäußert und sah eben, dass es da einen regen Austausch gab, an dem du dich auch beteiligt hast, liebe Mitzi.

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  1. „Essen zu jagen“, ist ja eine biologische Konstante und vermutlich in den männlichen Genen verankert.

    Einspruch, lieber Jules…das kenne ich unglücklicherweise ganz anders….Stop: mein Vater war eine Ausnahme und jagte Brötchen für die Familie und Blumen für seine Frau. Einmal brachte er ihr nur das Papier mit, weil die Blumen irgendwo unterwegs verschütt gegangen waren. Zum Dank heiratete sie ihn und weil er noch richtig rot werden konnte bei einer Frau, die ihm gut gefiel.

    So ein altes ruinöses Haus hat wohl irgendwie jede Stadt. Verlorene Häuser, alt und baufällig, niemand will sich ihrer annehmen. Sie gehören irgendwelchen Investoren im Ausland, die sie in maroden Zustand wegen der Grundstücke kauften und dann vergaßen. Solche Häuser sind dennoch bewohnt vom Untergrund. Betritt man sie muss man freundlich Hallo sagen, damit die Geister nicht erschrecken und die Ratten und Spinnen rechtzeitig türmen können. Aber manchmal sieht man dennoch huschende Augen in der Dunkelheit oder ein Flitzendes Verschwinden und man weiß: man ist nicht allein an diesem Ort und es gibt welche, die ihn genau so mögen wie er gerade ist.

    Sei lieb gegrüßt von

    Amélie

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    • Nicht in den Genen? Dann ist’s deinem Vater und mir anerzogen. Das Haus sieht nicht ruinös aus. Habe ich auch nicht geschrieben. Im Gegenteil: Der Kontrast zwischen einem durchaus respektabel wirkenden Haus und dem Dreck davor ist groß. Eventuell wohnen im Haus aber unverbesserliche Dreckspatzen 😉
      Lieben Gruß!

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      • Seltsam, wie ich von Deinem nicht ruinösen Haus davon ausging, dass es verfallen, ein ‚lost place „ sei. Vielleicht, weil ich erst gestern selbst an einem solchen vorbei marschierte und darüber nachdachte, dass es schade sei, wenn ein solches, eigentlich hübsches altes Gebäude aus der Gründerzeit allmählich vom Zahn der Zeit zernagt wird. Und kurioserweise an Deinen Text dachte, allerdings vermutlich, weil vor dem Haus ebenfalls lauter Müll herum lag und dies die Gemeinsamkeit der beiden Häuser aus ihren sonstigen Kontrasten hervor hob.
        Also Danke nochmal für den vergleichenden Hinweis.
        Lieben Gruß

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        • Das wird der Grund sein. Wir gehen stillschweigend davon aus, dass bei dem Wort Haus jede/jeder das Gleiche vor Augen hat. Doch immer knüpft man als Leserin/Leser an eigene Erfahrungen an. Wie sollte es auch anders gehen? Doch ich bin immer wieder überrascht von den Leerstellenfüllungen, auch wenns in diesem Fall kene echte Leerstelle war.
          Lieben Gruß zum Wochenende

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  2. Umso schöner, denn in dem Moment, wenn ein Leser eigene Eindrücke assoziiert, identifiziert er sich mit dem Gelesenen und dann setzt im nächsten Schritt, nämlich der spontane Vergleich mit eigenen Eindrücken ein; die im Text spiegeln und reflektieren.
    Ich wünsche Dir Frühlingssonne.
    Liebe Samstagsgrüße, auch vom Sams 🙂

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