Vom Preis der ständigen Verfügbarkeit

Jeder von uns kennt Musiktitel, mit denen sich ganz spezielle Erinnerungen verknüpfen. Bei mir ist beispielsweise A Whiter Shade Of Pale von Procol Harum. Der Titel versetzt mich auf die Insel Texel des Sommers 1967 und zwar nach Den Burg in die Imbissstube
‚t Ijsbeertje, wo der Titel sich in der Musicbox befand. Ich weiß nicht mehr, welche Münze man einwerfen musste, um das zu hören, vielleicht eine Quartje genannte 25-Cent-Münze. Het Ijsbeertje am Markt war ein Treffpunkt jugendlicher Touristen, wahrscheinlich wegen der Musicbox. A Whiter Shade Of Pale erinnert mich an das Mädchen aus der Nähe von Amsterdam, in das ich heiß verliebt war. Ebenso in der Musikbox war Death Of A Clown, die erste Solosingle des Kinks-Gitarristen Dave Davies. Noch Jahrzehnte hatte ich die glockenhelle Stimme meiner Freundin aus der Texel-Vakantie im Ohr, wenn sie den Refrain trällerte.


In den 1970-er bis 1990-er Jahren war es ein Glücksfall, wenn einer der beiden Titel mal im Radio lief. Stets hüpfte mein Herz und ich kehrte in die Zeit dieses schier endlosen Sommers zurück, als ich aus Verliebtsein Niederländisch lernte und das Mädchen und ich aus mehreren Cafés gewiesen wurden, weil wir zu innig geküsst hatten. Doch indem beide Titel mir heute jederzeit zu Verfügung stehen, haben sie ihre Kraft eingebüßt. Das gilt für alle anderen, für I’am A Walrus von den Beatles, das ich an einem Samstagmittag in einer Neusser Kneipe hörte, als der Geselle Dieter Monitz mit mir meine bestandene Schriftsetzer-Gesellenprüfung feierte wie für From the Underworld von The Herd.

Jules van der Ley mit 17 Jahren – (Foto: Franz S.)

Ebenfalls mit 17 erlebte ich einen Auftritt der „Sing-Out-66“-Bewegung in der Aula des Grevenbroicher Kreis-Gymnasiums. Die Sing-Out-Vortragsgruppe bestand aus sauber geschniegelter jungen Leuten aus den USA. Sie tingelten 1966-67 auf Einladung der Bundesregierung durch die Lande und sollten die einheimische Jugend moralisch gegen den aufkommenden Pazifismus und die Kritik am Vietnamkrieg rüsten. Der Sing-Out-Chor verkörperte so perfekt die heile Welt, dass man bereit war, dem Kredo zu folgen. Gegen Ende des Auftritts spielte die Begleitband einen Titel der englischen Band The Herd, From the Underworld. Der Schlagzeuger verspielte sich. Plötzlich wichen die fröhlichen Mienen der Sängerinnen und Sänger und sie funkelten den Schlagzeuger böse an. Das hat mich beeindruckt, weils war, als hätte man allen die Charaktermasken abgerissen, und ich ahnte, dass die gesamte Botschaft falsch war. Wenn ich die oben genannten Titel aufrufe, verblasst die Erinnerung bei jedem beliebigen Wiederhören. Am Ende bleibt nur das, was ich aufgeschrieben habe und es ist mir ganz unwirklich geworden, weil nur noch Text. Das ständig Verfügbare jedweder Musik banalisiert also ganzheitliche Erinnerungen.
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