Entmaterialisierung der Dinge

„Aahhh!“, stöhnte es aus der Ecke, „Arrgh!“, ächzte der Geist, „das tut weh!“
„Was?“
„Nach so langer Zeit wieder zu sprechen. Meine Kinnlade knirscht. Mein Halz kratzt. Alles ist wie eingerostet und schmerzt. “
„Das können ja nur Phantomschmerzen sein.“
„Weißt du nicht, dass Phantomschmerzen durchaus real sind und Betroffene als Schmerzpatienten gelten?“
„Das will ich nicht in Abrede stellen.“
„Dann erwarte ich ein bisschen Mitgefühl,. Ahh, und wie ich letztens geschüttelt wurde. Das hat weh getan.“
„Dann sind Sie es, Coster?“
„Wer denn sonst?“

„Tut mir leid, das mit dem Schütteln. Ich habe nur einer Besucherin vermitteln wollen, wie schwer Ihre Asche ist, Coster. Drum forderte ich sie auf, das Filmdöschen anzuheben, das etwas von Ihrer Asche enthält. Von Schütteln habe ich nichts gesagt.“
Ich sah hinüber zur Couch, wo Coster langsam sichtbar wurde.
„Ich spüre jede kleine Bewegung, auch wenn das Döschen nur hochgehoben wird“, sagte er vorwurfsvoll.
„Interessant. Und ich dachte ganz naiv, bei der Entleibung des Menschen würde das Spüren verschwinden.“
„Im Gegenteil.“ Coster hatte seine Fassung gefunden und lümmelte sich auf der Couch. „Würde ich sonst versuchen, auf dieser Couch eines schwedischen Möbelhändlers eine bequeme Sitzposition zu finden? Ich könnte stehen, knien oder gar nichts tun, wenn ich nichts spüren würde.“
„Also gut, Sie spüren also, obwohl sie ein Geist sind. Aber worüber sprechen wir?“
„Entmaterialisierung ist das Stichwort“, sagte Coster. Zuerst kommt die Entmaterialisierung der Dinge. Dieser Prozess hat mit der Verbreitung des Computers begonnen und schreitet unentwegt fort.“
„Wie das?“
„Stell dich nicht doof, Trithemius! Du selbst hast doch erlebt, wie die Bleischriften des Buchdrucks sich digital verflüchtigt haben. Und dass du die Telefonzelle, die vorm Haus unten gestanden hat, jetzt in der Jacke herumtragen kannst, ist ja nur noch nicht beendete Entmaterialisierung. Die Telefonzelle wird bald in den menschlichen Körper integriert werden. Jedermann seine eigene Telefonzelle, hehe! Das Geld wird auch verschwinden. Wenn du überlegst, dass es Kulturen gab, die mit Mühlsteinen bezahlt haben, da ist das digitale Bezahlen schon ein bisschen leichter. Mit dem Chip unter der Haut wird jedermann sein eigener Mühlstein, äh, eigenes Bankkonto. Genauso werden die Kassiererinnen aus den Supermärkten verschwinden. Dann kannst du gucken, wen du anflirtest, Trithemius, von wegen Die schönsten Augen nördlich der Alpen. Und deine Fernkommunikation per Internet mit Bloggerinnen und Bloggern ist ein Schritt zur nächsten Stufe der technischen Evolution: Die Entmaterialisierung des Menschen.“

„Auch wenn ich in der digitalen Kommunikation bereits entmaterialisiert bin, existiere ich weiterhin materiell,“
„Das ist deine subjektive Wahrnehmung. Von außen betrachtet gibt es nicht mal einen Unterschied zwischen Dir und mir, der ich bereits fünf Jahre tot bin.“
„Doch! Ich habe hier nicht rumgestöhnt. Außerdem können Sie nur reden, Coster, weil ich real existierender Mensch Sie aufschreibe.“
„Der Unterschied ist ohne Belang. In hundert Jahren kann das hier jemand lesen, und dann hast du dich auch längst entmaterialisiert. Insgesamt geht es um überall vorhandene Redundanzen. Wenn du schon mal 75 Kilogramm schwer gewesen bist und heute 92 Kilo wiegst, sind das 17 Kilogramm nutzlose, also redundante Materie. Wie es am menschlichen Körper Redundanzen gibt, sind viele Menschen überhaupt redundant.“
„Das ist reichlich inhuman.“
„Nur ein Befund.“
„Freilich ein dummer Befund. Die menschliche Art benötigt zum Überleben einen großen Genpool. Diversität ist das Stichwort.“
Coster gähnte: „Der Kerl will einfach nicht voraus denken“ und verschwand.

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10 Kommentare zu “Entmaterialisierung der Dinge

      • @ Lo
        Ist das ein allgemeiner Trend? Auf die Masse kommt es scheints gar nicht an. Werden Bereiche des Gehirns geschädigt, etwa durch einen Unfall oder Schlag, können andere Bereiche die verlorenen Funktionen übernehmen. Hab die Plastizität des Gehirns selbst erfahren.
        Ja, und wohin sind alll die Seufzer des Schmerzes uind der Lust?

        Liken

        • Ich will ehrlich sein, lieber Jules:
          das mit dem immer weniger werdenden Hirnschmalz ist mir einfach nur so eingefallen, weil uns bei vielen Dingen heutzutage das Selbst-Denken abgenommen wird. Für beinahe alles gibt es Äpps oder Gugel. Schön bequem zwar, aber das Nachdenken verkümmert schon dabei, fürchte – und bemerke ich auch an mir selbst.
          Die Seufzer des Schmerzes und der Lust? Nüchtern betrachtet sind sie ja Schallwellen, die sich mit einem Tempo von etwa 330 + Metern pro Sekunde immer weiter von uns entfernen.
          Wo sich allerdings die dazu passenden Gefühle aufhalten, das weiss noch nicht einmal Gugel.
          Hin und wieder kommen sie auch zurück.
          Liebe Grüße!
          Lo

          Gefällt 1 Person

  1. Ich habe mich schon oft gefragt, ob Bethoven seine Musik erfunden oder gefunden hat. War sie schon immer da und er war der einzige, der sie materialisieren, d.h. zum Klingen bringen konnte oder gäbe es diese Musik ohne ihn gar nicht? Nicht einmal als theoretische Möglichkeit? Coster könnte bestimmt etwas dazu sagen. Leider ist er weg.

    Gefällt 2 Personen

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