Schreibstube 5 – Essen wie Goethes Großmutter

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Ich ließ sie alleine in den Saal gehen und ihre Ausrüstung zusammenpacken, blieb im Türrahmen stehen, um aus den Augenwinkeln den Gang zu beobachten.
„Wo sind die?“, fragte Helen, als sie aus dem Saal kam.
„Nicht zu sehen. Aber gib mir den Porsche!“ Mit dem schweren Stativ in der Hand fühlte ich mich etwas gewappnet, falls uns die Männer über eine Hintertreppe den Weg abgeschnitten hatten.“
Wir eilten die Treppe hinab. Das Foyer war leer. Hinüber zur Tür. Helen stieß mit der Hüfte die Klinke hinunter und stöhnte angstvoll auf: „Verschlossen!“
„Die geht nach innen auf, du Herzchen“, sagte ich. „Das ist keine Paniktür.“
Der Parkplatz lag bereits in der Dämmerung. Drüben beim Auto standen zwei dunkle Gestalten.
„Lauf zur Straße!“, sagte ich.
Sie zögerte.
„Nun mach schon!“
Ich sah ihr hinterher, bis sie die Straße erreicht hatte und schaute immer wieder zum Auto hinüber. Die Männer setzten sich langsam in Bewegung und kamen auf mich zu. Aus der Nähe erkannte ich die dunkelblauen Uniformen der Gendarmerie.
„Que faites-vous ici, monsieur ?“, fragte der Ältere, ein phlegmatischer Wallone mit einem Schnurrbart. Ich kramte mein Schulfranzösisch hervor:
„Nous avons visité le bâtiment et pris des photos.“
„Vous ne savez pas qu’il est interdit d’entrer dans l’immeuble?“
„Je suis désolé, on ne le savait pas. Nous venons d’Allemagne.“
„Das ist ein schlechte Ausrede“, sagte der Jüngere.“Betret Verbot steht doch auf den Schild.“
„Leider übersehen. Ich trug mich mit dem Gedanken, das Gebäude eventuell zu kaufen.“
„Il veut acheter l’ancienne boîte“, dolmetschte er seinem Kollegen.
„idée folle“, sagte der und machte mit dem Zeigefinger eine Schläfenschraube. Die beiden lachten.
Es wurde mir zu blöd: „Si ça ne vous dérange pas, j’aimerais conduire maintenant.“
„Bon voyage, monsieur, et restez à l’écart dans le futur.“

Wer waren die?“, fragte Helen, nachdem ich sie mit dem Auto eingesammelt hatte.
„Von der Gendarmerie, wollten wissen, was wir da gemacht haben.“
Sie sank erleichtert in ihrem Sitz zurück.
„Hast du was von den Männer gesagt?“
„Nein, das wäre mir zu kompliziert gewesen, auf Französisch zu erklären. Außerdem ist der Polizei nicht zu trauen, so korrupt die hier sind. Ich wollte nur schnell weg, um dich nicht ganz aus den Augen zu verlieren.“
„Was glaubst du, haben die drei Kerle im Sanatorium getan?“
„Offenbar nichts, was wir hätten sehen sollen.“
„Gruselig!“, sagte sie und schüttelte sich. Eine Weile schwiegen wir. Helen zündete sich eine Zigarette an.
„Ich habe Thomas übrigens gesagt, dass ich zwei Tage in Spa fotografiere. Wegen der unterschiedlichen Lichtverhältnisse morgens und abends.“
„Dann übernachten wir in Spa?“, sagte ich erfreut und fragte mich, warum sie vorher nichts gesagt hatte. „Aber nochmal zum Sanatorium willst du hoffentlich nicht.“
„Muss ja nicht. So haben wir mehr Zeit für uns.“
„Wird sich dein Mann nicht wundern, wenn du nur Fotos vom späten Nachmittag hast.“
„Kaum. Der interessiert sich nicht für meine Arbeit.“
„So ein Klotz!“
Wir fuhren ins Zentrum von Spa und kauften ein paar Sachen für die Nacht. Helen brauchte nicht viel. Sie hatte die große Fototasche für eine Übernachtung gepackt. Ich hatte mich schon gefragt, was da alles drin wäre. Für die Übernachtung wählte ich das „Manoir de Lébioles“, am südlichen Ortsausgang gelegen.

„Ein schönes Schlosshotel“, sagte ich. „Das bisschen Luxus haben wir uns nach der Aufregung verdient. Ich bin schon mal da gewesen. Walden, ein Geschäftsfreund meiner Eltern, hatte dorthin zum Firmenjubiläum geladen. Zum festlichen Diner musste der Sternekoch mit dem ganzen Küchenpersonal in Reihe antreten, und Walden las dessen Vita vor, wo der überall gekocht hatte und so. Damit wir so recht würdigen konnten, was uns geboten wurde. Walden hatte ihn ein Menü kochen lassen „aus dem Kochbuch der Großmutter Goethes, und ein Dr. Thomeé vom Aachener Germanistischen Institut hielt eine launige Rede über Goethe, bevor serviert wurde.“

„Wer keine Kultur hat, kauft sie sich“, sagte Helen.

„Oder er verhökert sie wie dein Mann“, gab ich zurück.

Fortsetzung (6)

Bericht aus der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

„Wie weit bist du mit der Neuformatierung der kommentierten Bibliographie?“
„Beinah fertig. Ich frage mich, was damit tun? Die Zeit ist darüber hinweg gerauscht. Das referiert auf altes Wissen, das heute keinen mehr interessiert. Gestern sah ich beim NDR-Medienmagazin Zapp einen Bericht über neue Formen der Nachrichtenübermittlung des BR für junge Leute unter 30. Man produziert Dialogszenen aus einer Wohngemeinschaft, filmt, gestaltet mit dem Smartphone und veröffentlicht die Filme bei Instagram. Ein anderes Format für junge Leute ist „funk“ von ZDF und ARD, publiziert über verschiedene Plattformen wie Youtube und dergl., beispielsweise das Format „Auf Klo“. Zapp fragte: „Wenn das mit Funk gut funktioniert, was ist eigentlich danach? Wie finden Funk-Nutzer später zu ARD und ZDF? Programmgeschäftsführer Florian Hager meint, man brauche auch Angebote für die 30- bis 40-jährigen, damit die Leute, die mit Formaten wie Funk sozialisiert wurden, durch die Angebote des Fernsehens erreicht würden. ‚Das ist die nächste große Baustelle‘, sagt der Interviewer. Hager: ‚Genau.‘

Und ich dachte, wie radikal sich die Medienwelt wandelt, dabei gibt es unter Bloggerinnen und Bloggern noch welche, die stolz darauf sind, überhaupt kein TV zu nutzen. Und völlig anachronistisch sind die Themen der kommentierten Bibliographie.“

7 Kommentare zu “Schreibstube 5 – Essen wie Goethes Großmutter

  1. Pingback: Die Schreibstube (4) – Stumme Bedrohung

  2. Was hat Goethes Großmutter denn nun gekocht? Du spannst mich auf die Folter. Falls es die mütterliche war, Germanisten quatschen viel, konnte sie schreiben?

    Das Leihkind spielt mit bei seiner Schülerzeitung und dachte, das wäre neu, da habe ich die alten raus gekramt, an denen ich einst mitgespielt. Er war entsetzt , schwarz- weiß und keine Fotos. Wie habt ihr das geschrieben. Ich kramte meine olle Erika – ein Erbstück schon seinerzeit – hervor. Er war fasziniert, wollte alles selbst probieren, kam nach ner halben Stunde an. K, wie kriege ich ein Blatt in diesen Drucker?

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      • Du hast, wie ich, das Kochbuch nicht gelesen, vermute ich, und freue mich auf Wiederspruch.

        Den Ansatz, Vegimensch zu sein halte ich in diesem Kontext für kurzsichtig. (Ich bin es, drum tippe ich mit Brille.) Zu Zeiten von Goehtes Oma gab es in Lübecker Armenanstalten nur Sachleistungen zu denen auch ein Pfund Fleisch pro Tag und Mensch, da waren auch Knochen drin, Talg Bauchfett, nix mit Steak oder Filet, Gemüse war Sommersache, 5 Liter Bier gehörten auch dazu ( Das Wasser kam noch aus dem Fluß, der auch die Müllabfuhr.), ein Pfund Brot. Die „Sachleistungen“ waren so bemessen, das davon noch was zum Verkauf übrig bleiben sollte, für Bekleidungskosten, z.B.. in einer Zeit in der Unterhosen mit großen Schlitzen zwischen den Gebeinen ein wärmend Schmuck für Reiche waren.
        Du weisst viel und ergründelst mehr. 🙂

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  3. Lieber Jules,
    Helen ist es wert, beschrieben zu werden, sie wirkt so strahlend. Und die Geschichte ist wohl eine bedeutsame, denn sie entzieht sich Dir und öffnet in jeder Erinnerung Details wie ein Makro-Objektiv.
    Wenn du müde bist, kann ich das gut verstehen. In den vergangenen Tagen bist Du viel und weit gereist.
    Das ruft nach Erholung.
    Und vielleicht irgendwann nach einer Fortsetzung.
    Wenn aus Fragmenten Erzählungen entstehen können, funken sie noch
    Einen lieben Gruß von Amélie

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