Sendschreiben von Gaunern – Sand für die Augen

Weckerchen Holger hat weiß Gott schon Schlimmes erleben müssen.Trotz allem tat es Jahr um Jahr treue Dienste, aber letztens warf ich es aus Unachtsamkeit zu Boden. Da hat Weckerchen Holger sein kleines Leben ausgehaucht. Es ist nicht ganz tot, kann immer noch sein artiges Weckpiepsen von sich geben. Es liegt hinsichtlich Zeitansage noch zweimal täglich richtig, nämlich am amtlichen Todeszeitpunkt, um genau fünf Uhr 35, wo seine Zeiger stehen geblieben sind, aber das zu wissen nutzt niemandem.

Mit Bedauern begrüße ich den Hinscheid von Weckerchen Holger, denn mein Versuch, einen Ersatz zu besorgen, führt mich geradewegs zu einem typografischen Thema, das mir schon lange am Herzen liegt, dessen Behandlung ich aber immer wieder schändlich hinausgeschoben habe. Also: „Bitte vorsorglich blinzeln!“ Es geht um etwas ganz Kleines, nämlich um Augenpulver, über das sich schon der große Philosoph Arthur Schopenhauer ereifert hat.

In der Bleizeit war die kleinste gängige Schriftgröße 6 typografische Punkt, genannt Nonpareille. Sechspunktschrift hieß in der Druckersprache „Augenpulver.“ Sie war Allgemeinen Geschäftsbedingungen vorbehalten, dem sprichwörtlich „Kleingedruckten“, das immer schon wirkte wie Sendschreiben von Gaunern.  Es gab noch kleinere Schriftgrößen, 5 Punkt = Perl, 4 Punkt = Diamant. Um sie überhaupt greifen und setzen zu können, waren Perl und Diamant auf sechs Punkt Kegeln gegossen. Schon Sechspunktschrift war je nach Zeilenbreite bei Schriftsetzern unbeliebt, denn bei der kleinsten Unachtsamkeit drohten Zeilen in sechs Punkt auseinanderzubrechen, und der Setzer hatte einen sogenannten „Eierkuchen“ fabriziert.

Diese materielle Beschränkung ist bei digitalen Schriften aufgehoben. Hinzu kommt, dass die in Computer-Software verwendeten Schriftgrößen dem amerikanischen Pica-Maß entsprechen. Sie heißen irreführend „Punkt“, sind jedoch etwa einen Punkt kleiner als das von den Druckern verwendete deutsch/französische Punktsystem. Bei Computersoftware sind die Größen 5, 6, 7 schon Augenpulver.


Mit der digitalen Textgestaltung hat sich eine Unsitte breitgemacht, nämlich winzigste Schriftgrößen bei Aufdrucken auf Verpackungen und Behältern. Das ist besonders bei Kosmetikartikeln anzutreffen, wie in den Bildbeispielen zu sehen. Der Aufdruck auf dem Speick-Aftershave veranlasste mich, an das Unternehmen zu schreiben, immer im Dienste der Augenhygiene, allerdings zugegeben nicht besonders freundlich und wirkungslos:

Die ausweichende Antwort finde ich leider nicht mehr. Was aber hat der Tod von Weckerchen Holger damit zu tun? Gestern fragte ich in einem Laden nach einem Wecker. Hatten sie nicht. Stattdessen kaufte ich eine Wanduhr. Obwohl auf der Packung Platz genug ist, gefiel es dem Hersteller, seine Hinweise in Augenpulver zu verstecken.

Was ist das? Typografischer Manierismus? Ausdruck von Unvermögen? Missachtung des Kunden oder ein Anschlag auf sein Augenlicht? Der Augenarzt Hermann Cohn sah schon 1903 in seinem Buch „Wie sollen Bücher und Zeitungen gedruckt werden“ einen statistisch belegten Zusammenhang zwischen zunehmender Kurzsichtigkeit bei Schülern und dem schlechten Druck der verwendeten Schulbücher. Neben mangelnder Schwärze des Drucks seien vornehmlich die zu kleinen Buchstaben die Ursache des Übels. Seine Messungen gipfeln in der Erkenntnis, dass aus „augenhygienischer Sicht“ die Schrift nicht kleiner als 10 typographische Punkt (11 pica) sein sollte.

Die Diktion meiner launigen Einleitung könnte den Eindruck erwecken, die Sache wäre kein ernstes Thema. Ist es aber doch, nicht nur aus augenhygienischer Sicht, sondern auch und dramatisch, wenn die zu klein gedruckten Hinweise durch falsche Verwendung zu Gesundheitsschäden führen. Im Beispiel ist das Lesen zusätzlich erschwert durch den geringen Kontrast zwischen Tonfläche Rot und schwarzem Augenulver. Wenn Erdnusallergiker den fett gedruckten Hinweis übersehen, könnte das tödlich enden.

Intuition. Man muss drauf hören

Ich weiß nicht genau, was dazu führte, dass ich vor etwa sechs Wochen beschloss, nur noch vegan zu leben. Mein Körper hat anfangs protestiert. Aber ich gewöhnte ihn um. Mir war schon aufgefallen, dass ich in letzter Zeit ziemlich kraftlos gewesen bin. Beim Lesen oder Fernsehen nickte ich ständig ein. Aber besonders zeigte sich das beim Gehen. Es fiel mir immer schwerer, schnell zu gehen, und das, obwohl ich deutlich abgenommen habe. Beim Frühstück dachte ich, dass ich gerne mal wieder Camenbert auf meinem Brötchen hätte, nicht nur zum Ansehen, sondern auch um herzhaft reinzubeißen.

Nun ergab eine Blutuntersuchung vor ein paar Tagen, dass ich einen Mangel an Vitamin B 12 habe, typisch für Veganer. Und da die Apotheke die mir verschriebenen B-12-Tabletten nicht vorrätig hatte, sah ich im Internet nach, welche Lebensmittel B12 enthalten, und siehe da, Camenbert ist auch dabei. Schon früher war mir aufgefallen, dass etwas in mir klüger ist als ich. Da ich aus dem Veganismus keine Religion machen will, hatte ich keine Skrupel, Brötchen mit Camenbert zu essen. Seither fällt mir das schnelle Gehen leicht, und ich habe mein Intervalltraining wieder aufgenommen.

„Moooment!“, werden Neunmalkluge Skeptiker rufen und meinen Gang bremsen. „Sooo schnell können sich ein paar Brötchen mit Camenbert nicht auswirken. Das ist richtig, aber leider falsch. Der menschliche Organismus ist unter physiologischen Gesichtspunkten allein nicht zu verstehen. Vieles wird von der Psyche gesteuert. Wenn ich weiß, dass ich etwas gegen einen B12-Mangel getan habe, der Nervenimpulse verlangsamt und müde macht, wenn ich also spüre, dass mein Körper die Ernährungsumstellung begrüßt, setzt das, was klüger ist in mir, die nötigen Energien frei, mich in meiner Entscheidung zu bestärken.

Was klüger ist in mir staunte, nein, zürnte sogar, als mir gestern unmotivierte Ablehnung entgegenschlug. Ich erlebe, wenn überhaupt, meistens das Gegenteil, also unmotivierte Zuneigung. Die unmotivierte Ablehnung wurde mir in einer Apotheke zuteil. Eine hübsche junge Frau nahm meinen Abholzettel entgegen und holte aus dem rückwärtigen Lager mein Medikament. Sie benahm sich nicht unfreundlich, aber in allem was sie tat, war ein widerwilliges Zögern. 49,95 Euro wollte sie von mir haben, und ich fragte, ob sie mir vom Rezept eine Kopie machen könne. Sie schaute mich gleichmütig an, bis ich begriff und einen 50-Euro-Schein zückte. Sie gab mir fünf Cent zurück und kopierte das Rezept. Dann holte sie die Kopie aus dem rückwärtigen Raum und legte Rezept und Kopie auf den Tresen. Ich sagte: „Müssen Sie die Kopie nicht unterschreiben?“
„Kann ich machen“, sagte sie und kritzelte einen Schnubbel hin. Nichts war gegen mich gerichtet, aber etwas in mir war froh, der Frau den Rücken kehren zu können. Und am liebsten wäre ich zurückgegangen und hätte die Scheibe eingetreten.

„Warum haben Sie das getan?“, fragt der Polizist. „Scheibe eintreten. In Ihrem Alter, dz, dz!“
„Intuition. Man muss drauf hören.“
„Wie jetzt?“
„Die Apothekerin hat mich innerlich abgelehnt. Dabei hatte ich ihr keinen Grund gegeben. Ich wollte nur meine Tabletten abholen.“

Trithemius befragt Arbeitsminister Hubertus Heil

Screenshot Spiegel.de


Trithemius
Herr Minister Heil, warum wollen Sie beim neuen Sozialgesetzbuch die 13 vermeiden?

Hubertus Heil
Ein Sozialgesetzbuch Nr. 13 riefe bei manchen Menschen Unbehagen hervor, also würde Unbehagen hervorrufen, um es für schlichte Gemüter zu sagen.

Trithemius
Wieso denn? Der größte Teil der Bevölkerung hat es nie in den Händen gehalten, weiß noch nicht mal, dass das letzte die Nummer 12 hatte und jetzt die 13 anstünde.

Hubertus Heil
Die 14, Sie Honk!

Trithemius
Warum nicht korrekterweise die 13?

Hubertus Heil
Weil ich Angst vor der Unglückszahl 13 habe, wie die meisten Menschen. Wir alle sind mehr oder minder schwer gestörte Triskaidekaphobiker. Weshalb gibt es wohl beim ICE keine Wagennummer 13?

Trithemius
Ist das so?

Hubertus Heil
Glücklicherweise! In Hotels werden Sie die 13. Etage vergeblich suchen, ein Zimmer 13 gibt’s Gottseidank auch nicht.

Trithemius
Die 13 lässt sich nicht überall vermeiden. Jeder Mensch wird in seinem Leben mindestens einmal 13.

Hubertus Heil
Als ich 13 wurde, habe ich ein Jahr nur gewixt.

Trithemius
Die Pubertät halt…

Hubertus Heil
Ich muss doch sehr bitten, Herr Trithemnius! Muss heißen „geweint.“

Trithemius
Tut mir leid. Wir haben den Drückfelherteufel im Huas!

Hubertus Heil
Ich habe geweint. Genauso wie im Unglücksjahr 2013.

Trithemius
Bei der Bundestagswahl 2013 erzielten sie in Ihrem Wahlkreis Gifhorn-Peine mit 43,2 Prozent der Erststimmen Ihr bestes Ergebnis. Allein durch wixen weinen? Das muss ja mit dem Teufel zugegangen sein.

Hubertus Heil
Um Himmels Willen, nennen Sie den Gottseibeiuns nicht beim Namen!“

Trithemius
Warum nicht? Wenn Ihnen der Satan schon bei der Wahl geholfen hat.

Hubertus Heil
(Schlägt hastig ein Pentagramm) Wenn Sie ihn beim Namen nennen, rufen Sie ihn herbei, und das könnte Teile der Bevölkerung verunsichern.

Trithemius
Am Ende haben Sie Ihre Seele längst dem Teufel verkauft. Was kommt als nächstes?

Hubertus Heil
(Hinter vorgehaltener Hand) Wir keulen alle schwarzen Katzen. Aber nicht weitersagen, das könnte Katzenbesitzer verunsichern.

Trithemius
Abgründe des Aberglaubens.

In sich gekrümmte Räume und Lob des Rauschs

Derweil er durch den Regen eilte, hatte er seinen Weg vor Augen, der noch zu gehen wäre, bevor er sich ins Trockene retten konnte. Er sah sich entlang von Hausfronten streben, vor der Haustür den Schlüssel zücken und aufschließen, sah sich auf der Treppe und wie er die Wohnungstür aufschloss und sah sich endlich ankommen. Inzwischen hatte er sich dem Haus genähert, stand bald vor der Haustür, hastete die Treppe hinauf und schloss erleichtert die Wohnungstür auf. Endlich die nasse Mütze absetzen, sie auf die Heizung legen, sich der Schuhe entledigen. Seine Strümpfe waren an den Zehenspitzen völlig durchnässt, weil seine Sneakers natürlich nichts waren, um durch regennasse Straßen zu eilen. Während er seine Kleidung gegen trockene Sachen tauschte, dachte er über das Seltsame der Zeitdimension nach. Es war doch alles so unglaublich dicht beieinander, sein Gang durch den Regen, seine geistige Vorwegnahme des Ankommens, der Wechsel seiner Befindlichkeit von durchnässt und frierend zum behaglich Trockenen. Noch unterwegs zu sein auf der Straße unten war weiterhin greifbar nah. Schaudernd versetzte er sich zurück auf die Straße in den strömenden Regen.

Wie oft schon hatte er beim Erklimmen einer Steigung mit dem Rad, wenn die Muskeln längst übersäuert waren, sein Körper protestierte, weil er ihn die brutale Steigung in einer Haarnadelkehre hinauf zwang, wie oft hatte er sehnsüchtig zur Kuppe oben geschaut und sich gewünscht, er wäre schon dort. Und kurze Zeit später war er dort, als wäre alles gleichzeitig vorhanden und nur eine Illusion würde sein Ich in der Haarnadelkurve von dem Ich auf der Kuppe trennen.

Aus der Küche trug er sein Frühstück zum Wohnzimmertisch. Er musste zweimal gehen, weil er die Kaffeetasse vergessen hatte. „In der 4. Dimension liegt die Küche direkt neben meinem Esstisch im Wohnzimmer“, dachte er. Just hatte er eine Grafik von Maurits Cornelis Escher vor Augen, der mit fast mathematischer Genauigkeit solche in sich gekrümmten Räume gezeichnet hatte. Als hätte Escher Zugang zur 4. Dimension gehabt, entweder durch eine Schwachstelle in seiner Wirklichkeitsauffassung oder durch Einwirkung von außen. H.P. Lovecraft hatte eine solche äußere Einwirkung in „Die Musik des Erich Zann“ beschrieben. Der Geiger Erich Zann fidelt irrwitzige Weisen, die nicht von dieser Welt stammen. In seiner Dachstube muss ein Fenster in eine andere Dimension sein. Aber das ist Literatur. Ernsthaft hätte er, Trithemius, durchaus Grund anzunehmen, dass der Raum um ihn herum in sich gekrümmt ist, was natürlich nur metaphorisch zu verstehen ist. Es ist eine sprachliche Hilfskonstruktion, die erlaubt, das scheinbar Unmögliche zu denken. Die vierte Dimension ist in unserer Welt existent, wie die zweite und die erste Dimension auch. Es muss einem nur gelingen, das beschränkte dreidimensionale Wirklichkeitserleben aufzubrechen.

Herr Putzig staunt über das Objekt in seinen Händen, das es nicht geben dürfte – Foto: Sandra Klieman – Fotomontage: JvdL


Im Rausch hatte er schon Ahnungen von der 4. Dimension gehabt. Wenn die Welt sich zu drehen schien, dann drehte sie von rechts nach links, immer die gleiche Szenerie drehte und drehte sich von rechts nach links weg, ohne je an den Ausgangspunkt zurückzudrehen, was ja in der 3. Dimension ein Ding der Unmöglichkeit ist. Vielleicht sind nur unsere auf euklidische Logik getrimmten Wahrnehmungskategorien verantwortlich dafür, dass wir die dreidimensionale Welt erleben wie sie uns normal erscheint. Die vierte Dimension ist gleichzeitig vorhanden, aber wir nehmen sie nur wahr, wenn die Logik durch Rauschzustände ausgeschaltet ist. Loben wir also den Rausch. Und Erich Zann soll aufspielen!

Geschichtsträchtige Architektur meines Stadtviertels

In der Bäckerei komme ich sofort dran, bin noch ganz in Gedanken und bemerke nicht direkt, dass die muslimische Bäckereifachverkäuferin mich nach meinem Begehr gefragt hat. Warum ich in Gedanken war? Ich hatte auf dem Weg zur Bäckerei erstmals bewusst wahrgenommen, dass in meinem Viertel die Eckhäuser an Straßeneinmündungen allesamt kleine Ladenlokale haben. Die Stadtplaner zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten wohl vorgesehen, die Bewohner das Stadtviertels über diese kleinen Eckläden zu versorgen. Inzwischen hat sich die Versorgung auf Supermärkte verlagert. Die Eckladenlokale sind überwiegend zweckentfremdet oder ganz zurückgebaut wie das unter meiner Wohnung. Als die Parterrewohnung renoviert wurde, hat man das Eckladenlokal der Wohnung zugeschlagen, weshalb meine Unternachbarn jetzt ein Wohnzimmer haben, zu dem es einige Stufen hinab geht. Ich bekam den zum Ladenlokal gehörigen Keller, wo ich aber nichts lagere.

Seitdem ich wieder viel zu Fuß unterwegs bin, schaue ich manchmal neugierig in Hofeinfahrten und entdecke immer wieder ganze Ensembles von Hintergebäuden, die man von der Straße her nicht ahnt. Manche Hintergebäude sind Wohnhäuser und manche sind Werkstätten oder ehedem welche gewesen. Das Buchdruck-Museum Hannover ist in einer solchen Hinterhofwerkstatt untergebracht.

Zwerchhaus in Hannover-Linden – Foto: JvdL – größer: Bitte klicken

Am stärksten fasziniert mich aber die Dachgauben-Architektur der Gründerzeithäuser. Fast jedes Haus hat eine zentrale Dachgaube, manchmal mit zwei Etagen, dass es wirkt, als hätte man aufs Dach noch ein Einfamilienhaus gesetzt. Diese Gauben heißen Zwerchhaus und sind als Stilelement in der Renaissance aufgekommen. Als ich geplant hatte, nach Hannover zu ziehen, sah ich mir eine Wohnung in einem solchen Zwerchhaus an. Ein Gruppe von Interessenten hatte sich vor dem Hauseingang versammelt, als der Makler eintraf. Er sichtete uns und sagte zu mir: „Das ist nichts für Sie!“, wegen der vielen Treppen, die zu steigen wären. Damals war ich erst 58 und ziemlich fit, fand mich auf unverschämte Weise diskriminiert und stieg aus lauter Trotz mit hinauf. Aus der Wohnung konnte man über eine Leiter in die obere Etage der Gaube steigen. Ich fand aber alles zu eng und verlor mein Interesse, zumal ich daran dachte, wie mühsam und zeitraubend es wäre, wegen einer Kleinigkeit, etwa wegen einer vergessenen Mütze mehrmals in die 5. Etage hoch zu steigen. Freund Spraakvansmaak hat das abgebildete Zwerchhaus auch einmal besichtigt, fand die Wohnung aber zu klein für seine Familie.

Wohnhäuser über die 5. Etage hinaus wurden übrigens erst gebaut, nachdem der Mechanikermeister Elisha Graves Otis im Jahr 1853 die Aufzugbremse erfunden hatte und entsprechend sichere Aufzüge in Häuser eingebaut werden konnten. So ist die Architektur unserer Städte wie ein Geschichtsbuch. Wer in Ruhe schaut, vor dem schlägt es sich auf und erzählt vom einstigen Leben und vergangenen städtebaulichen Konzepten.

Was Unheimliches hinter unserem Rücken passiert


Wie schon mehrfach mitgeteilt, höre ich über Internetstream regelmäßig den flämischen Rock- und Pop-Sender Studio Brussel, aus mehreren Gründen:
– ich mag den Blick über die nationale Grenze und eine zu unseren Medien unterschiedliche Weltsicht zu erfahren,
– mir gefällt die Musikauswahl, auch abseits des Mainstreams,
– mir gefällt die reiche belgische Musikszene,
– ich höre gerne Flämisch und verbessere so meine Sprachkenntnisse.

Im Sommer letzten Jahres hielt ich mich zwei Tage bei meinem ältesten Sohn in Hamburg auf. Die Musik in der Wohnung wurde über den Streamingdienst Google Play Music eingespielt. Nach einer Weile wunderte ich mich, dass fast ausschließlich Musik flämischer Gruppen zu hören war. Woher wusste Google, dass ich mich in der Wohnung meines Sohns aufhielt?

Vorgestern musste ich mich bei Youtube (Google) neu anmelden, fand aber mein Passwort nicht mehr. Ich wählte die Option „Passwort vergessen.“ Den neuen Zugang bekam ich über die Zwei-Faktor-Authentifizierung, es wurde mir also von Google ein Code per SMS mitgeteilt, der mir erst ermöglichte, mein Passwort zu ändern. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung bietet ein höheres Maß an Sicherheit gegen die feindliche Übernahme eines Accounts durch Hacker. Dass ich Google meine Mobilfunknummer je mitgeteilt hätte, ist mir nicht bewusst. Jedenfalls erklärt das, woher Google wusste, dass ich mich in Hamburg aufhalte und meine vermuteten Musikvorlieben bedienen konnte. Man hatte einfach mein Smartphone geortet.
Gerne weitere Beispiele …

Heimatlied

Mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] sandte mir eine Broschüre aus der Heimat mit dem Titel: „Unsere Heimat- Unsere Lieder“, ein Heft DIN-A5, 36 Seiten ohne Seitenzählung, Kunstdruckpapier, herausgegeben von der Interessengemeinschaft Heimat + Historie NE-BU 962. Die Abkürzungen stehen für das Doppeldorf Nettesheim-Butzheim, die 962 bezieht sich auf die urkundlichen Ersterwähnung des Dorfes im Jahre 962. Das Titelblatt zeigt eine alte Ansichtskarte „Gruss aus Nettesheim bei Butzheim“, untertitelt ist die Dorfansicht „Gillbach mit Tollbrücke 1911.

Die auf dem Bild zu sehende Brücke gab es zu meiner Kindheit in den 1950-er Jahren nicht mehr. Der Gillbach floss bereits unterirdisch. Etwa seinem kanalisierten Lauf gemäß wurde die unsichtbare Grenze zwischen beiden Dörfern angegeben. „Toll“ ist die niederdeutsche Form von „Zoll.“ Die Tollbrücke hat demnach die zweite hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht, was eventuell der Immobilität einer Brücke geschuldet ist, aber eher daran liegt, dass die Benrather Linie, wo die Lautverschiebung zum Stehen kam, nur wenige Kilometer weiter nördlich den Rhein überquert. „Tollbrücke“ lässt vermuten, dass beide Ortschaften in der Vergangenheit unterschiedlichen Verwaltungsbezirken angehört haben, so dass Zoll erhoben wurde.

Vor einiger Zeit sah und hörte ich im Bayerischen Fernsehen eine Sendung über bairisches Liedgut und bedauerte, dass es in meiner sprachlichen Heimat derlei historisches Liedgut nicht gibt. Zumindest war es mir nie begegnet, bevor ich 1970 nach Köln umzog. Freilich bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der über die Vergangenheit kaum gesprochen wurde. Die Gräuel des Nationalsozialismus und eigene Verstrickung hatten die Dorfgemeinschaft kollektiv verstummen lassen. Während meiner Kindheit hatte noch die ausgebrannte Ruine der jüdischen Synagoge gestanden, aber als sie niedergelegt und überbaut war, blieb man auch von kindlicher Neugier verschont. Am Kriegerdenkmal wurde zum Schützenfest an die Gefallenen aus zwei Weltkriegen erinnert, aber nie war die Rede von jüdischen Nachbarn, die im Nationalsozialismus verschleppt und ermordet worden waren. Dass diese Mitmenschen buchstäblich aus der Mitte der Dorfgemeinschaft gerissen worden waren, davon zeugt die Broschüre. Die abgedruckte schwärmerische „Hymne an unsere Heimat“ ist um 1928 vom Juden Siegfried Herz gedichtet worden. Im Jahr 1937 wurde er in einer Pressenotiz der Neußer Zeitung bereits als Autor verschwiegen. Siegfried Herz ist laut Broschüre „gestorben“ 1942 im KZ Auschwitz, was zu übersetzen wäre, dass er dort ermordet wurde. Die Broschüre gibt Auskunft darüber, dass jüdische Mitbürger wirtschaftlich und kulturell integriert gewesen waren, dass religiöse Unterschiede nicht als trennend empfunden wurden. Warum man ihre Verschleppung und Ermordung trotzdem hatte geschehen lassen, in welcher Weise Butzheim-Nettesheimer Bürger aktiv beteiligt waren und sich schuldig gemacht haben, darüber lässt sich offenbar fast 80 Jahre später weder sprechen noch schreiben. Zu meinem Text: „Mein kaputtes Bullerbü“ schrieb mir Fritz:

    „Übrigens sind die hier jetzt natürlich auch vermehrt gegründeten Geschichtszirkel fast ausschließlich mit unverfänglichen Themen beschäftigt. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.“

Etwas in mir sträubt sich, zum Unverfänglichen der Broschüre zurückzukehren. Doch es ist zu würdigen, dass den Autoren gelungen ist, Texte und Noten von vier Heimatliedern zusammenzutragen, von denen mir ein Kirmeslied „Die Kirmes von Butzheim“ besonders gefällt, weil der heiter-komische Text in Butzheim-Nettesheimer Platt vorliegt, einer „landkölsch“ genannten Variante des Ripuarischen. Schon das Lesen vermittelt mir heimatliche Klänge. Kürzlich fragte das Grimme-Institut per Rundmail nach Ideen von Heimat. Ich schrieb hin:

    „Obwohl neue Erkenntnisse [Mein kaputtes Bullerbü] viel zur Entzauberung beigetragen haben, ist das Dorf meiner Kindheit noch immer meine Heimat. Ich kann es auch an einem seltsamen Umstand ablesen: Entfernungsangaben breche ich herunter auf Entfernungen, die ich aus Kindheit und Jugend verinnerlicht habe. Nur so kann ich mir etwa zwei, sechs, zwölf, 20 Kilometer räumlich vorstellen.“

Freitagstexter Siegerehrung

Nachdem der Freitagstexter-Wettbewerb im Dezember 2018 eine Weile in Ufernähe herumdümpelte, hoffte Kollege Spraakvansmaak, es würde gelingen, ihn 2019 wieder ins Fahrwasser zu bugsieren. Es ist dem Teestübchen leider nicht recht gelungen, ihn wieder flott zu machen. Die einschlägige Freitagstexter-Community hat sich weiterhin vornehm zurückgehalten. Es hat nur acht Einsendungen gegeben, wofür ich trotzdem herzlich danke. Puh! Wegen der geringen Teilnahme bin ich froh, den Pokal wieder loszuwerden Schade, dass ich den herrlichen Pokal heute weitergeben muss, nachdem er fünf Tage meine Startseite blockiert geziert hat. Er geht zurück an den Kollegen Spraakvansmaak. Seine Bildunterschrift benennt treffend einen vorherrschenden visuellen Eindruck. Die witzige Umdeutung der Lichtreflexionen auf der Wasseroberfläche als „Spiegelkarpfen“ konnte die Jury überzeugen. Einwände wie: „Dann kreist der Freitagstexter ja zwischen zwei Blogs.“ und „Das sieht verdächtig nach Kumpanei aus!“ mussten ignoriert werden, denn einen Pokal aus blogpolitischen Gründen nicht zu vergeben, wäre humoristische Frevelei. Gewonnen hat die Bildunterschrift:

Nachdem Eberhard alle 2347 Spiegelkarpfen geschrubbt hatte, war er sichtlich erleichtert, wieder an Land arbeiten zu dürfen

Der nächste Wettbewerb findet also am kommenden Freitag, dem 11. Januar 2019, in seinem Bloghaus statt. Herzlichen Glückwunsch!

Einladung zum Freitagstexter

Die Idee, ein grundsätzlich polyfunktionales Bild durch Textzusätze eindeutig zu machen oder gar umzudeuten, ist so alt wie das reproduzierte Bild, also gewiss älter als das Internet. Irgendwann in dessen dunkelster Vergangenheit wurde der „Freitagstexter“ ins digitale Leben gerufen. Der Pokal wird seit mindestens Dezember 2005 vergeben und von Woche zu Woche weitergereicht. Näheres hier, wo sich auch eine Liste der Preisträger findet, die zurückgeht bis zum 18. Oktober 2007. Leider wurde sie seit 2013 nicht mehr ergänzt. Das Besondere am Freitagstexter-Wettbewerb ist seine Verbreitung über die Plattformgrenzen hinweg. Lange Zeit kursierte der Pokal auf der nun geschlossenen Plattform twoday.net, aber man fand ihn auch bei Blogger.de, Blog.de, Blogspot, myblog und wordpress. Zuletzt hatte ihn der werte Kollege Spraakvansmaak, besser bekannt als Herr Leisetöne (twoday.net) oder unter seinem Pseudonym Konrad Fischer (Hannover Cünstler-Kollektiv (HaCK)). Er hat mir den Pokal verliehen. Herzlichen Dank!

Es war diesmal ausnahmsweise keine Korruption im Spiel, dass ich den Pokal zum nunmehr 3. Mal bekam, sondern ich schoss ein Golden Goal. Es war mein erstes Tor überhaupt. Im Dorf meiner Jugend gab es noch keine Fußballtore. Wir legten zwei Jacken als Torpfosten hin. Jacken habe ich aber auch keine geschossen, vor allem nicht, weil nach jedem Torschuss gestritten wurde, ob der überhaupt „drin“ war. Ach ja, und beim Kicker habe ich schon Tore geschossen, mit meinem Tormann durch alle Reihen hindurch donnerte ich das Bällchen ins gegnerische Tor. Das waren bislang meine Torerfolge. Mein „Freitagstexter-Golden-Goal“ war kein echtes Tor, sondern ist nur metaphorisch mein Pokalerfolg. Zukünftig soll es wieder regelgerecht zugehen:

Das Verfahren: Jeweils freitags beginnt der Wettbewerb und endet am darauf folgenden Dienstag um 23:59 Uhr. Mittwochs wird die Gewinnerin/der Gewinner bekannt gegeben. Freitags veröffentlicht die Siegperson ein neues Foto. Gesucht wird die witzigste Bildunterschrift: Diesmal hierzu:

Größer: klicken – Foto: JvdL

Die Jury setzt sich zusammen aus den chronisch unterbeschäftigten Teestübchen-Humorexperten. Vorsitzender ist der gewissenlose und absolut korrupte Teestübchen-Volontär Hanno P. Schmock. Wir freuen uns auf Ihre und eure Einsendungen und wünschen viel Erfolg!