Heimatlied

Mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] sandte mir eine Broschüre aus der Heimat mit dem Titel: „Unsere Heimat- Unsere Lieder“, ein Heft DIN-A5, 36 Seiten ohne Seitenzählung, Kunstdruckpapier, herausgegeben von der Interessengemeinschaft Heimat + Historie NE-BU 962. Die Abkürzungen stehen für das Doppeldorf Nettesheim-Butzheim, die 962 bezieht sich auf die urkundlichen Ersterwähnung des Dorfes im Jahre 962. Das Titelblatt zeigt eine alte Ansichtskarte „Gruss aus Nettesheim bei Butzheim“, untertitelt ist die Dorfansicht „Gillbach mit Tollbrücke 1911.

Die auf dem Bild zu sehende Brücke gab es zu meiner Kindheit in den 1950-er Jahren nicht mehr. Der Gillbach floss bereits unterirdisch. Etwa seinem kanalisierten Lauf gemäß wurde die unsichtbare Grenze zwischen beiden Dörfern angegeben. „Toll“ ist die niederdeutsche Form von „Zoll.“ Die Tollbrücke hat demnach die zweite hochdeutsche Lautverschiebung nicht mitgemacht, was eventuell der Immobilität einer Brücke geschuldet ist, aber eher daran liegt, dass die Benrather Linie, wo die Lautverschiebung zum Stehen kam, nur wenige Kilometer weiter nördlich den Rhein überquert. „Tollbrücke“ lässt vermuten, dass beide Ortschaften in der Vergangenheit unterschiedlichen Verwaltungsbezirken angehört haben, so dass Zoll erhoben wurde.

Vor einiger Zeit sah und hörte ich im Bayerischen Fernsehen eine Sendung über bairisches Liedgut und bedauerte, dass es in meiner sprachlichen Heimat derlei historisches Liedgut nicht gibt. Zumindest war es mir nie begegnet, bevor ich 1970 nach Köln umzog. Freilich bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der über die Vergangenheit kaum gesprochen wurde. Die Gräuel des Nationalsozialismus und eigene Verstrickung hatten die Dorfgemeinschaft kollektiv verstummen lassen. Während meiner Kindheit hatte noch die ausgebrannte Ruine der jüdischen Synagoge gestanden, aber als sie niedergelegt und überbaut war, blieb man auch von kindlicher Neugier verschont. Am Kriegerdenkmal wurde zum Schützenfest an die Gefallenen aus zwei Weltkriegen erinnert, aber nie war die Rede von jüdischen Nachbarn, die im Nationalsozialismus verschleppt und ermordet worden waren. Dass diese Mitmenschen buchstäblich aus der Mitte der Dorfgemeinschaft gerissen worden waren, davon zeugt die Broschüre. Die abgedruckte schwärmerische „Hymne an unsere Heimat“ ist um 1928 vom Juden Siegfried Herz gedichtet worden. Im Jahr 1937 wurde er in einer Pressenotiz der Neußer Zeitung bereits als Autor verschwiegen. Siegfried Herz ist laut Broschüre „gestorben“ 1942 im KZ Auschwitz, was zu übersetzen wäre, dass er dort ermordet wurde. Die Broschüre gibt Auskunft darüber, dass jüdische Mitbürger wirtschaftlich und kulturell integriert gewesen waren, dass religiöse Unterschiede nicht als trennend empfunden wurden. Warum man ihre Verschleppung und Ermordung trotzdem hatte geschehen lassen, in welcher Weise Butzheim-Nettesheimer Bürger aktiv beteiligt waren und sich schuldig gemacht haben, darüber lässt sich offenbar fast 80 Jahre später weder sprechen noch schreiben. Zu meinem Text: „Mein kaputtes Bullerbü“ schrieb mir Fritz:

    „Übrigens sind die hier jetzt natürlich auch vermehrt gegründeten Geschichtszirkel fast ausschließlich mit unverfänglichen Themen beschäftigt. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.“

Etwas in mir sträubt sich, zum Unverfänglichen der Broschüre zurückzukehren. Doch es ist zu würdigen, dass den Autoren gelungen ist, Texte und Noten von vier Heimatliedern zusammenzutragen, von denen mir ein Kirmeslied „Die Kirmes von Butzheim“ besonders gefällt, weil der heiter-komische Text in Butzheim-Nettesheimer Platt vorliegt, einer „landkölsch“ genannten Variante des Ripuarischen. Schon das Lesen vermittelt mir heimatliche Klänge. Kürzlich fragte das Grimme-Institut per Rundmail nach Ideen von Heimat. Ich schrieb hin:

    „Obwohl neue Erkenntnisse [Mein kaputtes Bullerbü] viel zur Entzauberung beigetragen haben, ist das Dorf meiner Kindheit noch immer meine Heimat. Ich kann es auch an einem seltsamen Umstand ablesen: Entfernungsangaben breche ich herunter auf Entfernungen, die ich aus Kindheit und Jugend verinnerlicht habe. Nur so kann ich mir etwa zwei, sechs, zwölf, 20 Kilometer räumlich vorstellen.“
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11 Kommentare zu “Heimatlied

  1. ich stellte mir gerade vor, meine oma sänge es mir vor – wie schön, und ich würde kein wort verstehen. der br ist da schon ein bisschen überfleissig mit den dialekten, vorallem mit dem oberbayerischen, so ein satter, mächtiger oberpfälzer weiberchor, täte da mal gut. da fällt mir gleich die adventssendung (abfend, abfend) mit der well-baggasch und dem gerhard polt ein. https://www.br.de/mediathek/video/weihnachtliches-mit-gerhard-polt-21122018-abfent-abfent-av:5bd99f11a67bb9001c789acc . das war nett. völlig vom thema weg, aber für meine kopf kann ich jetzt auch nix^^

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  2. Lieber Jules,
    Das Schöne an Deinen Texten ist, dass ich immer so viel Wissen daraus mitnehmen kann. Wie diese Bedeutung des Wortes „toll“, das ja im Hochdeutschen eine völlig andere Bedeutung hat.
    Dein Thema passt irgendwie gut zum Winter. Denn im Winter hörte ich als Kind die Kriegsgeschichten meiner Großeltern. Sie mussten sie erzählen. Irgendwie verstand ich das, weil immer noch der Schrecken in ihren Augen stand, der Schock in ihren Gesichtern, wenn sie die Verliese ihrer Erinnerung öffneten.
    Ich saß still und lauschte.
    Mein Großvater reiste viel und gern und er erzählte, er habe viel viel Schwarzes gesehen und erlebt, doch noch nie eine dunklere Persönlichkeit als Adolf Hitler.
    Nicht alle Menschen standen nur mit der Faust in der Manteltasche oder leugneten gar, was in ihrem Ort geschah. Zum Glück gibt es auch überall kleine leise Geschichten, die von Rettungen erzählen und von Helfern in lebensgefährlichen Zeiten. Meine Großmutter hatte einen Rassenvermerk. Nur der Umstand, dass sie mit einem „Arier“ verheiratet war, bewahrte sie vor dem Gas.
    Allerdings wurde es auch für sie gegen Ende des Krieges dennoch lebensgefährlich, als besonders traumatisch empfand sie die Flucht aus Patschkau/Schlesien bis sie hier im Teuto in einem Wochenendhaus im Wald schließlich strandete – der Mann in englischer Kriegsgefangenschaft, begleitet von einem sechsjährigen Gratschlich (schlesische Bezeichnung für ein sehr dünnes Kind), meiner Mutter…
    Heimat ist auch ein Begriff der Ordnung, alles schön beim Alten Zopf packen und das Unangenehme weglassen. Das erzählt mir diese Broschüre, als würde da mit aller Macht (vergeblich) versucht werden, ein hübscher Deckel der Nostalgie auf einen vielstimmig nach oben drückenden Schmerzschrei zu pressen wie ein Kissen aufs Gesicht.

    Auch meine „Heimat“ erscheint mir ambivalent. So groß einerseits meine Verbundenheit mit dem Ort meiner Geburt ist, so bitter und traumatisch sind einige Erinnerungen. Sie haben zum Glück nichts mit Kriegsverbrechen zu tun, dafür bin ich dankbar. Müsste ich an einem Ort leben, wo so viele Menschen gewaltsam gestorben sind, wüsste ich nicht, ob es mir gelänge, dort zu bleiben. Mich würden vielleicht ähnliche Gedanken umtreiben wie Dich. Allerdings gibt es auch die geographische Bindung, also die Verbundenheit zu Landschaftsmerkmalen oder besonderen Lieblingsplätzen. Davon habe ich im Teuto viele, sehr viele sogar. Ich wette, Du kennst diese Plätze auch noch – sofern es sie noch gibt. Was ich irgendwie tröstlich finde.

    Oh, habe viel geschrieben…hoffentlich nicht zu viel…hm…
    Danke für Deine spannende Reise in die Vergangenheit.
    Hab einen schönen Tag,
    wünscht die Fee

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    • Kein Wort zuviel geschrieben, liebe Fee! Zunächst ist „…wenn sie die Verliese ihrer Erinnerung öffneten“ wunderschön poetisch. Danke für deinen Erfahrungsbericht und die Übermittlung des Eindrucks deines Großvaters. Was dem Geschichtsverein hoch anzurechnen ist, dass er den ermordeten jüdischen Mitbürgern des Dorfes Gesicht und Stimme gibt. Sie werden nicht mehr verschwiegen. Die Täter bleiben aber nach wie vor ungenannt. Als man die Synagoge niederbrannte, werden doch nicht nur Horden von außerhalb gekommen sein. Wer aus der Dorfgemeinschaft hat sich da hervorgetan? Solange niemand benannt wird, kann man das Geschehen behandeln wie einen Spuk, kann sagen, es waren die Nazis, aber keiner von uns. Dieses dunkle Kapitel aufzuarbeiten, ist erforderlich. Aber vielleicht müssen zuerst 100 Jahre vergangen sein, bis man aufhört, den „Deckel der Nostalgie auf einen vielstimmig nach oben drückenden Schmerzschrei zu pressen wie ein Kissen aufs Gesicht.“
      Ich danke dir herzlich für deinen klugen, wortgewaltigen Kommentar und wünsche dir ebenfalls einen schönen Tag,
      Jules

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    • Ich glaube es gehöhrt, nicht nur in Deutschland, zu den Aufgaben von denen, die wir jetzt leben uns mit dem Faschismus auseinanderzusetzen. Dazu gehören in meinen Augen auch Familienfragen. Gestern hatte ich eine Mail vom Bundesarchiv im Kasten. Ich bekomme keine Antwort hinsichtlich meines einen Großvaters. Da meine Mutter noch lebt, muss sie die Fragen stellen. Mit ihr bin ich im Gespräch, mal schauen, was geschehen kann.

      Ob ich Deinen Kommentar „richtig“ verstanden? Ich kann mir keinen Ort vorstellen, an dem „Juden“ in den „tausend Jahren“ nicht ausgegrenzt zumindest in den Köpfen waren, auch wenn „dort“ vieleicht gar keine lebten, genausowenig, wie Andere Ausgegrenzte. Vielleicht in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden zu kennen meinte; indem „man“ zusammenhielt. Vielleicht gab es ja auch dort wen, der als „Schwuchtel“ galt, Und dann?

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      • In der Broschüre wird betont, wie stark die jüdischen Mitbürger des Dorfes ins Dorfleben integriert gewesen waren. Eine Zeitzeugin gab an:, „dass Juden an Fronleichnam wie die christlichen Nachbarn sich daran beteiligten, einen Blumenteppich vor ihrer Tür auf den Prozessionsweg zu streuen,“ Der Autor Josef Wißkirchen, der dies übermittelte, schreibt aber auch: „Das friedliche Erscheinungsbild darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei manchen aus unaufgeklärten christlichen Wurzeln gespeiste antijüdischen Vorbehalte in der Tiefe schlummerten.“ Der Nationalsozialismus verstand sie zu wecken.

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  3. Danke, ich kenne die Broschüre nicht. Was mir bei der Aufarbeitung oft fehlt ist die Auseinandersetzung mit den Tätern auch in der eigenen Verwandschaft. Der Großvater, dem ich gerade auf der Spur, war in der Wehrmacht Zahlmeister. Von ihm gibt es nur noch wenige Feldpostbriefe. Die Absendeorte machten nicht nur mich nachdenklich, auch meine Mutter, die ihn nicht gefragt. Ihr, die acht war, als sie ihren Vater zuletzt sah, glaube ich, daß sie ihn nicht gefragt. Als ich später in der Familie fragte, stand ich vor einer Schweigemauer. Damit bin ich nicht allein.

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  4. In Frankfurt wird die Mundart auch immer seltener. Das liegt an den vielen “Eingeplackten” ( Zugereisten) und der latenten Unterstellung der Bildungsferne, wenn man Dialekt spricht.
    Das Thema Vergangenheitsbewältigung sehe ich mit großer Sorge. Ich dachte wir wären schon weiter als die aktuellen Kommentare vieler AfD Anhänger.

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    • Sorry, ich wollte auf deinen Kommentasr antworten, hatte ihn aber versehentlich gelöscht. Die „Eingeplackten“ überall sind sicher ein Grund, warum Dialekte zurückgehen. Unterstelllte Bildungsferne hängt zusammen mit der Dominanz des Schriftdeutschen in der öffentlichen Kommunikation, Dadurch werden die Mundarten verdrängt. Ich bin als Mundartsprecher aufgewachsen, meine Kinder nicht. Während ihrer Schulzeit hätten sie Aachener Dialekt lernen knnen in der Öcher-Platt-AG.
      Deine Sorge wegen der AfD teile ich. Ich hätte mir nie denken können, dass das gestrige Denken mal wieder gesellschaftsfähig hätte werden können. Noch ist die Nazi-Vergangenheit nicht aufgearbeitet, treten Hass und Ausgrenzung ungeschminkt wieder hervor.

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  5. Es gibt auch Eingeborene, die Dialektunfähig, im aktiven Sprachgebrauch, ich zähle mich dazu. In meiner Herkunftsfamilie, die nicht akademisch war das bei meinem Aufwachsen normal und auch ein Weg, auf dem Verständigung möglich ward.
    Unabhängig von jeder politischen Couleur; ich kenne auch Akademiker, die anders als ich Platt sprechen, das eine eigne Sprache ist. Ist das ein Problem?

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    • In meiner Kindheit lernte man Dialekt auf der Straße, meine Kinder lernten ihn dort schon nicht mehr. Weil ich damals in Aachen lebte, fremdelte ich mit dem ÖCher Platt und habe auch nicht gefördert, dass meine Kinder es lernten. Mit einem Lehrerkollegen, der aus meiner Dialektregion stammte, habe ich auch immer gerne Platt gesprochen. Ein Problem sehe ich darin nicht.

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