Von der Gegenwart des Vergangenen

Der Mann wollte nur etwas nachlesen in einem alten Tagebuch, da wurde er in die Vergangenheit gesogen. Sein altes Leben stieg vor ihm auf, und auch wenn manches erstaunlich klang wie nie zuvor gehört, war es doch sein Leben, in dem er mal zu Hause gewesen war. Er las, wie er sich darin eingerichtet und arrangiert hatte, wie die Welt um ihn beschaffen gewesen war, wie Menschen um ihn herum lebten, die heute 21 Jahre älter wären so wie er auch. Aber der Mann, der er einmal gewesen war, steckte noch in ihm. Er konnte ihn aufrufen, indem er las, was er damals geschrieben hatte. Vieles hatte er beim Aufschreiben als belanglos empfunden, und jetzt waren es genau die vermeintlich belanglosen Einzelheiten, aus denen alles wieder auferstehen konnte. Ein Kuriosum entdeckte er auch. Wie in den letzten Wochen quälte er sich zum Ende des Jahres 1997 und hinein in das Jahr 1998 mit den Folgen eines Rippenbruchs herum. Eine Hustenfraktur war es gewesen, ein Wort, das er damals erstmals hörte, und auch der Orthopäde sagte, er nehme es höchst selten in den Mund.
Als er nach Stunden vom Tagebuch aufblickte, brauchte er eine ganze Weile, sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Er musste sich aus der Vergangenheit befreien wie einst aus dem engen Korsett aus Pflichten und Verbindlichkeiten. Es gelang nur unzureichend, so dass er den ganzen Tag zwischen den Existenzen in einer Art Zwischenwelt lebte, ganz aus dem Hier und Jetzt gerutscht. Es war einsam dort.

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