Buchkultur im Abendrot

Bekanntlich habe ich als einer der letzten meines Faches den Beruf des Schriftsetzers gelernt, also die Drucksachengestaltung mit Bleischriften. „Die Druckerei ist das Kollege des kleinen Mannes“, hat Abraham Lincoln gesagt, der selbst Schriftsetzer gewesen war. Als Lernort habe ich die Setzerei immer verstanden und deshalb mein Handwerk geliebt. Die Grafik zeigt die Druckereien in Neuss, Köln und Aachen, in denen ich gearbeitet habe. Im Jahr 1972 arbeitete ich in der Aachener Druckerei Volk. Da standen meine Kollegen und ich noch feixend neben dem ersten Fotosatzgerät, einem Vorläufer der Satzcomputer groß wie ein Kühlschrank, das einfach nicht tat, was es sollte, worüber der aus den USA eingeflogene Techniker schier verzweifelte. Niemals hätte ich geglaubt, dass ein solches Gerät mein Handwerk überflüssig machen könnte. Wenige Jahre später sah ich in der Kölner Zentrale des DuMont Verlags eine Ausstellung über die dort bereits versunkene Bleizeit. Ein alter Schriftsetzerkollege arbeitete an Setzkästen innerhalb der Ausstellung, und ich begriff, dass mein Handwerk quasi über Nacht museal geworden war.

Stationen meiner Arbeit als Schriftsetzer – Startbild eines Tagebuchs – größer: Klicken

Fast ein wenig wehmütig machte mich heute eine Meldung im Branchendienst meedia über die DuMont Mediengruppe: „Mit der Kölner Mediengruppe will der erste deutsche Traditionsverlag sein Zeitungsgeschäft komplett abstoßen.“ Betroffen sind Der Kölner Stadt-Anzeiger, der Kölner Express, die Berliner Zeitung, der Berliner Kurier sowie die Mitteldeutsche Zeitung und die Hamburger Morgenpost. Auch die Druckereien, und die Anzeigenblätter sollen verkauft werden.

Zuerst verflüchtigt sich die Schrift ins Digitale, knapp 50 Jahre später verflüchtigen sich die Zeitungen. Verkauf bedeutet natürlich nicht für alle Zeitungen ihre Einstellung, aber vermutlich einen weiteren Fall von Pressekonzentration. Insgesamt ist das ein alarmierendes Vorzeichen für den Niedergang des wichtigen Massenmediums Zeitung.

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14 Kommentare zu “Buchkultur im Abendrot

  1. Ich habe vor tausend Jahren in den Osterferien ein Praktikum in einer Druckerei absolviert und durfte einige Texte wie zB Einladungen zur Kommunion oder Trauerkarten setzen. In Erinnerung ist mir auch noch das Schrubben dicker Walzen für den Vierfarbdruck eines Prospektes. Zum Dank bekam ich vom Chef, der vorne noch einen Buchladen hatte, das völlig unverkäufliche Werk „Meyers Handbuch über die Literatur“. Zuerst nutzte ich es zum Pressen von Blüten, aber später im Studium leistete es gute Dienste.

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  2. Wie Du neulich bei Gus Backus könnte ich hier auch sagen: Das habe ich icht gewollt! Gerade erst habe ich das Abo vom Kölner Stadtanzeiger gekündigt, das ist doch kein Grund, gleich die ganze Zeitungssparte zu verkaufen.

    Nein, im Ernst, ich bin ein wenig geschockt, Kölner Stadtanzeiger und DuMont, das hängt im Kölner öffentlichen Bewußtsein so sehr zusammen, daß man sich kaum vorstellen mag, daß das zukünftig nicht mehr so sein soll. Es ist fast so, als würde ein Stück Heimat ausradiert. Andererseits habe ich nicht ohne Grund gekündigt: Mir ist aufgefallen, daß in der Zeitung, besonders im politischen Teil, Meinungen und Nachrichten immer häufiger vermischt werden. Vorurteile werden erzeugt und bestätigt, Halbwahrheiten oder sogar Unwahrheiten (ich hoffe, „nur“ wegen schlampiger Recherche, nicht mit Absicht) werden erzeugt oder wiedergegeben – ich bekam immer mehr den Eindruck, daß von Qualitätsjournalismus in wichtigen Bereichen keine Rede mehr sein kann. Natürlich gibt es da auch einige redliche Journalisten und Redakteure, die einen guten Job machen, aber das reichte für mich zuletzt nicht mehr aus. Ich befürchte, wenn jetzt der Besitzer wechselt, wird sich das nicht bessern, eher im Gegenteil.

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    • Das Problem begann mit dem Streit zwischen dem alten Neven-DuMont und seinem Sohn Konstantin. Statt eines Nachfolgers aus der Familie übernahm dann ein Manager die Leitung der Mediengruppe, der keine Ahnung vom Zeitungsgeschäft hatte. Die Auflage aller DuMont-Zeitungen ist um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Du bist also ganz gewiss schuldlos, zumal du gute Gründe anführst. Statt in die Qualität des Stadtanzeigers zu investieren, hat schon der Alte das Geld versenkt durch den Zukauf der maroden Frankfurter Rundschau, der kriselnden Berliner Zeitung und einige mehr. Das Geld wurde an der redaktionellen Qualität gespart. Ich habe bei meedia die Analyse gelesen, dass die Zeitungen, die diesen Weg gehen, ihren Untergang beschleunigen. Man muss kein Experte sein, um das zu begreifen. Aber die Herren Verlagskaufleute, die den Sparkurs fahren, begreifens nicht.

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  3. Lieber Jules,
    Eine knisternde Zeitung bei einer Tasse ist für mich immer noch ein Fühlbild für Gemütlichkeit, egal wo.
    Mit dem Sterben der Zeitungsverlage weckst Du Angst in mir, es könne eines hoffentlich noch sehr fernen Tages keine Buchkultur mehr geben und das was ich sehe, wäre das Abendrot vorm Untergang.
    Und doch ist es ein so schöner Titel.
    Ein Buchsetzerfreund aus Jugendtagen weinte als die Traditionsdruckerei ihre Pforten schloss. Er schulte sich auf Mediengestalter um und kommt zwar gut klar, doch vermisst sein Handwerk.
    Das war was Solides, sagte er mir. Was Grundsolides. Alles den Bach runter. Statt dessen digitales Einheitsgematsche. So schimpfte er und an ihn musste ich gerade beim Lesen Deiner Worte denken.
    Wichtig, dass es Menschen gibt, die die Kunst des Setzens noch beherrschen und anderen vorführen können.
    Und ja, auch sicherlich etwas mit Wehmut zu betrachten, so, wie die alte Tretnähmaschine meines Großvaters, die jetzt das Handwerksmuseum ziert.
    Mittwochsgrüße,
    Amélie

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    • Liebe Amélie,
      verstehe ich gut. Blogfreund Merzmensch geht noch weiter. Er weist darauf hin, dass die Vertrauenswürdigkeit einer Zeitung viel mit dem „Rauschen der großen Papierformate“ zusammenhängt. Wir sind schließlich nach wie vor haptische Menschen. Darum allein ist’s ein Verlust, wenn Zeitungen sich ins Digitale flüchten/verflüchtigen. Gestern hörte ich, dass es auch bei der TAZ die Bestrebung gibt, die Papierausgabe einzustellen. „Buchkultur im Abendrot“ ist ja ein Selbstzitat. So heißt mein Buch zum Thema, und so hieß auch eine Rubrik im untergegangenen Twoday-Blog. Ich kann deinen Schriftsetzerfreund gut verstehen. Mir scheint, dass vergleichbar zum Verlust der Haptik einer Zeitung die fehlende Haptik der digitalen Schrift auch einen Bedeutungsverlust bringt. Alles was wir schreiben, hat buchstäblich weniger Gewicht.
      Schöne Grüße zum Donnerstag,
      JUles

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  4. Das mit dem Untergang der Zeitung will ich nicht glauben. So wenig wie das Digitale bisher Buch, Radio oder Fehrnsehn überflüssig gemacht hat. Aber das Tagesaktuelle, die Tageszeitung, die wird es bald nicht mehr geben, sagte mir mein Internetredakteur. Die taz geht diesen Schritt wohl schon im kommenden Jahr: Dann wird nur noch die Wochenendausgabe gedruckt. Die Woche wird online.

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    • Ich habe ja nicht Untergang, sondern Niedergang geschrieben. Der ist unbestreitbar, wenn du dir die Pressekonzentration ansiehst und die Aussdünnung von Redaktionen, Einrichtung von Zentralredaktionen für den Mantel verschiedener Regionalausgaben und zuletzt das zugekaufte Material aus dubiosen Quellen. Dass die Zeitung verzichtbar wäre, sage ich ja auch nicht. Aber immer mehr Leute verzichten darauf, oft weil sie den Qualitätsverlust bemerken. Danke für die Infos zur Taz. Mir war es vorher mündlich zugetragen worden.

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