Die Prophezeiungen des Mühlhiasl (1) – Dubiose Deutungen in der Teestübchenredaktion

Fleischhauer hat einen Verlag geerbt“, sagte Volontär Hanno P. Schmock. „Einen dubiosen Verlag.“

„Wieso dubios?“, fragte Frau Kirchheim-Unterstadt.

„Der von seinem Vater gegründete Armbuster Verlag mit Sitz in der Schweiz hat nur esoterische Bücher verlegt. Fleischhauer will natürlich nichts damit zu tun haben. Doch letztens kam er zu mir und berichtete, er habe beim Ausmustern alter Papiere auch ein Manuskript mit Prophezeiungen des Mühlhiasl gefunden, das so nie gedruckt worden ist.“

„Wer ist denn Mühlhiasl?“

„Matthäus oder Mathias Lang, auch ‚der Waldprophet‘ genannt, hat Anfang des 19. Jahrhunderts im Bayrischen Wald gelebt. Er zog als Mühlarzt über Land, das heißt, er hat Mühlsteine geschärft, daher der Name Mühlhiasl. Dem Mühlhiasl werden Prophezeiungen vom Weltende zugeschrieben. Er war Illiterat, konnte weder schreiben noch lesen. Seine Visionen sind durch ein lateinisches Manuskript überliefert, das im Kloster Windberg aufbewahrt wurde, aber im Zweiten Weltkrieg verlorengegangen ist. Fleischhauers Vater hat im Jahr 1974 ein Buch herausgebracht „Prophezeiungen bis zur Schwelle des 3. Jahrtausends.“ Der Autor Jules Silver …“

„Das Pseudonym ist ja noch dubioser als das unseres Herausgebers“, warf Frau Kirchheim-Unterstadt ein, „wenns ein Pseudonym ist, wohlgemerkt.“

„Also Jules Silver“, fuhr Schmock unbeirrt fort, „stützt sich auf mündliche Berichte des Pfarrers Johann Georg Mühlbauer, dessen Großvater den Mühlhiasl noch persönlich gekannt hat.“

„… persönlich gekannt haben soll, Herr Schmock. Distanzform bitte! Wir wollen doch sprachlich korrekt sein“, rügte ihn Frau Kirchheim-Unterstadt. „Das Teestübchen ist eine seriöse Publikation.“

„Fleischhauer sagt, in Silvers Buch wären nur die apokalyptischen Weissagungen paraphrasiert, weils natürlich das wäre, was die Leute lesen wollen. Drei Zeiten sah Mühlhiasl voraus, an deren Ende das „große Weltabräumen“ stehe. Alles ziemlich ungenau und offen für Deutungen jedweder Art. Das Manuskript, das Fleischhauer gefunden hat, enthält Schilderungen aus der sogenannten zweiten Zeit, die dem großen Weltabräumen vorangeht: Da hatte der Mühlhiasl ziemlich konkrete Visionen. Silver habe zitiert: „Die Menschen werden in dieser Zeit immer klüger, aber sie verlieren den Glauben an Gott.“ Mit weiteren Einzelheiten habe Silver wohl nichts anfangen können, mein Vater offenbar auch nicht, sagt Fleischhauer. Wie konnten sie auch? Ans Internet hat damals noch niemand denken können. Sagt Fleischhauer und zeigt mir das Manuskript mit einer „Gesicht“ genannten Vision:

    „Die Fensterflügel der Stuben weit offen. Kein Vogel singt. Gestalten sitzen an Fenstern, vor sich Tisch. Obs Mannsbilder sind oder Weiberleut kann niemand nicht sagen. Die Gestalten bekritzeln Papier mit seltsam geformten Buchstaben, schauen und werfen die Blatt aus den Fenstern. Draußen bleibt es still. Dann tauchen aus dem Nebel an Fensterbrettern Händ auf. Sie halten Zettel zwischen den Fingern, auf die sie ihrerseits etwas geschrieben haben. Die Gestalten nehmen die Zettel und lesen sie. Dann beugen sie sich vor, schreiben Antworten auf die Zettel und drücken sie den unsichtbaren Leut‘ in ihre gereckten Händ.“

„Fleischhauer ist ganz begeistert, und ich bins auch, Frau Kirchheim-Unterstadt, nachdem ich Fleischhauers Interpretation gehört habe. Er deutet das „Gesicht“ so: Die Fenster sind Windows-Computer. Die schreibenden Gestalten schicken ihre Ideen ins Internet. Die Hände aus dem Nebel mit den Zettelbotschaften sind von Leuten, die antworten, also kommentieren. Was sagen Sie dazu, Frau Kirchheim-Unterstadt?“

„Das sage ich Ihnen erst, wenn das Fenster zu ist, Herr Schmock.“ [Fortsetzung]

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8 Kommentare zu “Die Prophezeiungen des Mühlhiasl (1) – Dubiose Deutungen in der Teestübchenredaktion

  1. „Während der Fleischhauer seit Jahren nur Unsinn schreibt“, sagt Herr Ösi und richtet sich vor dem SPIEGEL die Haare, „wenn er überhaupt jemals etwas anderes als Unsinn geschrieben hat, was ich nicht glaube, so ist der Mühlhiasl im Vergleich zu einem Fleischhauer durchaus ernst zu nehmen …“

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