Die Antilope hüte sich vor Freundschaft mit Löwen

Mir ist zu kalt. Seit Nächten schlechter Schlaf. Gegen Morgen zehrende Träume, die nicht von der Stelle kommen, sich um marginale Fragen drehen. Hat er sich durchgerungen aufzustehen, ist schon der Antrieb weg. So schwach ist der Antrieb, dass er nicht in Ichform über seine Befindlichkeit schreiben mag. Heute morgen in der Bäckerei räumten die beiden Bäckereifachverkäuferinnen ungerührt weiter die Auslagen in den Vitrinen um. Als würde er nicht den Anschein geben, irgendwas zu wollen. Wäre reingekommen, hätte gegrüßt und stünde nur einfach da. Versehentlich.

Eventuell bin ich unsichtbar, weil mir die Energie für eine sichtbare Außenfassade fehlt, dachte er. Oder haben sich über Nacht die abendländischen Gepflogenheiten verändert? Müsste man neuerdings morgens die Bäckerei betreten und statt des Morgengrußes die Bäckereifachverkäuferinnen saftig abwatschen? „Ich hätte gerne  zwei Brötchen, Watsche links, Watsche rechts?

O nein! Das wäre doch viel zu anstrengend, würde mehr Energie verbrauchen als ein einverleibtes Brötchen an Energie brächte. Und man hätte es noch nicht mal nach Hause getragen und geschmiert. Am Ende ginge es einem wie den grasenden Wildgänsen, die, scheucht sie ein streunender Hund auf, beim erschreckten Auffliegen mehr Energie verbrauchen, als sie vom kargen Wintergras bekommen können. Überall an der Straße lägen entkräftete Männer mit Brötchentüten herum, die sich beim Abwatschen der Bäckereifachverkäuferinnen schon verausgabt hätten.

Gestern wäre „Tag der Handschrift“ gewesen, hatte er bei CD gelesen. War ihm egal. Noch 2000 hätte er jeden für verrückt erklärt, der ihm das vorausgesagt hätte. Die ganze Kommunikation hat sich in andere Bereiche verlagert. Das hier würde niemand außer ihm lesen, hätte er es mit der Hand geschrieben. Man würde nicht mal von ihm wissen. Er wäre nicht unsichtbar, sondern gar nicht existent. Soll doch niemand glauben, der menschliche Geist würde sich durch neue Kommunikationsformen nicht verändern. Das Dasein eben auch. Aber es herrschen ähnliche Gesetze. In der digitalen Welt kann einer auch unsichtbar werden, schreibt etwas, und keiner reagiert. Doch selbst digitale Watschen wären ihm jetzt viel zu anstrengend.

Die Überschrift? Lag zufällig rum. Zu schwach, was Passendes zu überlegen.

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