Die Schreibstube (1) – 1000 Wörter

Eine Schreibstube  ist leer bis auf einen Tisch, auf dem eine Schreibmaschine steht. Ab und zu schaut jemand rein und setzt sich probeweise an den Schreibtisch. Da plumpst auch schon eine Kapsel aus der Rohrpost. Die Direktive von höheren Wesen:

    „Spannen Sie ein leeres Blatt ein. Lassen Sie die Finger über die Tasten gleiten, reihen Sie Buchstab an Buchstab zu Wörtern und Sätzen. Schreiben Sie 1000 Wörter. Senden Sie anschließend Ihren Text per Rohrpost an die Direktion.“

Aus Papier kann man viel machen. Ich meine das nicht im Sinne der nun schon flügellahmen Metapher „Papier ist geduldig“, sondern praktisch, den Umgang mit dem Werkstoff Papier. „Machen“, das bedeutete einst „abbilden, kneten, streichen, pressen.“ Freilich wer Papier nur als DIN-A4-Blatt in der Schreibmaschine oder als Leporello gefalzten Packen Endlospapier kennt, der wundert sich. Wieso sollte er das Papier kneten, läuft doch dann gar nicht mehr durch den Drucker! Lösen Sie einmal Ihre Gedanken vom Büro! Überlegen Sie, wozu Papier sonst noch dienen kann! „Flieger, Papierflieger?“ Gut gut, aber nicht genug! „Schiffchen, Papierhut!“ Hm! „Origami“, sagen Sie, schön, aber noch immer sind Sie gedanklich beim Falten. Freilich muss ich gestehen, dass ich wohl selbst nicht viel weiter als Sie käme, wäre ich nicht erblich vorbelastet.

Ich bin der letzte Spross einer alten Dürener Papiermüllerfamilie, und wenngleich ich selbst nie aktiv in der elterlichen Papiermühle gearbeitet habe, so bin ich doch diesem Werkstoff verbunden, der meiner Familie über Generationen Lebensziel und Broterwerb war, ja, unseren Reichtum und Einfluss begründete. Dieses feine glatte Papier hier, das vor mir liegt und mir als Beschreibstoff dient, das war vormals ein Haufen Lumpen und dann ein Brei, ein Gemisch aus Wasser, Fasern, Leim und Bleichmittel. Dieser Urzustand des Papiers, diese Ursuppe sozusagen eröffnet den gedanklichen Zugang zu den erstaunlichen Möglichkeiten des Materials.

Im firmeneigenen Papiermuseum haben wir eine Unzahl solcher Anwendungsbeispiele, aber eines der schönsten Stücke ist eine Art Rennrad von seltsamer Form, das völlig aus Papier gefertigt ist, bis auf den Treibriemen und die Lager. Diese Rennmaschine, deren Rahmen prächtig rot lackiert ist, war nun einem Lagerarbeiter hingefallen, als er sie vorübergehend ins Depot bringen wollte. Genauer, der Mann war auf der Treppe ausgeglitten, mit dem Rücken auf die Treppenstufen geschlagen und hatte dabei das Rad losgelassen. Er hatte sich dabei auch eine stark blutende Kopfwunde zugezogen, und deshalb herrschte große Aufregung auf der Treppe, bis wir ihn geborgen hatten und sicher im Unfallwagen wussten. Nachdem der Unfallwagen lärmend den Firmenhof verlassen hatte, kehrte ich zur Unglücksstelle zurück, wo inzwischen Mennicken, der Direktor unseres Museums, abwechselnd jammerte und auf einen Gehilfen einschimpfte, der auf der Treppe Ordnung machen sollte. Der arme Mann wischte ungeschickt die Stufen, denn trotz der rosafarbenen Gummihandschuhe, die an seinen Händen prangte, scheute er sich vor der aufzuwischenden Blutlache. Das Rad aber, das Mennicken mit spitzen Fingern hielt, als könnte er damit den Sturz vergessen machen, das hatte einen hässlichen Riss im Rahmen und zwar im Sattelrohr. Ich hielt Mennicken die Tür zum Depot auf, und er trug sein beschädigtes Exponat vorsichtig hinein. Im Lichte besahen wir uns den Schaden. Dabei erwies sich, dass der Rahmen aus fest gerollten Papierblättern bestand. Dieser Schaden war weit weniger schlimm als Mennickens Verhalten rechtfertigte. Unser Restaurator würde ihn leicht beheben können.

„Wenn er je dazu Zeit findet, wenn er Zeit findet!“, jammerte Mennicken, „dieser Mann arbeitet im Schneckentempo.“

Inzwischen hatte ich den Riss näher untersucht. „Sehen Sie, Herr Mennicken, sagte ich, „diese Blätter sind alle beschrieben.“

„Na, wenn schon“, gab er zurück, es wird eben ein sparsamer Mann gewesen sein, der das Rad gebaut hat. Wissen Sie, diese Papierverschwendung heute, Ihnen wird Sie Recht sein, in meiner Jugend gab es das jedenfalls nicht. Wissen Sie, woraus wir unsere Vokabelheftchen gemacht haben? Wir schnitten dazu die unbedruckten Ränder der Zeitungen ab.“

Ich ließ ihn reden und versuchte , etwas von dem zu lesen, was sich da unerwartet aufgetan hatte. Als Schrift erkannte ich eine schöne karolingische Minuskel, doch konnte ich nur ein Satzfragment erkennen „Audeberto Dicit ergo: Quereris, non facile sit obsequi. Scis omne maledictum quiete profunda principes misericordiam suam.“

Mennicken übersetzte: „Also spricht Aldebert: Du klagst, es wäre nicht leicht, ein Höfling zu sein. Dein Herrscher kenne keine Gnade, verfolge jede leise Kränkung mit bodenlosem Grimm. …“

Neugierig versuchte ich den Riss etwas weiter zu öffnen, als mich Mennicken daran hinderte. Er legte die Hand fest auf meinen Unterarm und sagte entrüstet: „Ich bitte Sie!“

In der folgenden Zeit war ich viel unterwegs, gab mich allerlei Vergnügungen und Zerstreuungen hin, hatte diverse Affären, so dass ich die Sache vergaß. Sie fiel mir erst wieder ein, als ich etwa ein halbes Jahr später an einem nasskalten Abend in der Bibliothek saß und recht ziellos in einigen Büchern blätterte. Da war er, Aldebert aus Gallien. Schon zu seinen Lebzeiten im 8. Jahrhundert wurde er vom Volk als Heiliger verehrte. Der Hl. Bonifatius aber nannte ihn einen „betrügerischen Geistlichen, Irrlehrer, Schismatiker, Diener des Satans und Vorläufer des Antichrists.“ Aldebert, dem besonders viele Frauen nachliefen, dessen Nägel und Haare von seinen Anhängern als Heiligtümer verteilt wurden, verfügte über ein Schreiben von Jesus Christus selbst, das in Jerusalem vom Himmel gefallen und vom Erzengel Michael aufgehoben worden sei.

Was mochte auf dem Blatt stehen, das anhob mit: Also spricht Aldebert:“

Ich löschte das Licht in der Bibliothek und stieg hinab in den weitläufigen Keller des Hauses, wo sich auch das Depot unseres Museums befand. Hier war das Rad nicht mehr, und so ging ich hinüber in die Werkstatt des Restaurators. Das Rad war doch schon aufs Feinste restauriert, der Schaden nicht mehr zu sehen. Ich war enttäuscht und wollte schon wieder gehen, als mir auffiel, dass der Sattel noch nicht wieder im Rohr steckte. Man konnte sehen, dass nur ein kurzes Stück des Rohres fast hohl war, nämlich das, welches die Sattelstütze aufnehmen würde. Darunter deutete sich das gerollt Manuskript an. Man müsste es herausdrehen können, bis auf die äußere Hülle, so dass es wie im oberen Stück war. Das Manuskript mit den Fingern herauszudrehen, war keine große Sache. Allerdings waren die Papierkanten scharf wie Rasierklingen. Ich spürte Nässe, und als das Manuskript endlich vor mir lag, war es blutverschmiert. Von meinen Fingerkuppen troff das Blut. Mein Blut zweifellos…

Foto: Gudrun Petersen

Kapitel 2 – Schuldhaft

17 Kommentare zu “Die Schreibstube (1) – 1000 Wörter

          • Unbedingt! Das sind geheime Aufzeichnungen, die er als Fahrrad getarnt über eine Grenze geschmuggelt hat. Oder es ist der Teil eines riesigen Puzzles zur Weltformel? Warum in einem Fahrrad? Wie kam das Rad in die Sammlung? …

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            • Nachdem im 2. Kapitel der Beller vermieden hat, über das Manuskript zu schreiben, mahnst du mit Recht an, das zu tun. Die Sachlage war die: Kapitel 1 ist ein Fragment, das ich vor 25 Jahren geschrieben habe, kürzlich in der Rubrik „Verschiedenes“ meines etwa 4500 umfassenden Karteikarten-Archivs wieder auffand und getreu abgetippt habe. Leider habe ich nicht die geringste Vorstellung gehabt, wie es weitergehen sollte, erinnere mich aber schwach, dass es irgendwo weitere Aufzeichnungen gibt, nur wo? Inzwischen habe ich ja eine weitere Erzählebene mit fiktiven Autoren eingezogen, die der Schreibstube. Ich weiß nicht, wie weit die Idee trägt und ob es mir irgendwann gelingt, die Ebenen zu verknüpfen. Fragen wie du sie stellst, helfen, die Geschichte zu entwickeln. Lieben Dank!

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              • Und dein Archiv mit den 4500 Karteikarten… Was hat das mit dem Fahrrad zu tun? Könnte da nicht eine Verbindung bestehen? Und was schafft es in die Kategorie „Verschiedenes“, bzw. was sind die anderen Kategorien? (wenn ich beginne, Dinge zu „verschiedenes“ zuzuordnen, weiß ich dass meine Entscheidungsfähigkeit für den Moment aufgebraucht ist. https://www.xkcd.com/1077/
                📦

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                • Du hast es exakt benannt. „Verschiedenes“ ist aber auch Verstreutes, für das keine eigene Kategorie angelegt werden soll. „Verschiedenes“ enthält beispielsweise Überlegungen zu „Fractals in sozialen Prozessen“ (Über die Unmöglichkeit, historische Sachverhalte genauer zu erfassen) sowie eine Vorbemerkung zu Jüngling der Schwarzen Kunst. Danke für das Cartoon!

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