Bückling vor dem Formular (1) – Nichts tun

Ich sollte zu Hause sitzen und gar nichts tun, allenfalls mich besinnen. Aber besser sollte ich nicht einmal etwas denken. Auch Denken ist ja irgendwie Handeln, und ich sollte auch das nicht tun. Denn offenbar liegt es am Denken, dass ich mich seit Wochen und Tagen nicht dazu überreden kann, dieses Formular auszufüllen. Viel Aufwand wäre es nicht, einige Unterlagen zusammensuchen, das Formblatt auf den Tisch legen, einen Stift nehmen, das Vorgedruckte lesen und dann in die richtigen Spalten eintragen, was verlangt ist. Gelänge mir das, könnte ich unterschreiben, das Blatt in einen Umschlag stecken, das Couvert mit Adresse und Absender versehen, frankieren, – und ab damit zum Briefkasten. Der Augenblick, in dem das Schlitzmaul des Briefkastens den Umschlag verschlänge, er wäre erfüllt von Genugtuung. Und alles zusammen würde mich vielleicht eine Stunde meiner Lebenszeit kosten, allerhöchstens. Die Genugtuung jedoch würde eine Weile anhalten, denn ich hätte mich nicht nur einer Pflicht entledigt; das korrekt ausgefüllte Formular brächte mir eine erfreuliche Geldsumme.

Beinahe allabendlich habe ich im Bett gelegen und mich ermahnt, dass ich diese eine Stunde aufbringen sollte am nächsten Morgen. Und gelänge es mir nicht am Morgen, dann würde ich es mittags tun. Aber es wurde nicht getan, und nun ist Zeit verstrichen, Fristversäumnis droht. Was ist das nur? Warum scheue ich vor diesem Formular zurück wie ein … – mir fällt kein Vergleich dafür ein, denn wie gesagt, eigentlich sollte ich nicht denken und auch nicht sinnieren, wo ein passendes Beispiel zu finden wäre für mein seltsames und schädliches Verhalten. Das würde die Sache nur verschlimmern. Andererseits beschäftigt mich die Frage, warum ich wie so viele meiner Mitmenschen an Prokrastination leide, einer Krankheit, die so hässlich und sperrig ist wie das Wort. Aufschieberitis fühlt sich schon gleich besser an. Wozu ist sie gut? Welcher evolutionäre Vorteil ist durch sie gegeben? Oder ist die Aufschieberitis ein Produkt des modernen Lebens, generell der Formulare?

Dabei ist das Formular eine soziale Errungenschaft, ein Triumph von Recht und Demokratie. Es verspricht Gleichbehandlung nach allgemein bekannten Vorschriften. Würde ich lieber bei den abweisenden Unterbeamten der übermächtigen Bürokratie eines Despoten vorsprechen und Bücklinge machen, damit man mich anhört? Da wüsste ich nicht einmal die devoten Wendungen und Floskeln, sie gnädig zu stimmen. Und ließen sie mich reden, bekäme ich dann die richtigen Worte heraus, den Sachverhalt klar, knapp und überschaubar darzulegen? Sie würden erwarten, dass ich die notwendigen bürokratischen Ausdrücke kenne, damit sie mich weiterschicken können zu höheren Stellen, wo ich erneut vortragen müsste, warum ich gekommen war. In der Aufregung würde ich wichtige Einzelheiten meines Anliegens vergessen, und es könnte geschehen, dass man mich gar nicht erst ausreden ließe, dass man einen flüchtigen Blick auf meine zerfledderten Unterlagen werfen und stumm auf eine Tür zeigen würde, durch die ich unversehens wieder nach draußen gelänge. Und stünde ich ratlos auf dem Vorplatz, wüsste ich nicht einmal, ob es davon abgehangen hätte, die richtigen Worte zu finden, oder ob sie mich in jedem Fall durch den Nebenausgang geschickt hätten. Denn ich hätte ja kein Recht eingefordert, sondern Gnade erbeten.

Das alles dachte ich gegen meinen Willen, denn ich war ja unterwegs, konnte noch nicht still und gedankenlos zu Hause sitzen. Unversehens hatte es zu regnen begonnen, und plötzlich rammte mich ein Bus. Aber nein, es war Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen. Er war wohl wie ich in Gedanken versunken und hatte mich nicht gesehen.

„Trithemius! Du bist zwar nicht der, den ich zu treffen hoffte, aber sei’s drum, zwei Ohren hast du auch!“, sagte er, sah mich an, als wollte er sich dessen noch einmal versichern und hieß mich mitzukommen.

Bückling vor dem Formular (1) Fortsetzung Costers Pechsträne

Advertisements