In sich gekrümmte Räume und Lob des Rauschs

Derweil er durch den Regen eilte, hatte er seinen Weg vor Augen, der noch zu gehen wäre, bevor er sich ins Trockene retten konnte. Er sah sich entlang von Hausfronten streben, vor der Haustür den Schlüssel zücken und aufschließen, sah sich auf der Treppe und wie er die Wohnungstür aufschloss und sah sich endlich ankommen. Inzwischen hatte er sich dem Haus genähert, stand bald vor der Haustür, hastete die Treppe hinauf und schloss erleichtert die Wohnungstür auf. Endlich die nasse Mütze absetzen, sie auf die Heizung legen, sich der Schuhe entledigen. Seine Strümpfe waren an den Zehenspitzen völlig durchnässt, weil seine Sneakers natürlich nichts waren, um durch regennasse Straßen zu eilen. Während er seine Kleidung gegen trockene Sachen tauschte, dachte er über das Seltsame der Zeitdimension nach. Es war doch alles so unglaublich dicht beieinander, sein Gang durch den Regen, seine geistige Vorwegnahme des Ankommens, der Wechsel seiner Befindlichkeit von durchnässt und frierend zum behaglich Trockenen. Noch unterwegs zu sein auf der Straße unten war weiterhin greifbar nah. Schaudernd versetzte er sich zurück auf die Straße in den strömenden Regen.

Wie oft schon hatte er beim Erklimmen einer Steigung mit dem Rad, wenn die Muskeln längst übersäuert waren, sein Körper protestierte, weil er ihn die brutale Steigung in einer Haarnadelkehre hinauf zwang, wie oft hatte er sehnsüchtig zur Kuppe oben geschaut und sich gewünscht, er wäre schon dort. Und kurze Zeit später war er dort, als wäre alles gleichzeitig vorhanden und nur eine Illusion würde sein Ich in der Haarnadelkurve von dem Ich auf der Kuppe trennen.

Aus der Küche trug er sein Frühstück zum Wohnzimmertisch. Er musste zweimal gehen, weil er die Kaffeetasse vergessen hatte. „In der 4. Dimension liegt die Küche direkt neben meinem Esstisch im Wohnzimmer“, dachte er. Just hatte er eine Grafik von Maurits Cornelis Escher vor Augen, der mit fast mathematischer Genauigkeit solche in sich gekrümmten Räume gezeichnet hatte. Als hätte Escher Zugang zur 4. Dimension gehabt, entweder durch eine Schwachstelle in seiner Wirklichkeitsauffassung oder durch Einwirkung von außen. H.P. Lovecraft hatte eine solche äußere Einwirkung in „Die Musik des Erich Zann“ beschrieben. Der Geiger Erich Zann fidelt irrwitzige Weisen, die nicht von dieser Welt stammen. In seiner Dachstube muss ein Fenster in eine andere Dimension sein. Aber das ist Literatur. Ernsthaft hätte er, Trithemius, durchaus Grund anzunehmen, dass der Raum um ihn herum in sich gekrümmt ist, was natürlich nur metaphorisch zu verstehen ist. Es ist eine sprachliche Hilfskonstruktion, die erlaubt, das scheinbar Unmögliche zu denken. Die vierte Dimension ist in unserer Welt existent, wie die zweite und die erste Dimension auch. Es muss einem nur gelingen, das beschränkte dreidimensionale Wirklichkeitserleben aufzubrechen.

Herr Putzig staunt über das Objekt in seinen Händen, das es nicht geben dürfte – Foto: Sandra Klieman – Fotomontage: JvdL


Im Rausch hatte er schon Ahnungen von der 4. Dimension gehabt. Wenn die Welt sich zu drehen schien, dann drehte sie von rechts nach links, immer die gleiche Szenerie drehte und drehte sich von rechts nach links weg, ohne je an den Ausgangspunkt zurückzudrehen, was ja in der 3. Dimension ein Ding der Unmöglichkeit ist. Vielleicht sind nur unsere auf euklidische Logik getrimmten Wahrnehmungskategorien verantwortlich dafür, dass wir die dreidimensionale Welt erleben wie sie uns normal erscheint. Die vierte Dimension ist gleichzeitig vorhanden, aber wir nehmen sie nur wahr, wenn die Logik durch Rauschzustände ausgeschaltet ist. Loben wir also den Rausch. Und Erich Zann soll aufspielen!

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