Schreibstube 5 – Essen wie Goethes Großmutter

Folge 1Folge 2Folge 3Folge 4

Ich ließ sie alleine in den Saal gehen und ihre Ausrüstung zusammenpacken, blieb im Türrahmen stehen, um aus den Augenwinkeln den Gang zu beobachten.
„Wo sind die?“, fragte Helen, als sie aus dem Saal kam.
„Nicht zu sehen. Aber gib mir den Porsche!“ Mit dem schweren Stativ in der Hand fühlte ich mich etwas gewappnet, falls uns die Männer über eine Hintertreppe den Weg abgeschnitten hatten.“
Wir eilten die Treppe hinab. Das Foyer war leer. Hinüber zur Tür. Helen stieß mit der Hüfte die Klinke hinunter und stöhnte angstvoll auf: „Verschlossen!“
„Die geht nach innen auf, du Herzchen“, sagte ich. „Das ist keine Paniktür.“
Der Parkplatz lag bereits in der Dämmerung. Drüben beim Auto standen zwei dunkle Gestalten.
„Lauf zur Straße!“, sagte ich.
Sie zögerte.
„Nun mach schon!“
Ich sah ihr hinterher, bis sie die Straße erreicht hatte und schaute immer wieder zum Auto hinüber. Die Männer setzten sich langsam in Bewegung und kamen auf mich zu. Aus der Nähe erkannte ich die dunkelblauen Uniformen der Gendarmerie.
„Que faites-vous ici, monsieur ?“, fragte der Ältere, ein phlegmatischer Wallone mit einem Schnurrbart. Ich kramte mein Schulfranzösisch hervor:
„Nous avons visité le bâtiment et pris des photos.“
„Vous ne savez pas qu’il est interdit d’entrer dans l’immeuble?“
„Je suis désolé, on ne le savait pas. Nous venons d’Allemagne.“
„Das ist ein schlechte Ausrede“, sagte der Jüngere.“Betret Verbot steht doch auf den Schild.“
„Leider übersehen. Ich trug mich mit dem Gedanken, das Gebäude eventuell zu kaufen.“
„Il veut acheter l’ancienne boîte“, dolmetschte er seinem Kollegen.
„idée folle“, sagte der und machte mit dem Zeigefinger eine Schläfenschraube. Die beiden lachten.
Es wurde mir zu blöd: „Si ça ne vous dérange pas, j’aimerais conduire maintenant.“
„Bon voyage, monsieur, et restez à l’écart dans le futur.“

Wer waren die?“, fragte Helen, nachdem ich sie mit dem Auto eingesammelt hatte.
„Von der Gendarmerie, wollten wissen, was wir da gemacht haben.“
Sie sank erleichtert in ihrem Sitz zurück.
„Hast du was von den Männer gesagt?“
„Nein, das wäre mir zu kompliziert gewesen, auf Französisch zu erklären. Außerdem ist der Polizei nicht zu trauen, so korrupt die hier sind. Ich wollte nur schnell weg, um dich nicht ganz aus den Augen zu verlieren.“
„Was glaubst du, haben die drei Kerle im Sanatorium getan?“
„Offenbar nichts, was wir hätten sehen sollen.“
„Gruselig!“, sagte sie und schüttelte sich. Eine Weile schwiegen wir. Helen zündete sich eine Zigarette an.
„Ich habe Thomas übrigens gesagt, dass ich zwei Tage in Spa fotografiere. Wegen der unterschiedlichen Lichtverhältnisse morgens und abends.“
„Dann übernachten wir in Spa?“, sagte ich erfreut und fragte mich, warum sie vorher nichts gesagt hatte. „Aber nochmal zum Sanatorium willst du hoffentlich nicht.“
„Muss ja nicht. So haben wir mehr Zeit für uns.“
„Wird sich dein Mann nicht wundern, wenn du nur Fotos vom späten Nachmittag hast.“
„Kaum. Der interessiert sich nicht für meine Arbeit.“
„So ein Klotz!“
Wir fuhren ins Zentrum von Spa und kauften ein paar Sachen für die Nacht. Helen brauchte nicht viel. Sie hatte die große Fototasche für eine Übernachtung gepackt. Ich hatte mich schon gefragt, was da alles drin wäre. Für die Übernachtung wählte ich das „Manoir de Lébioles“, am südlichen Ortsausgang gelegen.

„Ein schönes Schlosshotel“, sagte ich. „Das bisschen Luxus haben wir uns nach der Aufregung verdient. Ich bin schon mal da gewesen. Walden, ein Geschäftsfreund meiner Eltern, hatte dorthin zum Firmenjubiläum geladen. Zum festlichen Diner musste der Sternekoch mit dem ganzen Küchenpersonal in Reihe antreten, und Walden las dessen Vita vor, wo der überall gekocht hatte und so. Damit wir so recht würdigen konnten, was uns geboten wurde. Walden hatte ihn ein Menü kochen lassen „aus dem Kochbuch der Großmutter Goethes, und ein Dr. Thomeé vom Aachener Germanistischen Institut hielt eine launige Rede über Goethe, bevor serviert wurde.“
„Wer keine Kultur hat, kauft sie sich“, sagte Helen.

Bericht aus der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

„Wie weit bist du mit der Neuformatierung der kommentierten Bibliographie?“
„Beinah fertig. Ich frage mich, was damit tun? Die Zeit ist darüber hinweg gerauscht. Das referiert auf altes Wissen, das heute keinen mehr interessiert. Gestern sah ich beim NDR-Medienmagazin Zapp einen Bericht über neue Formen der Nachrichtenübermittlung des BR für junge Leute unter 30. Man produziert Dialogszenen aus einer Wohngemeinschaft, filmt, gestaltet mit dem Smartphone und veröffentlicht die Filme bei Instagram. Ein anderes Format für junge Leute ist „funk“ von ZDF und ARD, publiziert über verschiedene Plattformen wie Youtube und dergl., beispielsweise das Format „Auf Klo“. Zapp fragte: „Wenn das mit Funk gut funktioniert, was ist eigentlich danach? Wie finden Funk-Nutzer später zu ARD und ZDF? Programmgeschäftsführer Florian Hager meint, man brauche auch Angebote für die 30- bis 40-jährigen, damit die Leute, die mit Formaten wie Funk sozialisiert wurden, durch die Angebote des Fernsehens erreicht würden. ‚Das ist die nächste große Baustelle‘, sagt der Interviewer. Hager: ‚Genau.‘

Und ich dachte, wie radikal sich die Medienwelt wandelt, dabei gibt es unter Bloggerinnen und Bloggern noch welche, die stolz darauf sind, überhaupt kein TV zu nutzen. Und völlig anachronistisch sind die Themen der kommentierten Bibliographie.“

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Die Schreibstube (4) – Stumme Bedrohung

Folge 1Folge 2Folge 3 – Folge 4

Ich hatte mich längst gegen den Kauf des alten Kastens entschieden. Zu groß, zu heruntergekommen. Es würde Unsummen verschlingen, ihn zu sanieren, und später wäre es schwierig, einen Käufer zu finden. Letztlich geht es mir nur noch um Helen, dachte ich, derweil ich hinter ihr die Treppe hoch stieg. Allmählich musste ich mir eingestehen, dass ich mich verliebt hatte. Anfangs war es nur körperliche Anziehung gewesen, der Reiz der Eroberung, doch inzwischen hatte diese eigenwillige Frau mich in ihren Bann gezogen. Ich liebte alles an ihr, wie sie dachte, wie sie sprach, wie sie sich bewegte, ihre zielstrebige Art, ja, mir imponierte, wie sie sich in der Männerdomäne der beruflichen Fotografie erfolgreich behauptete. Dazu gehörte auch ihre dickköpfige Weigerung, digital zu fotografieren, an der ihre Agentur schier verzweifelte, weil die Bildredakteure der Zeitschriften digitales Material verlangen. Ich ergötzte mich an der Spannung ihres Körpers, wenn sie fotografierte. Auch gefiel mir, dass sie nicht wild herumknipste, sondern von jedem Motiv genau ein Foto machte, völlig sicher, dass weitere nicht nötig waren, weil sie stets den für ihre Absicht besten Blickwinkel, den richtigen Bildausschnitt gewählt hatte. Die Belichtung musste sie nicht messen, denn sie hatte mit einem Ex-Geliebten und Kollegen immer darum gewetteifert, wer mit seiner geschätzten Belichtungszeit am nächsten an die nachträglich gemessene kam.

Als wir die erste Etage erklommen hatten, sah ich einen hohen Korridor so lang, dass sein Ende nur zu ahnen war. Von irgendwoher grellte dort die Sonne hinein und verbarg die Flucht vor unseren Augen. Da wir uns an einem zentralen Aufgang befanden, zeigte sich der Gang zur anderen Seite ebenso lang und schien in der Ferne in einen Seitenflügel abzuknicken. Helen hatte bereits das Stativ aufgestellt und zielte mit der Kamera in das ferne Licht. „Das gibt ein Bild, als hätte es der wahnwitzige Piranesi gezeichnet“, murmelte sie. Um nicht untätig zu sein, öffnete ich eine Tür und trat in einen leeren Saal. Das Licht von sieben hohen Fenstern malte bizarre Trapeze aufs Parkett, dessen Elemente von Nässe aufgeworfen waren und harte Schatten warfen. Ich erschrak, als eine Taube aufflog und durch ein zerborstenes Fenster flüchtete. Von dort war Wasser eingedrungen, das im grellen Sonnenlicht verdunstete.
„Ich rief: „Helen! Hier findest du noch ein Piranesi-Motiv!“
Sie rückte mit ihrer Ausrüstung heran und hatte Mühe, im gewellten Parkett fürs Stativ eine ebene Stelle zu finden. Helen fotografierte, dann schaute sie sich um, kam zu mir und lehnte sich an. „Hier ist schlechte Vibration. Das zieht mir Energie ab“, sagte sie. Ich nahm sie in die Arme und sagte: „Wir können auch gehen. Ich habe genug gesehen.“
„Nur mal gucken, wohin der Gang abknickt“, sagte sie.
Wir waren vielleicht 25 Meter dem Gang gefolgt, hatten lachend und albernd hie und da Türen geöffnet und hineingeschaut in die weitgehend leeren Räume, da kamen einen Steinwurf vor uns zwei Männer aus einem Zimmer und vertraten uns den Weg. Und dann gesellte sich ganz langsam ein Dritter dazu. Sie stellten sich breitbeinig hin und schauten uns ablehnend an. Mir fuhr der Schreck in die Glieder. Jetzt nur keine Angst zeigen. Ich sagte: „Du hast deine Ausrüstung im Saal vergessen, Helen“, und zog sie an der Hand. Wir wandten uns ab und gingen zurück. Ich bemühte mich, cool zu bleiben, langsam zu gehen wie selbstverständlich, doch ich hatte eine Scheißangst, die drei würden hinter uns herkommen, mich überwältigen und sich über Helen hermachen.
„Ich krieg gleich einen Herzkasper“, raunte sie.

Bericht aus der Schreibstube
Stunden damit zugebracht, eine mit dem Programm Letter-Perfekt geschriebene kommentierte Bibliographie von wahnwitzigen Steuerzeichen und Leerseiten zu befreien und ins Format des OpenOffice-Writers zu bringen. Ein Wunder, dass die Datei überhaupt noch lesbar war. Derlei Probleme kannte man vor 100 Jahren nicht. Aber interessant:
Porstmann, Walter: Sprache und Schrift, Berlin 1920
Der Ingenieur nimmt sich der Sprache an und entdeckt…“ein Stück Holz, dem irgendein Schnitzer plumpe Formen gab. – Und wir lagen davor und beteten, anstatt zu gestalten.“ Sein Fortschrittsglaube ist überwältigend. Porstmann will die Schrift von Grund auf verbessern. Er ist ein radikaler Phonetiker, der die Schrift endlich aus der „Holzzeit“ in die „Stahlzeit“ überführen will. Das „Schmieden der Schrift“ ist sein Anliegen. Nicht nur Konservative widersprechen. So schreibt Paul Renner, der Schöpfer der noch heute berühmten Schrift „Futura“, 1930: „Also nicht der radikalismus trennt mich von Porstmann und seinen mitläufern, sondern ich halte das ziel nicht für richtig, auf das er losgeht. Übrigens stört mich schon sein stil. Ich frage mich, ob ein mensch für die bedürfnisse unserer sprache ein gefühl haben kann, der solche sätze schreibt: ‚innerhalb der zeit, die ein großbuchstabe verschlingt, können mehrere kleinbuchstaben im ununterbrochenen schreibfluß getippt werden. die verdichtung der denkkraft auf den stoff wird dabei nicht gestört, was auf geistige frische des schreibers vorteilhaft wirkt. für die schreibmaschine selbst wird eine große freiheit zur weiterentwicklung geschaffen, etwa ein drittel der typen fällt weg. die schreibmaschine scheitert in ihrer entwicklung auf die größte höhe an dem wust von gerümpel in unserer schrift.‘ (Renner 1930). Man sieht, für Porstmann waren die Versalien nur noch Gerümpel.

Fortsetzung

Die Schreibstube (3) – Helen

Folge 1Folge 2 – Folge 3

Sie stemmte die zweiflüglige Eingangstür mit der Schulter auf und verschwand im Inneren des Sanatoriums. Ich beeilte mich, ihr hinter herzugehen, schob den Fuß in die zufallende Tür, denn mich überkam die Furcht, das Haus würde die Frau verschlingen und ich stünde ratlos da. Was sollte ich ihrem Mann erklären? Freilich musste er vom Wagemut seiner Frau wissen. Er sollte sie kennen. Hinter der Tür tat sich eine einst prächtige Eingangshalle auf, aus der sich links und rechts je eine Treppe in die oberen und unteren Etagen schwang. Obwohl von der einstigen Inneneinrichtung nichts heil geblieben war, verströmte die Halle einen morbiden Charme. Licht kam von der südlichen Fensterfront, wo einmal die Rezeption gewesen war. Da staken noch große Scherben im Fensterkitt. Die Fenster mussten mal Pflanzenornamente im Jugendstil gehabt haben. Die untergehende Sonne sandte die letzten Lichtstrahlen, blitzte grell wo das Glas fehlte, schien sanft gemildert durch die Scherben.

Helen hatte sich zentral postiert und richtete ihr Stativ aus, ihren „Porsche unter den Stativen“, wie sie stolz gesagt hatte. Am Porsche schien eine Rändelschraube zu klemmen. Sie sagte: „Kannst du die mal lösen?“
„Leider nicht“, sagte ich und deutete mit der Linken bedauernd auf meine Fingerkuppen, die mit dem Eintreten ins Sanatorium wieder zu bluten begonnen hatten, so dass ich die Hand senkrecht halten musste, damit das Blut zu Boden tropfte.
„Küchentücher in der großen Fototasche!“, sagte sie. Ich nahm die Rolle, riss ein Blatt ab, faltete es zum Streifen und wickelte ihn stramm über die Fingerkuppen, um die Blutung zu stoppen.
„Sag mal, was ist jetzt eigentlich mit dem Manuskript, an dem du dir die Finger zerschnitten hast?“, fragte sie, ohne vom Stativ aufzuschauen.
„Blöde Sache!“, sagte ich. „Weil es blutverschmiert war, hiervon“, ich wedelte mit der verletzten Hand, um ihr Mitleid zu rühren, „weil ich es mit Blut eingesaut hatte, gab ich es zum Säubern unserem Restaurator. Mit der Schließung unserer Firma wurde auch er entlassen, und seither ist das Manuskript verschwunden. Er behauptet, es müsse da sein, aber ich glaube, er hat es an sich genommen, um es gewinnbringend zu verkaufen. Die ehemalige Belegschaft ist, wie du dir denken kannst, nicht gut auf uns zu sprechen.“
„Ihr seid ja auch Schurken!“, sagte sie und sah mich kämpferisch an. Es war eine Härte in ihrer Stimme, die mich schon immer irritierte, weil sie im krassen Gegensatz zu ihrem liebreizenden Äußeren stand. Inzwischen hatte sie die Kamera auf dem Stativ befestigt und ausgerichtet. Ich antwortete nicht. Was sollte ich auch sagen? Wer sich verteidigt, klagt sich an. Sie beugte sich vor und schaute durch ihr Objektiv. Ich trat hinter sie und umfasste ihre Hüften. Sie schüttelte mich ab und sagte: „Lass das, ich muss das restliche Sonnenlicht nutzen!“
„Du bist heute so distanziert!“, maulte ich.
„Nur professionell!“, sagte sie. „Wenn ich arbeitet, arbeite ich. Dann gibt es sowas nicht. Sag! Versteht das einer, der von Beruf reich ist?“
Bevor ich antworten konnte, setzte sie nach „Von Beruf reich. Wie bescheuert ist das denn?“
„Hab ich das gesagt?“
„Mir war, als hätte ich es gelesen.“
Sie drückte einmal den Auslöser, der Verschluss des Objektivs schnarrte, und Helen richtete sich zufrieden auf. „Das wars! Jetzt können wir …“
„… das Gebäude erkunden?“
„Was denn sonst?“, sagte sie, schulterte Stativ und Kamera und ging zur Treppe.

Aus dem Handbuch der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

„Die Schreiber hatten den besonderen Namen Stationarii, die, welche studiert hatten, nahmen aber auch den Namen Clericorum an, unter welchem Namen überhaupt in den Zeiten des Mittelalters die Gelehrten, die damals allein unter den Geistlichen zu suchen waren, begriffen wurden. (…) Die Secretaire des Königs von Frankreich wurden noch in unseren Tagen Clercs du Roi genannt, und in England sind sie die Clercs of Parliament, die Clercs of the Household, of the King noch jetzt“ (Johann Gottlob Immanuel Breitkopf)
„griech. Kleros gehört mit seiner Grundbedeutung „Steinscherbe, Holzstückchen (als Los gebraucht) zum griech. Verb klaein „brechen, abbrechen und damit zur indogermanischen Sippe von nhd. Holz“ (Duden)
Heute ist der Clerk, der Schreiber aber auch der schlichte Büroangestellte, der Befehlsempfänger. Deutlicher kann man den Niedergang einer Tätigkeit kaum dokumentieren, wie die Sprache dies tut.

Fortsetzung …

Die Schreibstube (2) – Schuldhaft

Ich hatte mir an den Papierkanten des Manuskriptes drei Fingerkuppen meiner rechten Hand zerschnitten, was, obwohl ärztlich versorgt, einfach nicht heilen wollte. Obwohl ich mein Lebtag noch nicht mit meinen Händen gearbeitet hatte, behinderten mich die Schnittverletzungen sehr. Nicht bei irgendeiner Arbeit, bewahre! Ich arbeite nicht, habe auch keine Ahnung vom Papiermacherhandwerk. Unser Unternehmen hat mit dem weichen Wasser der Eifeler Rur das feine Transparentpapier gefertigt, das bei Künstlern und Architekten, bei allen zeichnenden Berufen so begehrt war. Doch mit der Verbreitung des Computers ist die Nachfrage kontinuierlich zurückgegangen und jetzt völlig eingebrochen. Mein Vater wird das Werk dichtmachen, 125 Mitarbeiter werden arbeitslos. Tragisch und existenzbedrohend für die Leute und ihre Familien, ein herber Schlag für die Region, doch mich betrifft es nicht. Das Firmen- und Familienvermögen haben wir rechtzeitig hinter die Brandmauer geschafft. Im Falle der Insolvenz stehen wir offiziell mittellos da. Unser Vermögen ist nicht aufzuspüren, wie uns treue Finanzverwalter versichert haben. Meine Eltern werden sich auf ihren Altersruhesitz, ein Anwesen in Kanada, zurückziehen. Für die Geschwister und mich ist gesorgt, so dass ich sagen kann: „Von Beruf bin ich reich.“ Ich betreibe ein Hobby, das mich ausfüllt, das heißt, ich kaufe alte Häuser, restauriere sie, mache luxussanierte Schmuckstücke daraus und verkaufe sie gewinnträchtig. Natürlich mache ich nicht selbst. Ich habe nur den Riecher, lohnende Objekte aufzuspüren, und habe die Ideen, was aus den alten Kästen zu machen ist. Für das Planerische und Handwerkliche habe ich meine Leute.

Etwa drei Wochen nach dem Manuskriptfund waren meine Fingerkuppen noch immer nicht verheilt. Da trat etwas auf, was mich mehr belastet als die Schnittverletzungen, die schwarzen Flämmchen. „Flämmchen“ beschreibt diese Erscheinungen nicht, aber ich habe kein anderes Wort für diese flüchtigen Phänomene, die ich stets nur aus den Augenwinkeln sehe, also dort, wo das Gesichtsfeld endet und die Sehkraft gering ist. Ich schaue zu Boden, und dann huscht etwas wie von flacher liegender Linsenform seitlich weg. Die Erscheinungen sind schwarz und transparent, aber es ist mehr eine Ahnung als eine Beschreibung, weil sie eben flüchtig sind und nur am Rand meines Sehfeldes auftreten. Wo ich mir die Flämmchen eingefangen habe, kann ich ziemlich genau sagen.

Der Reihe nach. Ich hatte von einem alten Sanatorium im belgischen Spa gehört, das zum Verkauf stünde und fuhr in die Ardennen, um zu sehen, ob sich ein Kauf lohnen würde. Ich nahm die Frau des neuen Architekten mit, eine Fotografin, offiziell damit sie Bilder des Anwesens macht, eigentlich aber, weil sie mir schon bei unserer ersten Begegnung vor zwei Wochen schöne Augen gemacht hatte und wir auf eine Gelegenheit hofften, uns unbeobachtet nahe zu kommen. Es war unerwartet schwierig gewesen. Kürzlich hatte ich den Architekten zu einer Besichtigung nach Brandenburg geschickt, um freie Bahn zu haben. Aber der Kerl schien etwas zu ahnen und hatte seine Frau einfach mitgenommen.

Wir fanden das Sanatorium auf halber Höhe des Talkessels, in dem das Städtchen Spa liegt. Es wies wie viele Gebäude von Spa alle Anzeichen alter Größe auf. Bereits im 18.Jahrhundert hatten die mineralischen Heilquellen von Spa die gekrönten Häupter und illustren Persönlichkeiten Europas angelockt. Man schwor darauf, die schwefelhaltigen Heilquellen wären geeignet, von der im Adel grassierenden Syphilis zu heilen. Doch schon Ende des 19.Jahrhunderts verfiel die Badekultur des Ortes. Spa war als Syphilisbad in Verruf gekommen.

Wir parkten auf dem unterhalb des Gebäudes liegenden schlammigen Parkplatz. Vor uns, in den Hang gebaut, ragte das zyklopenhafte Sanatorium auf, und weil die noch tief stehende Frühlingssonne bereits versunken war und aus dem Talgrund die Schatten aufstiegen, waren wir vom Anblick der düsteren Fassade wie erschlagen. An den unzähligen Fenstern in der Front waren alle Scheiben eingeworfen, selbst die von unten mit einem Steinwurf schier unerreichbaren Fenster der 5. Etage.
„Katapulte!“, sagte die Fotografin, die meine Gedanken gelesen hatte. Sie hatte ihre Fototaschen geschultert, trug in der Hand das Stativ und sah entzückend aus, wie sich ihr schlanker Körper unter dem Gewicht ihrer Fotoausrüstung bog.
„Burschen mit Katapulten sind mir lieber als die Vorstellung, dass boshafte Existenzen oben den Gang entlang gezogen sind und mit grimmiger Wut Raum für Raum alle Fenster zerschlagen haben“, sagte ich. Sie nickte und stieg mutig voran zum Portal hinauf …

Bericht aus der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

Der Gang der Dinge behagt mir nicht, die schwarzen Flämmchen, die der Beller sich ausgedacht hat, machen mir Angst. Ich fürchte Ansteckung, wenn ich mich gedanklich mit ihnen beschäftige. Aber ich muss die Erzählung dort weiterschreiben, wo der Beller aufgehört hat, nachdem ich seinen Platz eingenommen habe. Zum Glück hat der Vorsteher den Beller gefeuert, nicht weil ich seine Arbeit unbedingt fortführen wollte, sondern weil das Gebell kaum zu ertragen war.

Eigentlich war der Beller ein fleißiger und, wie ihm alle seine bisherigen Vorgesetzten bescheinigt hatten, fähiger Schreiber, ein blasser, schwarzhaariger Mann mit dünnen, stark behaarten Armen und eckigen Schultern. Doch gelegentlich unterliefen ihm ganz unvermittelt kleine dumme Fehler. Ihn darauf hinzuweisen und eine Korrektur zu erwarten, war gewagt. Denn jeder Anflug eines Tadels versetzte den Beller in höchsten Aufruhr, und bei seinen wortreichen Entschuldigungen verlor er die Kontrolle über seine Stimme. Sie wurde immer höher und lauter und begann sich bald vor Aufregung zu überschlagen, um am Ende ganz zu brechen, so dass die heraus gestoßenen Silben und Wörter einem heiseren Bellen glichen. Keine Ermahnung, kein beruhigendes Wort erreichten ihn jetzt noch. Er war nicht zurückzuhalten, sondern musste laut und anhaltend bellen. Es klang so unheimlich und gleichsam jämmerlich, dass es alle Mitarbeiter verstörte. Namentlich die Machinenfräuleins im angrenzenden Schreibsaal duckten sich erschrocken weg. Wenn der Beller bellte, war er überdies schrecklich anzusehen, die blasse Haut wurde von hektischen rosaroten Flecken überzogen. Das kläffende Gesicht war zur Grimasse verzerrt. Die schwarzen pisseligen Haare klebten ihm auf der blanken Stirn, und plötzlich war die Luft vom sauren Gestank seines Angstschweißes erfüllt.

Jetzt ist er glücklich weg. Wir werden seinen Namen nicht mehr erfahren. Den Ausschlag hatten nicht Orthographiefehler gegeben, sondern Höheren Orts war man nicht einverstanden mit der Nennung der verbrecherischen Insolvenz gewesen. Solche Dinge sollten nicht geschrieben werden, hatten sie per Rohrpost mitgeteilt, und der Vorsteher der Schreibstube hatte das natürlich getreulich an den Beller weitergegeben, mit den geschilderten Folgen.

[1018 Wörter] Fortsetzung

Die Schreibstube (1) – 1000 Wörter

Eine Schreibstube  ist leer bis auf einen Tisch, auf dem eine Schreibmaschine steht. Ab und zu schaut jemand rein und setzt sich probeweise an den Schreibtisch. Da plumpst auch schon eine Kapsel aus der Rohrpost. Die Direktive von höheren Wesen:

    „Spannen Sie ein leeres Blatt ein. Lassen Sie die Finger über die Tasten gleiten, reihen Sie Buchstab an Buchstab zu Wörtern und Sätzen. Schreiben Sie 1000 Wörter. Senden Sie anschließend Ihren Text per Rohrpost an die Direktion.“

Aus Papier kann man viel machen. Ich meine das nicht im Sinne der nun schon flügellahmen Metapher „Papier ist geduldig“, sondern praktisch, den Umgang mit dem Werkstoff Papier. „Machen“, das bedeutete einst „abbilden, kneten, streichen, pressen.“ Freilich wer Papier nur als DIN-A4-Blatt in der Schreibmaschine oder als Leporello gefalzten Packen Endlospapier kennt, der wundert sich. Wieso sollte er das Papier kneten, läuft doch dann gar nicht mehr durch den Drucker! Lösen Sie einmal Ihre Gedanken vom Büro! Überlegen Sie, wozu Papier sonst noch dienen kann! „Flieger, Papierflieger?“ Gut gut, aber nicht genug! „Schiffchen, Papierhut!“ Hm! „Origami“, sagen Sie, schön, aber noch immer sind Sie gedanklich beim Falten. Freilich muss ich gestehen, daß ich wohl selbst nicht viel weiter als Sie käme, wäre ich nicht erblich vorbelastet.

Ich bin der letzte Sproß einer alten Dürener Papiermüllerfamilie, und wenngleich ich selbst nie aktiv in der elterlichen Papiermühle gearbeitet habe, so bin ich doch diesem Werkstoff verbunden, der meiner Familie über Generationen Lebensziel und Broterwerb war, ja, unseren Reichtum und Einfluß begründete. Dieses feine glatte Papier hier, das vor mir liegt und mir als Beschreibstoff dient, das war vormals ein Haufen Lumpen und dann ein Brei, ein Gemisch aus Wasser, Fasern, Leim und Bleichmittel. Dieser Urzustand des Papiers, diese Ursuppe sozusagen eröffnet den gedanklichen Zugang zu den erstaunlichen Möglichkeiten des Materials.

Im firmeneigenen Papiermuseum haben wir eine Unzahl solcher Anwendungsbeispiele, aber eines der schönsten Stücke ist eine Art Rennrad von seltsamer Form, das völlig aus Papier gefertigt ist, bis auf den Treibriemen und die Lager. Diese Rennmaschine, deren Rahmen prächtig rot lackiert ist, war nun einem Lagerarbeiter hingefallen, als er sie vorübergehend ins Depot bringen wollte. Genauer, der Mann war auf der Treppe ausgeglitten, mit dem Rücken auf die Treppenstufen geschlagen und hatte dabei das Rad losgelassen. Er hatte sich dabei auch eine stark blutende Kopfwunde zugezogen, und deshalb herrschte große Aufregung auf der Treppe, bis wir ihn geborgen hatten und sicher im Unfallwagen wußten. Nachdem der Unfallwagen lärmend den Firmenhof verlassen hatte, kehrte ich zur Unglücksstelle zurück, wo inzwischen Mennicken, der Direktor unseres Museums, abwechselnd jammerte und auf einen Gehilfen einschimpfte, der auf der Treppe Ordnung machen sollte. Der arme Mann wischte ungeschickt die Stufen, denn trotz der rosafarbenen Gummihandschuhe, die an seinen Händen prangte, scheute er sich vor der aufzuwischenden Blutlache. Das Rad aber, das Mennicken mit spitzen Fingern hielt, als könnte er damit den Sturz vergessen machen, das hatte einen häßlichen Riß im Rahmen und zwar im Sattelrohr. Ich hielt Mennicken die Tür zum Depot auf, und er trug sein beschädigtes Exponat vorsichtig hinein. Im Lichte besahen wir uns den Schaden. Dabei erwies sich, daß der Rahmen aus fest gerollten Papierblättern bestand. Dieser Schaden war weit weniger schlimm als Mennickens Verhalten rechtfertigte. Unser Restaurator würde ihn leicht beheben können.

„Wenn er je dazu Zeit findet, wenn er Zeit findet!“, jammerte Mennicken, „dieser Mann arbeitet im Schneckentempo.“
Inzwischen hatte ich den Riß näher untersucht. „Sehen Sie, Herr Mennicken, sagte ich, „diese Blätter sind alle beschrieben.“
„Na, wenn schon“, gab er zurück, es wird eben ein sparsamer Mann gewesen sein, der das Rad gebaut hat. Wissen Sie, diese Papierverschwendung heute, Ihnen wird Sie Recht sein, in meiner Jugend gab es das jedenfalls nicht. Wissen Sie, woraus wir unsere Vokabelheftchen gemacht haben? Wir schnitten dazu die unbedruckten Ränder der Zeitungen ab.“
Ich ließ ihn reden und versuchte , etwas von dem zu lesen, was sich da unerwartet aufgetan hatte. Als Schrift erkannte ich eine schöne Humanistenkursiv, doch konnte ich nur ein Satzfragment erkennen „.. die Struktur meines Geistes nicht zu zerschlagen (O, wage es nicht Agrippa!) aber.“
Neugierig versuchte ich den Riß etwas weiter zu öffnen, als mich Mennicken daran hinderte. Er legte die Hand fest auf meinen Unterarm und sagte entrüstet: „Ich bitte Sie!“

In der folgenden Zeit war ich viel unterwegs, gab mich allerlei Vergnügungen und Zerstreuungen hin, hatte diverse Affären, so daß ich die Sache vergaß. Sie fiel mir erst wieder ein, als ich etwa ein halbes Jahr später an einem naßkalten Abend in der Bibliothek saß und recht ziellos in einigen Büchern blätterte. Da war er, Agrippa von Nettesheim, Schüler des Johannes von Trittenheim, der sich Trithemius nannte, und wie er Zeitgenosse des historischen Faust – alle drei als Magier verschrien und doch in höchsten Kreisen von Klerus und Adel geachtet.
„Die Struktur meines Geistes nicht zu zerschlagen, o, wage es nicht, Agrippa!“, das hatte ich im Sattelrohr des Fahrradrahmens gelesen. Der Sinn war höchst seltsam: Agrippa sollte es demnach nicht wagen, die Struktur seines Geistes nicht zu zerschlagen? Wer kann eine solch ungeheure Forderung aufstellen? Oder sollte es ein Schreibfehler gewesen sein, diese doppelte Verneinung?
Ich löschte das Licht in der Bibliothek und stieg hinab in den weitläufigen Keller des Hauses, wo sich auch das Depot unseres Museums befand. Hier war das Rad nicht mehr, und so ging ich hinüber in die Werkstatt des Restaurators. Der Mann hatte Mennicken Lügen gestraft, denn das Rad war doch schon aufs Feinste restauriert, der Schaden nicht mehr zu sehen. Ich war enttäuscht und wollte schon wieder gehen, als mir auffiel, daß der Sattel noch nicht wieder im Rohr steckte. Man konnte sehen, dass nur ein kurzes Stück des Rohres fast hohl war, nämlich das, welches die Sattelstütze aufnehmen würde. Darunter deutete sich das gerollt Manuskript an. Man müsste es herausdrehen können, bis auf die äußere Hülle, so dass es wie im oberen Stück war. Das Manuskript mit den Fingern herauszudrehen, war keine große Sache. Allerdings waren die Papierkanten scharf wie Rasierklingen. Ich spürte Nässe, und als das Manuskript endlich vor mir lag, war es blutverschmiert. Von meinen Fingerkuppen troff das Blut. Mein Blut zweifellos…
[1000 Wörter]

Eine Schreibstube ist leer bis auf einen Tisch, auf dem eine Schreibmaschine steht. Ab und zu schaut jemand rein und setzt sich probeweise an den Schreibtisch. Da plumpst auch schon eine Kapsel aus der Rohrpost. Die Direktive von höheren Wesen:

    „Spannen Sie ein leeres Blatt ein. Lassen Sie die Finger über die Tasten gleiten, reihen Sie Buchstab an Buchstab zu Wörtern und Sätzen. Schreiben Sie 1000 Wörter. Senden Sie anschließend Ihren Text per Rohrpost an die Direktion.“

Foto: Gudrun Petersen

Kapitel 2 – Schuldhaft

Auf der Suche nach Frau S.

Wenn mich einer fragt, warum ich am Morgen vor dem Supermarkt am Schwarzen Bär herumlungerte, dann war es so, dass ich hoffte, Frau S. säße an der Kasse wie vor einer Woche. Vor zwei Jahren war Frau S. nämlich aus meinem Leben verschwunden. Zuvor hatte sie bei Edeka an der Kasse gesessen, und ich freute mich immer, sie zu sehen. Das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Auch Frau S. brachte mir deutlich Sympathien entgegen. Als ich eine Weile nicht mehr hingegangen war, war und blieb Frau S. verschwunden – bis ich sie vor einer Woche beim Rewe-Supermarkt sah. Ich war an der Nebenkasse gewesen, sie hatte mir den Rücken zugewandt, sah mich aber im Spiegel, drehte sich um und winkte mir zu. Indem ich meinen Einkauf einpackte, sagte ich: „Hier hätte ich Sie im Leben nicht vermutet!“ Sie winkte mir noch einmal zum Abschied, und es war so ein Winken wie für länger. Seither bin ich jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit hin, aber sah sie nie mehr. Ich hatte mir vorgenommen, Frau S. auf einen Kaffee einzuladen, um zu hören, wie es ihr in den zwei Jahren ergangen war.

Die Sonne schien, der junge Morgen noch frisch, da war ich wieder hinunter gefahren zum Schwarzen Bär, hatte durch die Fensterfront auf die umlagerten Kassen geschaut, aber Frau S. war nicht da. Während ich noch Ausschau hielt, trat ein krumm gebeugter, sogar im Gesicht verwachsener Mann an mich heran und fragte schüchtern: „Sind Sie von hier?“, sprach so leise, dass ich ihn zuerst ignorierte. Da versuchte er es nochmal: „Sind Sie von hier?“ Ich sagte „Ja“ und wandte mich ihm zu. Er entfaltete einen Zettel, auf dem mit deutlichen Druckbuchstaben die Adresse einer Ärztin stand, und fragte mich nach der dort verzeichneten Deisterstraße. Das gleiche ungnädige Schicksal, das den armen Mann derart körperlich missgebildet hatte, das gleiche gnadenlose Schicksal wischte die Tafel meiner inneren Landkarte aus, ließ mich ratlos auf die leere Tafel blicken und sagen: „Äh! Ich weiß grad nicht, wo die Deisterstraße ist.“
„Soll ich wen anderes fragen?“
„Besser ist das.“

Während ich zur Bäckerei an der Ecke ging, fiel mir natürlich wieder ein, wo die Deisterstraße ist. Sie führte grad vor meiner Nase von der Kreuzung weg. Leider war der Mann nicht mehr zu sehen. Ich malte mir aus, dass er vermutlich sein Leben lang mit den Härten seiner Existenz zu tun gehabt hatte. Als Kind war er gehänselt worden, niemand mochte sein Freund sein, der schulische Erfolg blieb aus, weil er häufig krank gewesen, nachlässige Ärzte hatten an ihm herumgepfuscht, an einen Beruf war nicht zu denken gewesen, selten hörte er ein liebes Wort, und gerade hatte ihm eine gute Seele mit großer Sorgfalt einen Zettel beschriftet, die Sonne scheint, die Dinge scheinen sich günstig zu entwickeln, und da trifft er auf einen Deppen, der nichts als eine verschwundene Frau S. im Kopf hat. Bleibt mir nur, mich auf diesem Weg herzlich zu entschuldigen. Lieber unbekannter Mann, möge dir das Schicksal zukünftig gewogener sein als bisher.

Einführung in die Alectryomantie

Das Wahrsagen mit einem Hahn ist ganz aus der Mode gekommen, vermutlich weil männliche Küken gleich geschreddert werden, bevor sie zum Hahn heranreifen können. Ich will die Methode trotzdem vorstellen, falls sich in unserer Irrsinnswelt doch noch ein junger Hahn auftreiben lässt. Wie die Alectryomantie geht, hat Rabelais in Gargantua und Pantagruel fein beschrieben. Pantagruels Freund Panurge, der sich über Für und Wider einer Heirat den Kopf zerbricht, mag einfach nicht glauben, dass eine Heirat ihm nichts Gutes bringen würde.

Er sucht den Universalgelehrten, Arzt und Magier Agrippa ab Nettesheim auf, und der bietet ihm einige Dutzend Methoden der Wahrsagekunst an, also auch die Alectryomantie: „Da mache einen Kreis und teile ihn vor deinen Augen in vierundzwanzig gleiche Teile. In jeden davon schreibe ich einen Buchstaben des Alphabets und lege auf jeden Buchstaben ein Gerstenkorn; dann setze ich einen jungen Hahn, der noch über keiner Henne gewesen ist, in den Kreis und schwöre darauf, daß er die Körner fressen wird, die auf den Buchstaben H,A,H,N,R,E,I* liegen. So gewiß wird er dies tun, wie der weissagende Hahn einst Kaiser Valens, der den Namen seines Nachfolgers wissen wollte, die Körner von den Buchstaben Θ, ε. Ο, δ* wegfraß.“

* Hahnrei = der Mann, der von seiner Ehefrau betrogen wird, dargestellt mit Hörnern. Auf den Feldern der Buchstaben hätten aber immer mehrere Gerstenkörner liegen müssen, denn Hahnrei braucht schon zwei H.
* griech. Theod, Anfangsbuchstaben von Theodius, der Valens auf den Thron nachfolgte.