Die Schreibstube (3) – Helen

Folge 1Folge 2 – Folge 3

Sie stemmte die zweiflüglige Eingangstür mit der Schulter auf und verschwand im Inneren des Sanatoriums. Ich beeilte mich, ihr hinter herzugehen, schob den Fuß in die zufallende Tür, denn mich überkam die Furcht, das Haus würde die Frau verschlingen und ich stünde ratlos da. Was sollte ich ihrem Mann erklären? Freilich musste er vom Wagemut seiner Frau wissen. Er sollte sie kennen. Hinter der Tür tat sich eine einst prächtige Eingangshalle auf, aus der sich links und rechts je eine Treppe in die oberen und unteren Etagen schwang. Obwohl von der einstigen Inneneinrichtung nichts heil geblieben war, verströmte die Halle einen morbiden Charme. Licht kam von der südlichen Fensterfront, wo einmal die Rezeption gewesen war. Da staken noch große Scherben im Fensterkitt. Die Fenster mussten mal Pflanzenornamente im Jugendstil gehabt haben. Die untergehende Sonne sandte die letzten Lichtstrahlen, blitzte grell wo das Glas fehlte, schien sanft gemildert durch die Scherben.

Helen hatte sich zentral postiert und richtete ihr Stativ aus, ihren „Porsche unter den Stativen“, wie sie stolz gesagt hatte. Am Porsche schien eine Rändelschraube zu klemmen. Sie sagte: „Kannst du die mal lösen?“
„Leider nicht“, sagte ich und deutete mit der Linken bedauernd auf meine Fingerkuppen, die mit dem Eintreten ins Sanatorium wieder zu bluten begonnen hatten, so dass ich die Hand senkrecht halten musste, damit das Blut zu Boden tropfte.
„Küchentücher in der großen Fototasche!“, sagte sie. Ich nahm die Rolle, riss ein Blatt ab, faltete es zum Streifen und wickelte ihn stramm über die Fingerkuppen, um die Blutung zu stoppen.
„Sag mal, was ist jetzt eigentlich mit dem Manuskript, an dem du dir die Finger zerschnitten hast?“, fragte sie, ohne vom Stativ aufzuschauen.
„Blöde Sache!“, sagte ich. „Weil es blutverschmiert war, hiervon“, ich wedelte mit der verletzten Hand, um ihr Mitleid zu rühren, „weil ich es mit Blut eingesaut hatte, gab ich es zum Säubern unserem Restaurator. Mit der Schließung unserer Firma wurde auch er entlassen, und seither ist das Manuskript verschwunden. Er behauptet, es müsse da sein, aber ich glaube, er hat es an sich genommen, um es gewinnbringend zu verkaufen. Die ehemalige Belegschaft ist, wie du dir denken kannst, nicht gut auf uns zu sprechen.“
„Ihr seid ja auch Schurken!“, sagte sie und sah mich kämpferisch an. Es war eine Härte in ihrer Stimme, die mich schon immer irritierte, weil sie im krassen Gegensatz zu ihrem liebreizenden Äußeren stand. Inzwischen hatte sie die Kamera auf dem Stativ befestigt und ausgerichtet. Ich antwortete nicht. Was sollte ich auch sagen? Wer sich verteidigt, klagt sich an. Sie beugte sich vor und schaute durch ihr Objektiv. Ich trat hinter sie und umfasste ihre Hüften. Sie schüttelte mich ab und sagte: „Lass das, ich muss das restliche Sonnenlicht nutzen!“
„Du bist heute so distanziert!“, maulte ich.
„Nur professionell!“, sagte sie. „Wenn ich arbeitet, arbeite ich. Dann gibt es sowas nicht. Sag! Versteht das einer, der von Beruf reich ist?“
Bevor ich antworten konnte, setzte sie nach „Von Beruf reich. Wie bescheuert ist das denn?“
„Hab ich das gesagt?“
„Mir war, als hätte ich es gelesen.“
Sie drückte einmal den Auslöser, der Verschluss des Objektivs schnarrte, und Helen richtete sich zufrieden auf. „Das wars! Jetzt können wir …“
„… das Gebäude erkunden?“
„Was denn sonst?“, sagte sie, schulterte Stativ und Kamera und ging zur Treppe.

Aus dem Handbuch der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

„Die Schreiber hatten den besonderen Namen Stationarii, die, welche studiert hatten, nahmen aber auch den Namen Clericorum an, unter welchem Namen überhaupt in den Zeiten des Mittelalters die Gelehrten, die damals allein unter den Geistlichen zu suchen waren, begriffen wurden. (…) Die Secretaire des Königs von Frankreich wurden noch in unseren Tagen Clercs du Roi genannt, und in England sind sie die Clercs of Parliament, die Clercs of the Household, of the King noch jetzt“ (Johann Gottlob Immanuel Breitkopf)
„griech. Kleros gehört mit seiner Grundbedeutung „Steinscherbe, Holzstückchen (als Los gebraucht) zum griech. Verb klaein „brechen, abbrechen und damit zur indogermanischen Sippe von nhd. Holz“ (Duden)
Heute ist der Clerk, der Schreiber aber auch der schlichte Büroangestellte, der Befehlsempfänger. Deutlicher kann man den Niedergang einer Tätigkeit kaum dokumentieren, wie die Sprache dies tut.

Fortsetzung …

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10 Kommentare zu “Die Schreibstube (3) – Helen

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