Die Prophezeiungen des Mühlhiasl (2) – Faktencheck in der Teestübchenredaktion

„Dem Fleischhauer würde ich nicht trauen, selbst wenn er mir vorrechnet, dass zwei mal zwei vier ist“, sagte Frau Kirchheim Unterstadt. „Und Sie, Herr Schmock, sollten skeptischer sein, auch wenn eine Sache auf den ersten Blick überzeugend erscheint.“

„Was genau meinen Sie?“

„Sehen Sie sich einmal an, was Jules Silver von den Prophezeiungen des Mülhiasl mitteilt:
Gerad vor Klautzenbach vorbei wird der eiserne Hund bellen. Silver interpretiert: ‚Die Straßen und Hunde aus Eisen sind die Schienen und Züge der Eisenbahn. Der Eisenhund ist die Lokomotive‘ und zitiert weiter: Der fahrende Rauch wird durch den Wald bellen. Haben Sie überprüft, Herr Schmock, ob überhaupt ein Zug fährt nach Klautzenbach?“

„Äh, nein.“

„Aber ich. Der Zug fährt, von Regen kommend, nur bis Ziesel.“

„Der Mühlhiasl bezieht sich auf die Zeit der Dampfloks. Damals war die Strecke nach Klautzenbach wohl noch nicht stillgelegt“, wandte Schmock triumphierend ein.

„Was zu überprüfen wäre. Es ist nicht sicher, ob da überhaupt je ein Zug gefahren ist. Aber das nur zum Thema Faktencheck. Vergleichen sie mal Mühlhiasls Vision von der Dampflok mit Fleischhauers Vision vom Internet. Stellen Sie sich einen Mann vor, der Anfang des 19. Jahrhunderts von Mühle zu Mühle zieht. Er steht auf einer Lichtung und hat eine Vision, sieht also ein Bild, meinetwegen in den Wolken.“

„Vergessen Sie nicht, dass der Eisenhund durch den Wald bellt. Das ist doch gewiss das Fauchen und Puffpuff der Dampflok.“

„Er sieht Bild und hört Ton – und kleidet das in eigene Vorstellungen vom bellenden Hund.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Sehen Sie nicht den Unterschied zur Internetvision? Mühlhiasl hat keine Idee von den Dingen, weiß nichts von der Struktur oder dem Zweck der Bahn. Sieht nicht, dass die Bahn ein Kommunikationsnetz ist, das Menschen und Güter über ein Netzwerk von Schienen transportiert.“

„Konnte er wohl kaum, da im bayrischen Hinterwald.“

„Woher soll er also wissen, dass eine Gestalt am Fenster mit einem Windows-Computer das Internet nutzt, etwa bloggt und kommentiert? Fleischhauers Vision setzt heutiges Wissen voraus. Nur mit heutigem Wissen kann man die Vision überhaupt niederschreiben, die Ihnen Fleischhauer dargelegt hat. Ein paar alte Wörter wie ‚Mannsbilder und Weiberleut‘ und die im bairischen übliche doppelte Verneinung „kann niemand nicht sagen“ machen die Sache glaubwürdig. Er hat Sie gefoppt! Ist alles erfundener Quatsch, Herr Schmock!“

Chefredakteur Trittenheim hatte die Redaktion betreten und das letzte mitgehört. Er sagte: „Gute Arbeit, Frau Kirchheim-Unterstadt! Den anderen Fleischhauer, diesen Kerl vom Spiegel, habe ich vorgestern zufällig bei Plasberg gesehen. Da gab er ein Beispiel, dass er kein Deut besser ist, als Ihr Fuzzie, Herr Schmock.“

„Wie das?“

„Später, ich brauche erst einmal einen Kaffee. Und außerdem muss ich erst eine Menge Verwaltungskram erledigen. Immer Anfang des Jahres drohen mir die unerledigten Sachen über den Kopf zu wachsen.“

Advertisements