Sinnentleerte Dinge des Alltags – Das Ticken

Seitdem Weckerchen Holger endgültig den Geist aufgegeben hat [Teestübchen berichtete], hängt im Schlafzimmer eine Wanduhr. Die habe ich quasi versehentlich gekauft, weil sie im Laden keine Weckerchen hatten, ich aber eine Uhr wollte. Bevor ich mich bette, nehme ich die Uhr von der Wand und lege sie in den Schrank auf die Handtücher. Dort liegt sie gut und lässt nichts mehr von sich hören. Wenn sie an der Wand hängt und tickt, kann ich nicht einschlafen. Vielleicht liegt es an der sekündlich mitgeteilten Sinnlosigkeit ihres Tickens. Das Ticken von Uhren mit mechanischem Uhrwerk kam von der Unruh, einem im Gehäuse hin- und her schwingenden Rädchen, das mit einer feinen Spiralfeder gekoppelt ist. Moderne Uhren mit Quarzantrieb und Batterie haben keine Unruh, würden also auch nicht ticken. Das Ticken wird künstlich erzeugt, vermutlich in Kinderarbeit. Jedes Mal, wenn der Sekundenzeiger vorrückt, muss ein chinesisches Kindlein die Trommel schlagen, tock, tock, tock, wie stumpfsinnig. Bei mir kann es sich nachts wenigstens ausruhen.

Ich würde gerne eine nicht tockende Uhr kaufen. Hersteller sollten sich trauen. Wo kämen wir denn hin, wollten wir all die nutzlos gewordenen Eigenschaften mechanischer Maschinen mit in die Zukunft schleppen? Meine Computertastatur würde mich alle 90 Anschläge mit einer Klingel darin erinnern, dass bei der mechanischen Schreibmaschine jetzt die Zeile geschaltet und der Wagen nach rechts geschoben werden muss. Der ICE müsste pfeifen und fauchen wie eine Dampflok, und das Auto würde auf die Straße kötteln wie ein Pferd. Letzteres wäre aber gut. Würden sich Würste aus dem Auspuff drehen, hätte man vor Augen, welche Dreckschleudern Autos sind.

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