Goethes bunte Elefanten und ich

Am sonnigen Samstagmorgen fand ich zwei Taschenbücher ausgesetzt auf einem Stadtmöbel, Johann Wolfgang Goethe; Geschichte der Farbenlehre, Erster und Zweiter Teil. Bekanntlich hielt Goethe die Farbenlehre für sein bedeutsamstes Werk. Ich nahm dessen Taschenbuchausgabe an mich, um diesem Mann endlich mal gerecht zu werden. Denn die landläufige Bildungshuberei und das schulische Gewese um Goethe als anbetungswürdiger deutscher Nationaldichter hat mir den Zugang zu seinem Werk verstellt.

Aus der Seele spricht mir diesbezüglich der wunderbare Sketch „Goethe im Examen“ von Egon Friedell und Alfred Polgar, in dem das auf groteske Weise überhöht wird: Goethes Geist erscheint einem verbummelten Studenten und bietet sich an, das Examen über Goethe an seiner Statt abzulegen, weil er, Goethe, es ja wissen muss. „Da wird emal der Schüler mehr wisse wie die Herre Lehrer!“, freut sich Goethe. Die Schulmänner in der Examenskommission wissen es freilich besser und lassen Goethe durchfallen. Man lese den vergnüglichen Sketch in zwei Bildern unter diesem Link.

Moment! Geht’s denn nicht um Goethes Farbenlehre? Diese Abweichung vom Thema entspricht einem Verfahren, auf das Goethe im ersten Teil der Farbenlehre hinweist: Wenn frühere Kartenzeichner einen Bereich aussparen mussten, weil er noch nicht erforscht war, malten sie einen Elefanten an die Stelle. Wörtlich:

    „Jene früheren Geographen, welche die Karte von Afrika verfertigten, waren gewohnt, dahin, wo Berge, Flüsse, Städte fehlten, allenfalls einen Elefanten, Löwen oder sonst ein Ungeheuer der Wüste zu zeichnen, ohne daß sie deshalb wären getadelt worden. Man wird uns daher wohl auch nicht verargen, wenn wir in die große Lücke, wo uns die erfreuliche, lebendige, fortschreitende Wissenschaft verläßt, einige Betrachtungen einschieben, auf die wir uns künftig wieder beziehen können.“

So macht es Goethe überall, wo er beim Sichten der antiken Autoren nichts über das Thema Farbe gefunden hat. Er schreibt trotzdem etwas wie die Elefantenmaler, und so gesehen ist der Hinweis auf den Sketch, ist also Goethes Geist mein Elefant, gemalt wegen Unzugänglichkeit.

Diese Unzugänglichkeit, ich gebe es zu, liegt zum Teil auch an der hässlichen Aufmachung von dtv-Ausgaben und ihren Verfallserscheinungen nach 50 Jahren. An den zellophanierten Buchumschlägen bricht das Zellopohan, wellt sich an den Rändern hoch und zeigt, dass aus der erzwungenen Vergesellschaftung der Materialien Zellophan und Karton nie eine innige Verbindung geworden ist. Natürlich sieht auch das Papier im Buch aus wie die vollgequarzte ehedem weiße Gardine eines Kettenrauchers. Getreu der gestalttheoretischen Idee: „Paarung wirkt auf die Partner“ mag man so ein Buch zwar lesen, aber nicht verinnerlichen.

Statt Elefant – Goethes Hexeneinmaleins – Kalligrafie JvdL, Filzstift, schwarze Tinte – zum Vergrößern bitte klicken!

Gemildert wurde das allerdings durch meinen Leseort am sonntäglich-sonnigen Maschsee, wo ich von blauvioletten und gelben Krokussen und anderen Frühblühern umstanden war. Auch dachte ich bei den meisten Paaren, die an mir vorbei bummelten, wie gut, dass ich nicht mit der oder dem unterwegs sein muss, sondern hier in Ruhe lesen kann. Diese Begleitumstände sprachen durchaus für Goethe. Trotzdem dachte ich nach dem einen oder anderen goetheschen Elefant: „Mein Gott, was für ein eitler Schwätzer!“ Mein Sohn, dem ich das später am Telefon erzählte, wies darauf hin, dass viel Lob und Anerkennung nicht spurlos an einem Menschen vorbeigehen und ihn auf Dauer eitel werden lassen. Besonders Goethes Besserwisserei gegenüber Newton ist aus heutiger Sicht mehr als peinlich. Weiter bin ich noch nicht gekommen, doch ich fürchte, ich muss geneigte Leserinnen und Leser bitten, sich für den unerforschten Rest der Farbenlehre einen großen bunten Elefanten zu malen.

10 Kommentare zu “Goethes bunte Elefanten und ich

  1. Für fortgeschrittene Goethehasser kann ich Dir das wunderbare Werk „Der unbegabte Goethe – Der Dichter in misswollenden Zeugnissen seiner Mitlebenden“ empfehlen. Ich fand es vor einiger Zeit auf dem Martinsmarkt unserer Kirche und musste es unbedingt für meinen Sohn mitnehmen, welcher ziemlich sicher ist, der Herr habe immer dann mal schnell ein neues Gedicht hingeklatscht, wenn er mal wieder ein neues Handy brauchte.
    Ich habe damals darüber gebloggt, deshalb kann ich sogar noch daraus zitieren: „Wider die Regeln verstoßen! Fehler über Fehler! Der Goethe kann doch auch nichts machen, ohne wider die wesentlichen Regeln zu fehlen!“ und „Das holprige Meisterstück ist nun gedruckt im Taschenbuch für Damen für 1806, und beweist auf drei kleinen Blättern, dass Goethe leider kein Deutsch versteht.“
    Lies dieses Buch in der Frühlingssonne und Du wirst Dich richtig wohl fühlen…

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den Nachweis. Klingt vielversprechend, wobei die Kritik an Fehlern mich nicht kratzt. Geoethe interessierte Orthographie erklärtermaßen nicht.
      Er schreibt:
      „Mir, der ich selten selbst geschrieben, was ich zum Druck beförderte, und, weil ich diktierte, mich dazu verschiedener Hände bedienen musste, war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an: sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man damit sagen wollte! Und das haben die lieben Deutschen bei mir doch manchmal getan.“

      Der Vermutung deines Sohnes entspricht die Stelle aus dem Sketch:

      Professor. […] Welche seelischen Erlebnisse veranlaßten den Dichter zur Fortführung des ›Wilhelm Meister‹?

      Goethe. No, da hat er doch schon vom Verleger die 200 Taler Vorschuß uff’n zweite Band gehabt, da hat er’n doch aach schreibe müsse.

      Professor. Was? Sie behaupten also, daß schnöde Geldgier die Triebfeder von Goethes genialer Dichtung war?

      Goethe. Ei wieso denn Geldgier? Das Geld hat er doch längst net mehr gehabt.

      Liken

      • Ja, so ungefähr meinte er das damals auch. Außerdem musste er ja auch alle seine Frauengeschichten irgendwie am Laufen halten, was sicher auch Geld kostete. Meine Freundin, im Gegensatz zu meinem Sohn, reduziert ihn darauf (Sie meint: „Ih, wie kann man nur ein Verhältnis mit Christiane Vulpius gehabt haben!“).
        Ich kenne eigentlich niemanden, der von Goethes Dichtung wirklich angetan wäre. Vermutlich gibt es jemanden. Ich kenne nur die anderen…

        Liken

  2. Pingback: Einfach mal vor die Tür gehen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.