Wissenswertes über Roetgen

Wer Aachen in Richtung Süden über die Trierer Straße, die Bundesstraße 258, verlässt, erreicht nach etwa 17 Kilometern ein schnurgerades Steilstück, genannt Himmelsleiter. Die Himmelsleiter führt nicht in den Himmel, sondern zum Dorf Roetgen. Das Dorf hat nur einen kleinen Kern. Die meisten Häuser liegen ziemlich verstreut. Die alten Roetgener nennen ihren Ort „Röddschen“. Diese mundartlichen Fassung lässt erkennen, was es bedeutet: Kleine Rodung. Zusammen mit dem Ortsteil Rott galt Roetgen lange Zeit als das flächenmäßig größte Dorf Europas.

Kinder aus Rott, was übrigens auch „Rodung“ bedeutet, besuchen die Grundschule in Rötgen in einer eigenen Klasse. Wenn sich die Kinder beider Orte nach der Pause aufstellten, riefen die Rötgener: „Rott, Rott, Rott, Scheißkompott!“, die Rotter Kinder reimten: „Rötgen, Rötgen, angebissenes Brötchen!“

Im zweiten Weltkrieg war Roetgen, direkt an der Grenze zu Belgien, der erste deutsche Ort, der von den Amerikanern eingenommen wurde, weshalb die New York Times am 14. September 1944 überschwänglich berichtete, die Stadt Roetgen sei erobert worden. In Roetgen war man ziemlich stolz, von der New York Times zur Stadt erklärt worden zu sein.

Derzeit ist Rötgen wieder in den Medien, weil ein Tornado „eine Schneise der Verwüstung“ (O-Ton Feuerwehr) durchs Dorf gezogen, fünf Menschen verletzt und 40 Häuser beschädigt hat. „Der Tornado hatte in dem relativ kleinen Gebiet zwischen Rotter Gasse, Hauptstraße und Kuhberg sowie im Gewerbegebiet ihre [besser: „seine“] volle Zerstörungskraft entfaltet (…)“, berichtet die Aachener Zeitung. Diese Straßen kenne ich gut. Beim Radsporttraining kam ich oft von Belgien aus über die Grenzstation „Petergensfeld“ (gesprochen Peterchensfeld) hinab gesaust und fuhr weiter über die Hauptstraße, den Kuhberg zur Dreilägerbachtalsperre und am Fuß ihrer Staumauer vorbei weiter nach Rott. Übrigens sind die Schreibweisen Roetgen und Petergensfeld gute Beispiele der im Rheinland oft anzutreffenden Hyperkorrektur.

Hinter Roetgen folgt ein weiteres Steilstück der Himmelsleiter. Auch das führt nicht in den Himmel, sondern nach Fringshaus und weiter nach Konzen. Hinter Fringshaus quert die Bundesstraße 258 bis kurz vor Konzen belgisches Hoheitsgebiet. Wer dummerweise hier einen Unfall erlitt, musste auf den Krankenwagen aus dem 14 Kilometer entfernten belgischen Eupen warten. Dieser Zustand wurde erst in jüngster Zeit durch ein Amtshilfeabkommen zwischen Deutschland und Belgien beseitigt.

Nach den beiden Weltkriegen wurde zwischen Eupen und Roetgen im großen Stil Kaffee geschmuggelt. Da lieferten sich Schmuggler und Zollbeamte auf der oberen Himmelsleiter einige Schießereien. Roetgen und die Himmelsleitern werden mehrfach von der Vennbahntrasse gequert. Diese Bahnlinie ist, wo sie sich durch Deutschland schlängelt, ihrerseits belgisches Hoheitsgebiet. Einst wurden über das Gleis Militärgeräte transportiert, später verkehrte dort die touristische Vennbahn. Wer sich für die inzwischen stillgelegte Strecke hoch in Eifel und das Hohe Venn interessiert, kann sie im Buch „Nachtschwärmer online“ auf einer mystischen Draisine befahren.

Das war’s.

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5 Kommentare zu “Wissenswertes über Roetgen

  1. Lieber Jules,
    Als Du von den Schmuggeleien schreibst, stutze ich erstaunt: ich habe gestern einen Artikel über ein Schmugglerlokal und eine Zollstelle, den Bartholdskrug in Lipperreihe geschrieben. Und über die wilden Schießereien zwischen den Schmugglern und den preußischen Gendarmen. Spannend, nun lese ich ganz Ähnliches bei Dir. Aus Eupen brachte mir Brummifahrer Max belgische Pralinen mit.
    Ausfuhrgenehmigungen tippte ich. Handelsrechnungen, 50 Seiten lang auf der roten Kugelkopf-IBM, die Schuhe ausgezogen, weil es so heiß im Büro war wie in einem Brutkasten.
    Ach, immer diese Erinnerungen.
    Roetgen – wissenswert, allerdings.
    Danke und Gruß,
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amélie,
      wieder ein Fall von Synchronizität. Der Bartholdskrug in Lipperreihe war mir bis eben kein Begriff. Wofür hast du den Artikel geschrieben? Als ich noch in Aachen lebte, bin ich oft und gern in Eupen gewesen. Die von dir getippten Ausfuhrgenehmigungen und Handelsrechnungen waren aber nicht für die Pralinen oder 😉
      Eigentlich finde ich Roetgen nicht besonders wissenswert. Ich wurde nur daran erinnert, als die WDR-Lokalzeit über den Tornado berichtete.
      Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules,
        Der Artikel ist für ein Stadtteilmagazin. Viele der armen Siedler in der mageren Sennelandschaft waren Schmuggler und lieferten sich mit den preußischen Gendarmen an der lippisch-preußischen Grenze und Zollstelle heftige Gefechte. Wildwest am Teuto. Über die Synchronizität und seltsamen Zufälle im Leben staune ich selbst oft. Inspiration, als ein manchmal unsichtbarer Staffellauf der Ideen? In Eupen war der Grenzübergang, von dort kamen die Pralinen und ich stelle mir gerade eine 50 Seiten lange Handelsrechnung über belgische Schokoladenspezialitäten vor – von derartigen Rechnungen hätte selbst meine rote IBM Kugel-Kopf Schreibmaschine an den eh schon ruben’schen Rundungen zugelegt.
        Nein, nach Belgien versandte ich Rohre. Jede Menge Rohre. PAP-Rohre und KAK-Rohre und Compactstauchrohre und diese alle in verschiedenen Farben, Längen, Größen und Durchmessern. Roetgen hat jetzt immerhin einen Tornado mehr anzubieten und wer weiß, wo noch so in Roetgen alles mögliche Wissenswerte versteckt ist? Hinter jedem Roetgener steckt ein Fenster seine Augen.
        Einen guten Start ins Wochenende wünscht Dir,
        Amélie

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