Existenzfragen am Rande des Universums

Neulich saß ich im Park und sonnte mich. Als ein Mann im Elektrorollstuhl mit einem schwarzen Hund vorbeikam, schaute ich für einen Moment in eine mir fremde Lebenswelt. Dieser Sozialverband Mann und Hund führte ein Universum mit sich; dieses Universum durchzog meines, doch die Überlappungsbereiche waren minimal. Das Universum des Hundes war freilich noch fremder. Als beide weitergezogen war, fiel mein Blick auf den gepflasterten Weg vor mir. In den Fugen, aber auch auf den Kopfsteinen wuselten Ameisen umher.

Für einen Moment überwältigte mich die Vorstellung, wie weit das Ameisenuniversum von meinem entfernt war. In der Ferne donnerten Autos über den Westschnellweg.Aus meiner Sicht gehören Ameisen, Fußweg, Park und Schnellweg zu einem Universum, nämlich zu dem meiner Umwelt. Aber die Ameise ist so unendlich weit entfernt vom Schnellweg. Ob die Ameisen Erschütterungen des Bodens spüren? Können Ameisen hören? Wie und ob die Ameise den hundert Meter entfernten Schnellweg wahrnehmen, kann ich mir nicht vorstellen. Der Unterschied der Dimensionen scheint mir zu gewaltig. Über die Art der Ameisenwahrnehmung und die Intelligenz eines Ameisenstaates weiß ich nichts. Ich kann nur versuchen, dieses völlig andere Dasein in der Welt in mir bekannte Bilder zu übersetzen.

In der Ameisenuniversität forscht man an den Gründen für die immensen Erschütterungen des Erdbodens und kommt zu dem Schluss, dass an der Schnellstraße das belebte Universum endet. Wächter schwerer als eine Milliarde Ameisen rasen dort vorbei und bewachen die Grenze zum Nichts. Sie töten jeden, der hinüber will. Gelingt einer Ameise, die Grenze zu erreichen, fällt sie über den Rand und wird im Fallen immer kleiner und kleiner, und das Nichts dehnt sich gleichzeitig aus und aus. Ich lache: „Ihr dummen Ameisenforscher! Die Welt endet nicht dort, geht im Gegenteil noch 40.000 Kilometer weiter. Und das ist nur der Weg einmal um den Erdball, der wiederum nur ein Staubkorn im Universum ist. Und was da vorbeirast, sind keine Wächter, sondern Automobile und LKW. Das weiß ich, obwohl ich die nicht sehe. Aber ich erkenne das Motorgeräusch und das Rollgeräusch der Reifen. In den Automobilen sitzen Menschen. Wer sie sind und warum sie just dort vorbeifahren, weiß ich nicht, denn sie leben in anderen, sich rasch entfernenden Universen.“
„Wenn du nichts darüber weißt“, sagte der Ameisenprofessor triumphierend, „dann ist deine Erklärung keinen Deut plausibler als meine.“

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20 Kommentare zu “Existenzfragen am Rande des Universums

  1. Wunderschöner Beitrag und sehr interessante Gedanken, lieber Jules. Existenzfragen, die durch Ameisen ausgelöst wurden, waren auch mal Teil eines meiner vergangenen Beiträge. Die eigenen Universen, die uns von anderen menschlichen und tierischen Lebewesen unterscheiden, sind vielfältig. Schön, wenn man trotzdem eine ‚universelle‘ Schnittmenge findet.
    Schöne Grüße
    Serap

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  2. Ein schöner Einblick in die verschiedenen Universen, lieber Jules. Wie schlau wir Menschen zu sein glauben und blicken doch selbst kaum über den Rand unseres Umfeldes. Meinetwegen auch bis zum Rand unseres Universums. Wir sehen trotzdem zu wenig.

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  3. Wunderbare Gedanken, welche auch bereits in der einen oder anderen Art und Weise meinen Kopf durchschwirrten … aber der Ameisenprofessor alleine ist schon eine Welt für sich.
    Danke für ein Lächeln an diesem Tage.

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      • Ja, wir sind uns hier schon mal begegnet … durchaus schreibe ich hier und dort mal einen extraterrestrischen Kommentar der Begeisterung.
        Auch gehe ich ab und an am Leinau vorbei und strecke meinen Kopf um durch die Glasfassade zu blicken. Was so ein Geschreibsel ausmachen kann.

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        • Warum bist du als Außerirdische unterwegs? Lange Zeit habe ich mich in Hannover auch so gefühlt. Wir sitzen im Leinau fast nur noch auf der ersten Etage, im Raucherbereich, bei warmen Temperaturen aber draußen, worauf ich mich freue, denn als Nichtraucher ist mir dort oben manchmal zuviel Qualm.

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          • Allzu oft fühle ich mich als Außerirdische(r), der durch die überfüllten Straßen stapft und versucht, manch irdische und menschliche Dinge und Taten zu verstehen … ich wußte nicht mal, dass das Leinau eine Etage hat, denn drinnen war ich noch nie. Ich eile immer nur vorbei zu einem Freund ein paar Hauseingänge weiter.
            Aber … Nichtraucher bin ich auch.

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