Von der Gegenwart des Vergangenen

Der Mann wollte nur etwas nachlesen in einem alten Tagebuch, da wurde er in die Vergangenheit gesogen. Sein altes Leben stieg vor ihm auf, und auch wenn manches erstaunlich klang wie nie zuvor gehört, war es doch sein Leben, in dem er mal zu Hause gewesen war. Er las, wie er sich darin eingerichtet und arrangiert hatte, wie die Welt um ihn beschaffen gewesen war, wie Menschen um ihn herum lebten, die heute 21 Jahre älter wären so wie er auch. Aber der Mann, der er einmal gewesen war, steckte noch in ihm. Er konnte ihn aufrufen, indem er las, was er damals geschrieben hatte. Vieles hatte er beim Aufschreiben als belanglos empfunden, und jetzt waren es genau die vermeintlich belanglosen Einzelheiten, aus denen alles wieder auferstehen konnte. Ein Kuriosum entdeckte er auch. Wie in den letzten Wochen quälte er sich zum Ende des Jahres 1997 und hinein in das Jahr 1998 mit den Folgen eines Rippenbruchs herum. Eine Hustenfraktur war es gewesen, ein Wort, das er damals erstmals hörte, und auch der Orthopäde sagte, er nehme es höchst selten in den Mund.
Als er nach Stunden vom Tagebuch aufblickte, brauchte er eine ganze Weile, sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Er musste sich aus der Vergangenheit befreien wie einst aus dem engen Korsett aus Pflichten und Verbindlichkeiten. Es gelang nur unzureichend, so dass er den ganzen Tag zwischen den Existenzen in einer Art Zwischenwelt lebte, ganz aus dem Hier und Jetzt gerutscht. Es war einsam dort.

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19 Kommentare zu “Von der Gegenwart des Vergangenen

  1. „..da wurde er in die Vergangenheit gesogen.“
    Wie treffend Du diesen Moment beschreibst, lieber Jules.
    Ich mag diese Momente, dieses ungeplante Hineingesogenwerden in die Vergangenheit, vielleivht ausgelöst durch ein Lied aus dem Radio, das Finden eines Zettels oder durch einen Geruch, der nach „Damals“ riecht. Geruch ist mir ein besonders starker Erinnerungsträger.
    Und ich lasse es gern zu, mich zu erinnern. Gern an Menschen, die mich ein Stück begleitet haben. die mir viel bedeuteten, an Begebenheiten mit ihnen. Vielleicht kommen die Erinnerungen verklärt, geschönt daher. Dann ist es eben so. Wenn sie dann sogar ein kleines inneres Lächeln auslösen, erst recht.
    Lieben Gruß!

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    • Dankle, lieber Lo.Von den Schönungen der Erinnerung ist man geschützt, wo Aufzeichnungen existieren. Mir fehlt das für die 1960-er, 1970-er und frühen 1980-er Jahre. Gerade arbeite ich die 1960-er auf, weil ich das Manuskript „Jüngling der Schwarzen Kunst“ fertigstellen will. Glücklicherweise habe ich Aufzeichnungen, die Anfang der 1980-er entstanden sind, als alles noch relativ nah war. Alles andere muss adäquat erfunden werden. Musik kann starke Erinnerungsmomente auslösen. Geruchs- und Geschmackserinnerungen habe ich eher selten. Aber heute Morgen sagte ich zu meiner Frühstückstomate: „Ich weiß nicht, was du darstellst, aber wie eine Tomate schmeckst du nicht.“ Witziger Weise fand ich heute im Rewe-Markt einen Ständer mit „Tomatenwürzsalz“ direkt bei den Tomaten platziert.
      Lieben Gruß!

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  2. Ich werde in letzter Zeit ebenfalls des öfteren von Erinnerungen beglückt, bzw. heimgesucht. Eigentlich eine gute Sache, die nicht einmal irgendwelche Extragebühren kostet. Nur das lautstarke Kommentieren muss ich mir wohl wieder abgewöhnen. Man wird so komisch angesehen, wenn man mit sich selber redet.

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  3. Lieber Jules,
    Oft hat mein schreibendes Ich schon das zukünftige Ich im Blick, und schickt genau diese „Belanglosigkeiten“ in die Zukunft als Ankerpunkte. Heute der sich spiegelnde Abendhimmel in einem Bürogebäude, das automatische Hochfahren der Rollos an demselbem, die schwarzen Äste vor dem noch gerade so blaurosagelben Himmel und der fast volle Mond. 2016 habe ich so eine durch Bilbao herumwehende Plastiktüte verewigt. Das sind die Erinnerungen, die in keinem Reiseführer zu finden sind und die man sich nur schwerlich ausdenken kann. Es sind die kleinen Überraschungen, die das Leben zu dem eigenen machen, zu mehr als einem konstruierten Ablauf der Zeiten und Phasen.
    Herzlich, Anna

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