Von heimtückischen Dingen und lahmer Evolution

Ich musste in einem sehr alten Buch lesen, das überdies in Fraktur gedruckt war, um der Tücke des Objekts auf die Spur zu kommen. Dabei meine ich die Begrifflichkeit, nicht, dass mir die Tücke der Objekte unbekannt wäre. Erst gestern habe ich mit einer widerspenstigen Rolle Paketklebeband gekämpft, habe wirklich mein Möglichstes getan, sie nicht falsch zu behandeln, dass sie etwa Anlass hätte, mir Schwierigkeiten zu machen. Vergeblich. Erst war es schier unmöglich, ihren Anfang zu finden. Ich musste in meinen Fingerkuppen quasi seismologische Sensibilität aufwenden, um das Ende zu ertasten, das sich im Satz zuvor unpassender Weise „Anfang“ genannt hat, wobei jeder verständige Mensch unmittelbar verstehen wird, dass sich der Anfang am unzugänglichen Rollenkern befindet. Hatte ich also das Ende erahnt, haben meine Fingernägel lange Zeit nichts aber auch gar nichts ausrichten können, so dass in mir erstmals der Gedanke keimte, dass die Tücke der Objekte zunimmt, die menschliche Evolution aber nicht Schritt gehalten hat. Dass also das praktische Handgeschick, die einzige Handhabe gegen die Tücke der Objekte, weit hinter dem Anwachsen der Objekttücke hinterherhinkt.

Ich hatte ein Paket gepackt, dessen Inhalt um einige Millimeter über die Höhe der Kartonage hinausragte. Es hätte natürlich auch passen können. Nichts sprach dagegen. Zuvor hatte ich den zu verpackenden Inhalt vorsorglich ausgemessen, war eigens bei der Post gewesen, fand dort auch hübsche Packsets mit Ostermotiven, aber das kleinere Packset war um genau neun Millimeter zu kurz. Das Größere durchdrang mit seinen Dimensionen die Grenze der Peinlichkeit. Denn wer versendet schon ein Riesenpaket, in dem sich der Inhalt mausklein ausnimmt, aber laut einliegender Packung ein Unterwasserroboter sein will. Also hoffte ich zu Hause eine passende Kartonage zu finden. Beim Schütteln der Unterwasserroboterschachtel höre ich, dass in der Schachtel noch Platz ist. Man hätte sie ohne Probleme neun Millimeter kürzer machen können, doch vermutlich haben sich Post und Hersteller verschworen. Diese Vermutung verweist darauf, dass die Tücke der Objekte nicht aus den Dingen selbst stammt, sondern ihnen von boshaften Menschen beigegeben ist.

Im alten Buch war freilich von einem tückischen Haken berichtet, der einem Mann das Leben schwer gemacht hat. Weil ich in einem anderen Buch mal gelesen habe, dass ein Mann, der zu früh aufstehen musste, um im Gebirg einen weithin berühmten Sonnenaufgang zu sehen, dass dieser noch schlaftrunkene Mann in seiner Benommenheit mit dem Auge in einem Kleiderhaken hängen geblieben ist und so den Sonnenaufgang verpasst hat, deshalb können Haken nicht vom Vorwurf der Heimtücke freigesprochen werden. Desgleichen nicht das Paketband. Es ließ die Zeit großzügig verrinnen und ignorierte frech die Begrenzung der menschlichen Lebenszeit.

In meiner Schulter machte sich erneut eine schmerzhafte Verkrampfung bemerkbar, und je ungeduldiger ich wurde, um so hartnäckig weigerte sich das Paketband, sein Ende freizugeben. Andere Leute erdenken Weltformeln, lösen seit der Antike bekannte mathematische Rätsel, doch ich knibbele mit den Nägeln am Paketband. Habe ich es endlich erfasst, ha! Ziehe gegen seinen hartnäckigen Widerstand etwas Paketklebeband ab, wozu ich das Ende an der Tischkante festklebe, um eine Hand frei zu haben für die Schere, löst sich das Band, schnellt meiner Hand entgegen und klebt am Handballen, um sich hinfort zu verdrehen, in sich zu falten und völlig zu verkleben. Die Schere loslassend, fällt sie senkrecht nach unten und bleibt in meinem Fuß stecken. Vor Schreck und Schmerz zuckt mein Knie unkontrolliert nach oben und erschüttert den Tisch, wobei die halbvolle Kaffeetasse umkippt und ihren Inhalt über das bereitliegende und schon beschriftete Geburtstagskärtchen ergießt. Dass die Schachtel des Unterwasseroboters auch nass wird, wer wollte es ihr verwehren? Kaffee und Schere hatten eigentlich meine Position gegenüber dem Paketband stärken sollen, stattdessen haben sie die nachhaltig geschwächt.
Blende.
Blende auf:
Wie erwähnt ist die Kartonage einige Millimeter zu flach, denn auf den Unterwasserroboter gehört noch ein Buch, so dass ich das Paket stramm mit Paketband umwickeln will. Da ich mit der einen Hand die Kartonage zusammendrücken muss, habe ich nur eine Hand frei für das Paketband. Es wirft demgemäß Falten, löst sich da, wo es nicht soll, klebt aber natürlich, wo ich es noch nicht justiert habe.
Blende.
Blende auf:
Das Paket ist versandfertig. Jetzt verweigert mir die Jacke mehrmals ihr Armloch, mein Schuhlöffel hält sich versteckt, mein Schlüssel fällt zu Boden. Auf der Treppe fällt mir auf, dass meine Geldbörse einfach auf dem Tisch liegengeblieben ist. An der Haustür unten bleibe ich mit einer Gürtelschlaufe in der Türklinge hängen und danke Gott, dass keine Haken in der Nähe sind. So könnte es weiter gehen. Erzählt werden könnte noch, wie eine mürrische Postbedienstete mein Paket mit Todesverachtung vermaß und wegen der neun Millimeter Überlänge ein paar Euro mehr verlangt hat. Doch genug der Beispiele, jetzt zur Theorie:

    1) Nimmt die Tücke der Objekte tatsächlich zu? Ein Indiz könnte sein. dass uns für die Alltagsbewältigung immer mehr Erleichterungen angeboten werden. Diverse Gerätschaften und Apps dienen dazu, das Leben quasi barrierefrei zu machen.

    2) Mein eigenes praktisches Handgeschick hat erkennbar abgenommen. Liegt es an mir oder ist’s ein allgemeiner Trend, bedingt durch Punkt 1)?

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6 Kommentare zu “Von heimtückischen Dingen und lahmer Evolution

    • Ist absolut wahr, liebe Sonja. Verschiedene Menschen haben mir bestätigt, dass ihnen sogleich ein Handkrampf droht, wenn sie mehr als den Einkaufszettel schreiben wollen. Hatten unsere Vorfahren nicht auch schon mit Haken, Ecken und Kanten zu tun? Wieso ist’s jetzt ein Problem?

      Liken

    • Ich danke dir und glaube, dass die Kommunikation, ob analog oder digital voller Tücken ist. Zur Tücke der Wörter gesellt sich die digitaltechnische. Wie bescheuert lässt einen manchmal die Autovervollständigung des Smartphones dastehen 😉

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  1. Brilliant und witzig geschrieben, mit seismologischer Sensibilität. Kopfkino deluxe 🙂
    Ich würde sagen, die Tücken verlagern sich vom haptisch-handwerklichen Bereich in den kognitiven. Das scheint erstmal eine Erleichterung zu sein, kann sich aber auch in eine Entmächtigung drehen.

    Gefällt 1 Person

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