Feuermachen, Schleife binden, Handschreiben – im Reigen obsoleter Kulturtechniken

Kürzlich las ich von „Intelligenten Schuhen“, die sich selbst binden. Was noch wie eine Idee aus der Science-Fiction anmutet, wird sicher bald alltäglich werden. Sich nicht mehr bücken zu müssen, um die Schuhe zu binden, klingt verlockend in einer alternden Gesellschaft. Natürlich werden die „intelligenten Schuhe“ keine Schleife binden können. Es wird anders funktionieren. Schleife zu binden ist eine Kulturtechnik. Ein Kind, das vom Kindergarten in die Schule überwechselt, sollte eine Schleife binden können. Was aber, wenn Schleifen zu binden überflüssig wird, wenn Schuhe sich grundsätzlich selbst binden? Man kann die Qualifikation noch eine Weile hochhalten, weil Schleife binden die Feinmotorik trainiert und die dafür verantwortlichen Prozesse im Gehirn. Doch irgendwann wird Schleife zu binden so archaisch erscheinen wie die Fähigkeit, mit dem Feuerbohrer Feuer zu machen.

Tagebucheintrag 1990-er Jahre von JvdL – Größer: Klicken

Ähnlich verhält es sich mit dem händischen Schreiben. Allgemeines Kulturgut ist es kaum 200 Jahre. Verfechter der Handschrift, besonders der verbundenen Schreibweise behaupten, dass die komplizierten motorischen Vorgänge beim Schreiben wichtiges Training für das menschliche Denken wären. Eine Weile lässt sich noch so argumentieren, aber dauerhaft ignorieren, dass Schreiben zunehmend auf Tastendrücken reduziert wird, können wir nicht. Denn vor allgemeiner Schreib- und Lesefähigkeit haben die Menschen auch gedacht, haben schon andere komplizierte Dinge gekonnt. Und niemand wird ernsthaft bestreiten, dass geschicktes Händeln der Geräte digitaler Fernkommunikation eine beachtliche Leistung ist. Die Technik des Schreibens mit der Hand wird sich in die Bereiche der flüchtigen privaten Kritzeleien und Kalligrafie zurückziehen, wie Feuermachen nur noch etwas für Prepper und Survival-Freaks ist. Andere Kulturtechniken werden kommen, hoffe ich jedenfalls.

 

[Nachtrag zum Tag der Handschrift]

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24 Kommentare zu “Feuermachen, Schleife binden, Handschreiben – im Reigen obsoleter Kulturtechniken

  1. Leider muss ich dir Recht geben. Ich erlebe, dass junge Menschen überwiegend Druckbuchstaben schreiben, das flüssige Schreibschriftschreiben können immer weniger. Dafür sind sie im Whatsapp tippen unschlagbar. Ich versuche, diese alten Fähigkeiten aufrecht zu erhalten, lerne auch alte Handwerkskünste wie Schmieden und Drechseln. Mal sehen, wie es in zehn Jahren aussieht. Vielleicht hast du ja Recht und anderes „Handwerk“ ersetzt es…

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    • Willkommen im Teestübchen, Alice! Dein Beispiel zeigt, dass das Interesse an handwerklichem Können besteht, denn der Mensch möchte etwas mit seinen Händen machen. Leider lassen sich gerade handwerkliche Fertigkeiten technisch ersetzen und verschwinden aus den Produktionsprozessen. Das Ideal wäre, dass Menschen von schweren oder stumpfsinnigen Tätigkeiten befreit werden und dafür ihr praktisches Handgeschick an diversen Handwerkskünsten trainieren könnten. Im Einzelfall geht es.

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  2. Ich muss gerade an den Film „Der Prinz aus Zamunda“ denken, wo Eddie Murphie als Prinz sich bei seinem Vater beschwert, er habe mit seinen 21 Jahren noch nie selber die Schuhe zugebunden und Daddy daraufhin meint: „Ich habe es EINMAL probiert. Glaub mir, man überschätzt diese Erfahrung“.
    Ja, es geht viel verloren. Aber ich glaube doch, dass es durch anderes ersetzt wird. Nie waren – sogar im Internet – diese Plattformen, auf denen „Selbstgemachtes“ angeboten wird, wie z.B. Etsy so beliebt. Vielleicht ist es wie mit allem – früher konnten die Menschen alles, aber nicht so speziell, inzwischen muss man sich für eine Richtung entscheiden, die macht man dafür dann aber richtig gut. Vielleicht entweder Handschrift, dann aber „Handlettering“ und nicht mehr profanes Mitteilen auf Schmierzetteln, oder Schleifen binden. Richtig tolle Schleifen. So… ganz, ganz tolle, weißt Du? Mal gucken…

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    • Witziges Filmzitat, danke dafür! Hattest du mir nicht mal einen Link geschickt zu Beispielen von hervorragendem Handlettering? Ich glaube, dass die Zukunft der Handschrift eher dort oder in der Kalligraphie liegt, wo Leute dann aus purer Lust „richtig tolle Schleifen“ aufs Papier bringen.

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      • Ja, für den Hausgebrauch eignet sich das leider eher weniger. Obwohl ich zwei oder drei Leute kenne, deren Handschrift zu lesen einfach ein Genuss ist (meine Mutter zum Beispiel).
        Übrigens fiel mir gestern beim Lesen noch ein zweiter Film ein, und zwar „Zurück in die Zukunft“. Diese damals noch weit entfernte Zukunft haben wir ja nun schon lange erreicht. Als der Protagonist in der Zukunft ankommt, drückt ihm der „Doc“ ein paar Schuhe in die Hand, die sich von selber zubinden. Er sagt, die Jugendlichen trügen das in dieser Zeit so. Irgendein Sportschuhhersteller (bin gerade nicht sicher, welcher) brachte zum Erreichen der „Zurück in die Zukunft“-Zukunft ein paar Schuhe mit genau dieser Funktion heraus. So richtig durchgesetzt haben sich die aber nicht.
        Es besteht also noch Hoffnung!

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  3. zu meinem glück, lerne ich stets junge menschen kennen, die nicht nur schleife binden können, sondern auch ziemlich anständig mit hand schreiben können. beängstigend finde ich allerdings die unkritische digitalisierungs hysterie, ausgelöst von geltungssüchtigen politikern und von eifernden bildungsbeamten vorangetrieben. sie scheint gänzlich ohne inhalt auszukommen. alkohol- und nikotinkonsum sind erfolgreich geächtet, jetzt beglückt man schüler mit spielautomaten in form eines tablets. welche kulturtechniken haben sich aus dem gebrauch einarmiger banditen entwickelt? mister miyagi wusste es: polieren, wischen, polieren, …

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    • Ja, es ist ein Glück, immer wieder schöne Handschriften zu sehen. Ich staune stets erneut, dass sich trotz grottenschlechter Handschriftdidaktik über 100 Jahre hinweg immer noch schöne, ausdrucksstarke Handschriften zeigen, wie in den jüngsten Beispielen auf deinem Blog. Die „Digitalisierungshysterie“ wird sich hoffentlich legen. Aber sag, dürfen wir Kinder mit der Illusion aufwachsen lassen, es reiche heutzutage, wenn sie eine schöne Handschrift haben? Es kann ja nicht jeder Grafiker oder Kalligraph werden.

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      • natürlich geht es nicht darum schöngeistigen idealen zu folgen oder nachzutrauern. wie in deinem nachtrag beschrieben, handelt es sich um kulturtechnik. soweit ich die funktionsweise unseres menschlichen körpers verstanden habe, ist es eben nicht nur das gehirn, welches den denk- und handlungsprozess steuert, sondern es ist im grunde der ganze körper beteiligt. schon bei kindartenkindern, kann man feststellen, wie wichtig bewegung für die entwicklung ist. motorik und feinmotorik sind eben nicht nur für das körperliche geschick zuständig, sondern an fast allen neurologischen prozessen beteiligt. wenn man also kurzerhand das neurologische belohnungssystem mit zucker und tablets/handys/computerspielen triggert, fällt das bedürfnis nach körperlichen erfahrungen weg. die selbstwahrnehmung geht flöten und kinder landen in der ergo- und/oder logopädischen therapie. weil die defizte eben nicht nur körperlich sind, sondern eben auch sozial und oft auch geistig. das heisst natürlich nicht, dass ein stotterer geistig behindert ist, sonder meint, das sich der mangel an motorischen und sensorischen erfahrungen während der entwicklung zum erwachsenen orginanismus, sich auch auf unsere geistige leistungsfähigkeit auswirkt. wenn ich also damit anfange nur noch zu tippen oder zu wischen beraube ich meinem gehirn eines sonsors, eines feedbacktools. im autonomen fahren und sinne einer künstlichen intelligenz, müssen diese sensoren mit enorm hohem aufwand eingebunden werden. wir als analoge, chemisch-elektrische wesen ahben das gratis und vernachlässigen diese herausragenden qualitäten unseres körpers leichtfertig zugunsten eines öden, digitalen endorphin-triggers. sieht man sich in städten um so sieht man, wie man sich aus einer vermeindlichen bequemlichkeit, der individuelen, motorisierten mobilität, sämtlicher lebensqualität beraubt. ha, was für ein pferd, das sich aufzäumen lässt. vielleicht spaltet sich die gesellschaft in digitale tabletuser und die analogen. die vom bildschirm gefesselten verzichten auf den individual verkehr und die vielen motorisierten immobilien verschwinden aus den straßen, die luft wird besser. vielleicht ist das die idee der digitalisierung, tabletzombiequallen in wohneinheiten und eben menschen die laufen, sprechen und schreiben und zeichnen und sich von der schönheit einer natur und eines lebens triggers lassen. uff, soviel gleich in aller früh. dein romantiker-bloggerfreund christian und wie schreibt eine freundin stets in ihren textnachrichten: sorry for typos

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        • Einverstanden, mit allem, was du schreibst, lieber Christian. Drei Finger schreiben, und der ganze Körper arbeitet, wusste man schon im MA. Im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung, sind Tablets oder Smartphones eher schädlich wie eben viele Betreuungs- und Entmündigungstechnologien. Schon mit dem Autoverkehr entwickelt sich etwas in die menschenfeindliche Richtung. Mich erstaunt immer wieder, wie unbelehrbar weiterhin gerastet wird, auch und besonders, wo es nicht nötig wäre. Und ein „Tempolimit“ verstößt laut Verkehrsminister Scheuer gegen den „gesunden Menschenverstand.“ Aber sieh, um derart verblendet zu sein, brauchte er keine Tablet-Früherziehung. 😉
          Danke für deinen frühmorgendlichen Kommentar.

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  4. Ich bemerke, nach nun zwei Jahren als nicht mehr Berufstätiger, dass mein Fachwissen zwar nicht verlorengeht, aber, vielleicht, weil ich es nicht mehr anwenden muss, verschwimmt. Auch geht mir, zumindest merke ich es ja, auch die Struktur eines geregelten Tagesablauf verloren, weil ich jetz machen darf (muss?), was ich will. Und ich bin bis dato recht gut zu mir: ich sehe es einerseits, wie Urlaub, andererseits aber möchte ich nicht, dass ich zum ollen Schluffen werde. Die Gefahr, so glaube ich, besteht bei mir nicht, weil in mir bewahrte kindliche Neugier und auch Tatendrang steckt.
    Auf das Schleifebinden und die Handschrift bezogen erlebe ich augenblicklich, dass ich seit dem Ende meines Berufen seltener die Gelegenheit habe, mit der Hand zu schreiben, und dass sich meine Handschrift dadurch schon ein wenig verändert, wenn ich nicht darauf achtgebe. Denn ich schreibe richtig gern von Hand.
    Und so glaube ich, dass es niemals ein Gewinn sein kann, wenn für alle händischen Fertigkeiten Apps oder anderer Ersatz zur Verfügung steht. Das kann nur zur Verarmung führen. Ich gucke immer noch aus dem Fenster, um zu erkennen, wie das Wetter draußen ist.
    Und ich kann sogar eine Doppelschleife 😉

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    • Da ich in ähnlicher Situation bin, lieber Lo, kann ich das gut nachvollziehen. Sich selbst eine Struktur zu geben,, nachdem man lange Zeit fremdbestimmt war, ist auch eine Kunst, die gelernt werden will. Als Blogger sind wir vermutlich nicht in der Gefahr, zu Schluffis zu mutieren. Denn das Schreiben und Gestalten, die wechselseitige Kommunikation, das alles hält doch geistig lebendig und fordert, nur eben nicht in den vertrauten Bereichen. Als eifriger Tagebuchschreiber habe ich Handschrift geschätzt – und komme immer mehr davon ab. Meine Verkehrsschrift war nie so schön wie deine, aber sie war geläufig. Schlaganfall und mangelnde Übung haben sie verkommen lassen. Um so mehr interessiere ich mich theoretisch für sie. Und bedauere, dass ihr Wert im Sinken begriffen ist. Wenn ich aber bedenke, dass wir uns handschriftlich nie begegnet wären, ist mein Bedauern schon gemindert. Nie zuvor habe ich mich so intensiv mit intelligenten Menschen über Themen ausgetauscht wie jetzt als Blogger. Vom Emotionalen, dass man einander bestätigt, man „Soziale Energie“ erzeugt, ganz zu schweigen. Da kann ich sogar verschmerzen, dass ich nicht mal mehr weiß, wie eine Doppelschleife geht 😉

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      • In der Tat: unserer und die vielen anderen geschätzten Kontakte wären nicht entstanden ohne dieses Medium. Dazu fällt mir ein, daß es früher in Zeitschriften oft die Rubik „Suche Brieffreundschaft“ gab. Die sind nun auch gänzlich verschwunden oder im Lexikon der verschwundenen Dinge gelandet.
        Ach ja:
        Doppelschleife ist ganz einfach: das ist eine ganz normale Schleife „mit noch einem Knoten obendrauf“.
        Liebe Grüße!

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  5. Ich hatte mich vor einiger Zeit gefragt, warum die Technik des Schuhebindens überhaupt überlebt hat. Denn nicht nur beim Schuhebinden, verknotet man sich halbwegs die Finger, sondern beim Öffnen der Schleife muss man ebenfalls gut aufpassen. Wenn nur ein loses Ende in der Schlaufe des Schleifengebindes gelangt und man ohne hinzusehen daran kräftig zieht, dann hat man das Malheur. Fingernägel und andere spitzen Gegenstände werden vonnöten, um den Knoten wieder zu lockern. Schuhebinden als kontemplative Selbstbeschäftigung und Konzentrationsübung? Das Schuheaufbinden als Achtsamkeitsübung? Schuhebinden als Maßstab für das eigene Selbst als Bewußt-Sein?
    Nebenbei: Und warum haben Stäbchen als Essinstrument überlebt? Interessant ist diese Frage auch deswegen, wenn man weiß, dass es für asiatische Kleinkinder explizites „Stäbchen-Übungsset“ gibt.

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