Auf der Suche nach Frau S.

Wenn mich einer fragt, warum ich am Morgen vor dem Supermarkt am Schwarzen Bär herumlungerte, dann war es so, dass ich hoffte, Frau S. säße an der Kasse wie vor einer Woche. Vor zwei Jahren war Frau S. nämlich aus meinem Leben verschwunden. Zuvor hatte sie bei Edeka an der Kasse gesessen, und ich freute mich immer, sie zu sehen. Das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Auch Frau S. brachte mir deutlich Sympathien entgegen. Als ich eine Weile nicht mehr hingegangen war, war und blieb Frau S. verschwunden – bis ich sie vor einer Woche beim Rewe-Supermarkt sah. Ich war an der Nebenkasse gewesen, sie hatte mir den Rücken zugewandt, sah mich aber im Spiegel, drehte sich um und winkte mir zu. Indem ich meinen Einkauf einpackte, sagte ich: „Hier hätte ich Sie im Leben nicht vermutet!“ Sie winkte mir noch einmal zum Abschied, und es war so ein Winken wie für länger. Seither bin ich jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit hin, aber sah sie nie mehr. Ich hatte mir vorgenommen, Frau S. auf einen Kaffee einzuladen, um zu hören, wie es ihr in den zwei Jahren ergangen war.

Die Sonne schien, der junge Morgen noch frisch, da war ich wieder hinunter gefahren zum Schwarzen Bär, hatte durch die Fensterfront auf die umlagerten Kassen geschaut, aber Frau S. war nicht da. Während ich noch Ausschau hielt, trat ein krumm gebeugter, sogar im Gesicht verwachsener Mann an mich heran und fragte schüchtern: „Sind Sie von hier?“, sprach so leise, dass ich ihn zuerst ignorierte. Da versuchte er es nochmal: „Sind Sie von hier?“ Ich sagte „Ja“ und wandte mich ihm zu. Er entfaltete einen Zettel, auf dem mit deutlichen Druckbuchstaben die Adresse einer Ärztin stand, und fragte mich nach der dort verzeichneten Deisterstraße. Das gleiche ungnädige Schicksal, das den armen Mann derart körperlich missgebildet hatte, das gleiche gnadenlose Schicksal wischte die Tafel meiner inneren Landkarte aus, ließ mich ratlos auf die leere Tafel blicken und sagen: „Äh! Ich weiß grad nicht, wo die Deisterstraße ist.“
„Soll ich wen anderes fragen?“
„Besser ist das.“

Während ich zur Bäckerei an der Ecke ging, fiel mir natürlich wieder ein, wo die Deisterstraße ist. Sie führte grad vor meiner Nase von der Kreuzung weg. Leider war der Mann nicht mehr zu sehen. Ich malte mir aus, dass er vermutlich sein Leben lang mit den Härten seiner Existenz zu tun gehabt hatte. Als Kind war er gehänselt worden, niemand mochte sein Freund sein, der schulische Erfolg blieb aus, weil er häufig krank gewesen, nachlässige Ärzte hatten an ihm herumgepfuscht, an einen Beruf war nicht zu denken gewesen, selten hörte er ein liebes Wort, und gerade hatte ihm eine gute Seele mit großer Sorgfalt einen Zettel beschriftet, die Sonne scheint, die Dinge scheinen sich günstig zu entwickeln, und da trifft er auf einen Deppen, der nichts als eine verschwundene Frau S. im Kopf hat. Bleibt mir nur, mich auf diesem Weg herzlich zu entschuldigen. Lieber unbekannter Mann, möge dir das Schicksal zukünftig gewogener sein als bisher.

Werbeanzeigen