Die Schreibstube (4) – Stumme Bedrohung

Folge 1Folge 2Folge 3 – Folge 4

Ich hatte mich längst gegen den Kauf des alten Kastens entschieden. Zu groß, zu heruntergekommen. Es würde Unsummen verschlingen, ihn zu sanieren, und später wäre es schwierig, einen Käufer zu finden. Letztlich geht es mir nur noch um Helen, dachte ich, derweil ich hinter ihr die Treppe hoch stieg. Allmählich musste ich mir eingestehen, dass ich mich verliebt hatte. Anfangs war es nur körperliche Anziehung gewesen, der Reiz der Eroberung, doch inzwischen hatte diese eigenwillige Frau mich in ihren Bann gezogen. Ich liebte alles an ihr, wie sie dachte, wie sie sprach, wie sie sich bewegte, ihre zielstrebige Art, ja, mir imponierte, wie sie sich in der Männerdomäne der beruflichen Fotografie erfolgreich behauptete. Dazu gehörte auch ihre dickköpfige Weigerung, digital zu fotografieren, an der ihre Agentur schier verzweifelte, weil die Bildredakteure der Zeitschriften digitales Material verlangen. Ich ergötzte mich an der Spannung ihres Körpers, wenn sie fotografierte. Auch gefiel mir, dass sie nicht wild herumknipste, sondern von jedem Motiv genau ein Foto machte, völlig sicher, dass weitere nicht nötig waren, weil sie stets den für ihre Absicht besten Blickwinkel, den richtigen Bildausschnitt gewählt hatte. Die Belichtung musste sie nicht messen, denn sie hatte mit einem Ex-Geliebten und Kollegen immer darum gewetteifert, wer mit seiner geschätzten Belichtungszeit am nächsten an die nachträglich gemessene kam.

Als wir die erste Etage erklommen hatten, sah ich einen hohen Korridor so lang, dass sein Ende nur zu ahnen war. Von irgendwoher grellte dort die Sonne hinein und verbarg die Flucht vor unseren Augen. Da wir uns an einem zentralen Aufgang befanden, zeigte sich der Gang zur anderen Seite ebenso lang und schien in der Ferne in einen Seitenflügel abzuknicken. Helen hatte bereits das Stativ aufgestellt und zielte mit der Kamera in das ferne Licht. „Das gibt ein Bild, als hätte es der wahnwitzige Piranesi gezeichnet“, murmelte sie. Um nicht untätig zu sein, öffnete ich eine Tür und trat in einen leeren Saal. Das Licht von sieben hohen Fenstern malte bizarre Trapeze aufs Parkett, dessen Elemente von Nässe aufgeworfen waren und harte Schatten warfen. Ich erschrak, als eine Taube aufflog und durch ein zerborstenes Fenster flüchtete. Von dort war Wasser eingedrungen, das im grellen Sonnenlicht verdunstete.
„Ich rief: „Helen! Hier findest du noch ein Piranesi-Motiv!“
Sie rückte mit ihrer Ausrüstung heran und hatte Mühe, im gewellten Parkett fürs Stativ eine ebene Stelle zu finden. Helen fotografierte, dann schaute sie sich um, kam zu mir und lehnte sich an. „Hier ist schlechte Vibration. Das zieht mir Energie ab“, sagte sie. Ich nahm sie in die Arme und sagte: „Wir können auch gehen. Ich habe genug gesehen.“
„Nur mal gucken, wohin der Gang abknickt“, sagte sie.
Wir waren vielleicht 25 Meter dem Gang gefolgt, hatten lachend und albernd hie und da Türen geöffnet und hineingeschaut in die weitgehend leeren Räume, da kamen einen Steinwurf vor uns zwei Männer aus einem Zimmer und vertraten uns den Weg. Und dann gesellte sich ganz langsam ein Dritter dazu. Sie stellten sich breitbeinig hin und schauten uns ablehnend an. Mir fuhr der Schreck in die Glieder. Jetzt nur keine Angst zeigen. Ich sagte: „Du hast deine Ausrüstung im Saal vergessen, Helen“, und zog sie an der Hand. Wir wandten uns ab und gingen zurück. Ich bemühte mich, cool zu bleiben, langsam zu gehen wie selbstverständlich, doch ich hatte eine Scheißangst, die drei würden hinter uns herkommen, mich überwältigen und sich über Helen hermachen.
„Ich krieg gleich einen Herzkasper“, raunte sie.

Bericht aus der Schreibstube
Stunden damit zugebracht, eine mit dem Programm Letter-Perfekt geschriebene kommentierte Bibliographie von wahnwitzigen Steuerzeichen und Leerseiten zu befreien und ins Format des OpenOffice-Writers zu bringen. Ein Wunder, dass die Datei überhaupt noch lesbar war. Derlei Probleme kannte man vor 100 Jahren nicht. Aber interessant:
Porstmann, Walter: Sprache und Schrift, Berlin 1920
Der Ingenieur nimmt sich der Sprache an und entdeckt…“ein Stück Holz, dem irgendein Schnitzer plumpe Formen gab. – Und wir lagen davor und beteten, anstatt zu gestalten.“ Sein Fortschrittsglaube ist überwältigend. Porstmann will die Schrift von Grund auf verbessern. Er ist ein radikaler Phonetiker, der die Schrift endlich aus der „Holzzeit“ in die „Stahlzeit“ überführen will. Das „Schmieden der Schrift“ ist sein Anliegen. Nicht nur Konservative widersprechen. So schreibt Paul Renner, der Schöpfer der noch heute berühmten Schrift „Futura“, 1930: „Also nicht der radikalismus trennt mich von Porstmann und seinen mitläufern, sondern ich halte das ziel nicht für richtig, auf das er losgeht. Übrigens stört mich schon sein stil. Ich frage mich, ob ein mensch für die bedürfnisse unserer sprache ein gefühl haben kann, der solche sätze schreibt: ‚innerhalb der zeit, die ein großbuchstabe verschlingt, können mehrere kleinbuchstaben im ununterbrochenen schreibfluß getippt werden. die verdichtung der denkkraft auf den stoff wird dabei nicht gestört, was auf geistige frische des schreibers vorteilhaft wirkt. für die schreibmaschine selbst wird eine große freiheit zur weiterentwicklung geschaffen, etwa ein drittel der typen fällt weg. die schreibmaschine scheitert in ihrer entwicklung auf die größte höhe an dem wust von gerümpel in unserer schrift.‘ (Renner 1930). Man sieht, für Porstmann waren die Versalien nur noch Gerümpel.

Fortsetzung

10 Kommentare zu “Die Schreibstube (4) – Stumme Bedrohung

  1. Pingback: Die Schreibstube (3) – Helen

  2. Lieber Jules, die letzten Tage habe ich die Fortsetzungen der Schreibstube schon überflogen und heute noch einmal alle vier Teile gelesen. Ein Genuss. Ich muss zugeben, dass ich nicht ganz begreife wie die Fragmente zusammenhängen und ob sie das überhaupt in ihrer Fülle tun. Aber ganz ehrlich, das ist mir beim Lesen nicht wichtig. Viel schöner und interessanter ist, wie sich alles zusammenfügt, trotz seiner Eigenheiten passt und unheimlich viel Spaß beim Lesen macht. Dass ich nicht weiß, wer diese unheimlichen Kerle sind, gefällt mir. Ich hoffe eine Auflösung kommt. Und selbst wenn nicht, es gibt in diesen Teilen so viel zu entdecken…. ach, es ist einfach etwas ganz besonders feines, dass ich hier gerade lese. Schön, dass du aus dem alten Fragment eine mehrteilige Erzählung gemacht hast. Danke!

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Mitzi,
      herzlichen Dank für deine ermunternden Worte. Es freut mich, dass du dir die Zeit genommen und das Lesen genossen hast. Inzwischen bin ich ganz in die Geschichte eingetaucht, was sich daran zeigte, dass ich mir gestern selber Angst gemacht hatte. Ich könnte eine Weile weiter schreiben, doch je mehr Text im Blog vorliegt, desto abschreckender für alle, die nicht kontinuierlich mitgelesen haben. So fürchte ich, mein Teestübchen-Blog in den Keller zu schreiben. Mal sehen, wie lange ich durchhalte. Um so wichtiger dein Kommentar.
      Beste Grüße!

      Gefällt 1 Person

      • Ich glaube nicht, dass du den Blog in den Keller schreiben kannst. Selbst wenn für eine Zeitspanne weniger Zugriffe und weniger Leser sind, so schlimm würde ich das nicht empfinden, wenn die Freude beim Fortführen der Erzählung für dich gegeben ist.
        Liebe Grüße

        Gefällt 1 Person

  3. Lieber Jules,
    Dein Fortsetzungs- Schreibprojekt braucht textlich diese Länge, da es sich nicht schnell, sondern langsam und genüsslich weiter entfaltet und dabei immer wieder neue Aspekte und Details ins Spiel bringt oder spannend Haken schlägt. Nach wie vor hänge ich an dem alten Manuskript aus dem Oberrohr des Papperennrads: was ist sein Geheimnis?
    Der Klippenhänger, heute diese drei unheimlichen Vögel, macht mir Neugier mehr zu erfahren und….Könntest Du Dein Schreibstübchen je in den Keller schreiben? Ich kann und mag es mir gar nicht vorstellen. Mitzi hat Recht und ich schließe mich auch Deinen übrigen Kommentatoren und seit Jahren treuen bloglesern an: die Geschichte ist sehr spannend und unbedingt wert, weitergeschrieben zu werden.
    Mit donnerstäglichen Grüßen,
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amélie,
      Du hast Recht. Aber, ums mit Kafka zu sagen: “ Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“ Einmal dem unbedachten Schreibimpuls gefolgt, gerate ich unversehens ins selbst geschaffene Geschehen, rutsche aus dem Alltäglichen in eine parallele Realität, nämlich die des Textes. Und da alles mit allem verbunden ist, muss ich das gefundene Manuskript zurückstellen, weil es derzeit bei mir unauffindbar ist. Ich hatte letztens noch einen mir dubiosen Text in den Händen, vom dem ich glaube, dass er das Rätsel des Manuskriptes aufhellen könnte, allein weiß ich nicht, wo ich ihn hingetan habe. Inzwischen hat sich aber die Rahmenhandlung eigenmächtig entwickelt, so dass ich derzeit nur hoffen kann, bald alles zum abrundenden Ende zu bringen. Das in den Keller geschrieben meine ich ganz konkret auf die sinkenden Likes, Kommentare und Aufrufe bezogen. Das Blog ist halt ein passend unpassendes Medium.
      Erschöpften Gruß,
      Jules

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      • Lieber Jules,

        kennst Du das hier von Kafka auch? :
        „Daß unsere Aufgabe genauso groß ist wie unser Leben, gibt ihr einen Schein von Unendlichkeit.“

        Das gehört zu meinen Lieblingszitaten von Franz Kafka und gerade hast Du mich an die Nachtglocke aus dem Landarzt erinnert. Hui, das ist eine düstere Erzählung und er irrte unbekleidet auf einem Pferd durch den Frost. Brrr…..das ist bestimmt furchtbar ungesund.
        Und dann noch das schöne Mädchen. Rosa hieß sie. Aber da will schon wieder der nächste Gedanke mich ganz woandershinführen und weg zu dem, was mir wichtiger noch ist zu sagen:
        Dass ich es kenne. Das Beginnen einer Geschichte und ich nenne es mich „verdimensionieren“ wenn sich plötzlich Textwelt und meine Welt beginnen zu vermischen. Und wenn das Manuskript unauffindbar ist, dann ist es das. Es will nicht gefunden werden. Vielleicht ist das ein Teil des Rätsels, das die drei düsteren Männer kennen könnten? Diese eigenmächtige Rahmenhandlung ist mir außerordentlich sympthatisch. Sie brachte unter anderem diese hinreißende Fotografin ins Spiel.

        Du hast nicht nur den blog sondern auch noch Bücher geschrieben und nicht nur das, über den Rest kann ich ja nur spekulieren und diesen blog pflegst du gewissenhaft. Er ist ein echtes Juwel in der bloglandschaft und es sind vielleicht nicht so viele, die liken oder die kommentieren, ich gebe Dir Recht, es sind viel zu wenige. Doch die, die da sind, sind seit Jahren treue Leser.
        Ist sehr schön, dass es Dich noch gibt in all dem übrigen blogsterben.

        Erhol Dich gut. Lass langsam angehen mit der Fortsetzung…

        Liebe Grüße,
        Amélie

        Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibstube 5 – Essen wie Goethes Großmutter

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