Geschichtsträchtige Architektur meines Stadtviertels

In der Bäckerei komme ich sofort dran, bin noch ganz in Gedanken und bemerke nicht direkt, dass die muslimische Bäckereifachverkäuferin mich nach meinem Begehr gefragt hat. Warum ich in Gedanken war? Ich hatte auf dem Weg zur Bäckerei erstmals bewusst wahrgenommen, dass in meinem Viertel die Eckhäuser an Straßeneinmündungen allesamt kleine Ladenlokale haben. Die Stadtplaner zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten wohl vorgesehen, die Bewohner das Stadtviertels über diese kleinen Eckläden zu versorgen. Inzwischen hat sich die Versorgung auf Supermärkte verlagert. Die Eckladenlokale sind überwiegend zweckentfremdet oder ganz zurückgebaut wie das unter meiner Wohnung. Als die Parterrewohnung renoviert wurde, hat man das Eckladenlokal der Wohnung zugeschlagen, weshalb meine Unternachbarn jetzt ein Wohnzimmer haben, zu dem es einige Stufen hinab geht. Ich bekam den zum Ladenlokal gehörigen Keller, wo ich aber nichts lagere.

Seitdem ich wieder viel zu Fuß unterwegs bin, schaue ich manchmal neugierig in Hofeinfahrten und entdecke immer wieder ganze Ensembles von Hintergebäuden, die man von der Straße her nicht ahnt. Manche Hintergebäude sind Wohnhäuser und manche sind Werkstätten oder ehedem welche gewesen. Das Buchdruck-Museum Hannover ist in einer solchen Hinterhofwerkstatt untergebracht.

Zwerchhaus in Hannover-Linden – Foto: JvdL – größer: Bitte klicken

Am stärksten fasziniert mich aber die Dachgauben-Architektur der Gründerzeithäuser. Fast jedes Haus hat eine zentrale Dachgaube, manchmal mit zwei Etagen, dass es wirkt, als hätte man aufs Dach noch ein Einfamilienhaus gesetzt. Diese Gauben heißen Zwerchhaus und sind als Stilelement in der Renaissance aufgekommen. Als ich geplant hatte, nach Hannover zu ziehen, sah ich mir eine Wohnung in einem solchen Zwerchhaus an. Ein Gruppe von Interessenten hatte sich vor dem Hauseingang versammelt, als der Makler eintraf. Er sichtete uns und sagte zu mir: „Das ist nichts für Sie!“, wegen der vielen Treppen, die zu steigen wären. Damals war ich erst 58 und ziemlich fit, fand mich auf unverschämte Weise diskriminiert und stieg aus lauter Trotz mit hinauf. Aus der Wohnung konnte man über eine Leiter in die obere Etage der Gaube steigen. Ich fand aber alles zu eng und verlor mein Interesse, zumal ich daran dachte, wie mühsam und zeitraubend es wäre, wegen einer Kleinigkeit, etwa wegen einer vergessenen Mütze mehrmals in die 5. Etage hoch zu steigen. Freund Spraakvansmaak hat das abgebildete Zwerchhaus auch einmal besichtigt, fand die Wohnung aber zu klein für seine Familie.

Wohnhäuser über die 5. Etage hinaus wurden übrigens erst gebaut, nachdem der Mechanikermeister Elisha Graves Otis im Jahr 1853 die Aufzugbremse erfunden hatte und entsprechend sichere Aufzüge in Häuser eingebaut werden konnten. So ist die Architektur unserer Städte wie ein Geschichtsbuch. Wer in Ruhe schaut, vor dem schlägt es sich auf und erzählt vom einstigen Leben und vergangenen städtebaulichen Konzepten.

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