Aus dem literarischen Untergrund – Scheiße geparkt!

Die Straßen waren am Neujahrstag nicht so verschmutzt wie in den Jahren zuvor. Nur vereinzelt lagen die spitzen Plastiktüten herum, in denen Feuerwerksraketen zu kaufen gewesen waren. Wer im Jahre 2019 noch immer Plastikverpackungen in die Botanik wirft, hat den Schuss nicht gehört. Auf den Bürgersteigen hässlich brauner Brei. Im Regen haben sich die Feuerwerkspappen aufgelöst. Der Sturm der letzten Tage hat zudem kostenlose Werbezeitungen und darin eingelegte Prospekte verweht. Es fällt schwer, im Straßendreck Zettel zu finden, nach denen sich zu bücken lohnt. Erst kürzlich ist mir eingefallen, dass wir nicht wissen, was an bedrucktem oder beschriebenem Papier vor 100 Jahren auf den Straßen lag. Es muss deutlich weniger gewesen sein als heute. Demgemäß ist neu zu einzuschätzen, dass Kurt Schwitters die Papierabfälle seiner Tage aufhob, um daraus Collagen zu gestalten. Bedrucktes Papier hatte im Jahr 1919 noch eine andere Wertigkeit.

Gar nicht verstehen können hätte Kurt Schwitters den Zettel „Scheiße geparkt!“ Ich fischte den Scheiße-geparkt-Zettel aus der Gosse der Lindener Hasemannstraße, wo er seiner Diktion gemäß gut gelegen hatte. Über den muss ich schon eine Weile schmunzeln, vor allem über die Geschichte dahinter. Ein Anwohner der Straße parkt wohl sein Auto so, dass andere sich behindert fühlen. Wie oft muss das geschehen sein, bevor sich sein Nachbar hinsetzt und den Scheiße-geparkt-Zettel am Computer gestaltet und ausdruckt? Der Zettel hat das Format 7,4 cm x 5,25 cm, passt also 18 mal auf DIN-A4. Vielleicht hat der Mann sich aber gar nicht die Arbeit gemacht, sondern ein Abreißblöckchen mit „Scheiße-geparkt“-Zetteln gekauft, wie sie im Internet massig angeboten werden.

Dann muss der arme Mensch auf eine Gelegenheit warten, seine Scheiße-geparkt-Zettel einzusetzen. Hat 18 Stück oder sogar den Abreißblock, aber der hundsgemeine Autofahrer parkt jetzt einfach so, dass nichts zu beanstanden ist. Welch eine vetrackte Situation! Sobald er die Zettel vorrätig hat, muss der genervte Nachbar das Scheiße parken geradezu herbeiwünschen. O Mann, dieses Durcheinander im Kopf möchte ich ja lieber nicht haben.

16 Kommentare zu “Aus dem literarischen Untergrund – Scheiße geparkt!

  1. Klar hängt die Vermüllung unserer Straßen auch damit zusammen, das Vepackungsmaterial rein rein geldlich betrachtet heute so wenig kostet.
    (Mein Großvater hatte bis er zur Wehrmacht eingezogen wurde einen Kolonialwarenladen. Er hat mir gezeigt, wie mensch aus alten Zeitungen Tüten dreht.)
    Da es bei den Lebensdaten reichlich Überschneidungen gibt, vermute ich, auch Schwitters kannte solche Tüten, vielleicht hat er damit später das Feuer im Ofen entfacht.
    Heute müsste der alte Knabe täglich mit zwei Koffern los, weil so viel Müll rumliegt, nicht nur an Neujahrstag.
    Müllverarbeitung ist in der Kunst nicht ausgestorben …

    Ich bekam zu Weihnachten im letzten Jahr einen Block mit 200 „Scheiße geparkt“-Zetteln geschenkt, der jetzt fast alle ist. Was habe ich getan? Auf meinen Wegen bin ich seitdem jedesmal vom Rad gestiegen, wenn ein KFZ auf dem Radweg stand und habe einen hinter den Scheibenwischer geklemmt. Ob jemand ihn wütend in die Gosse schmiss entzieht sich meiner Kenntnis.

    Als ich gestern zum Briefkasten taperte, schwang der Nachbar, der in der Nacht geknallt den Straßenbesen. So geht es auch.l

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    • Wenn ich noch Radfahrer wäre, würde ich wahrscheinlich auch solche Zettel verteilen. Als Autofahrer ärgern mich meist nur andere, die sich à cheval auf zwei Plätze oder so nah neben meinen Wagen stellen, dass ich die Fahrertür kaum noch öffnen kann. Sind meistens SUV und besonders teure Autos, denen man den Egoismus des Fahrers direkt ansieht. Denen sind die Zettel eh egal.

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    • Dass man dir zum Fest der Liebe 200 mal „Scheiße geparkt“ geschenkt hat, finde ich ziemlich ulkig. Das zwang dich dauernd vom Fahrrad? Ich war im letzten Jahr höchstens dreimal von einem störend geparkten Auto genervt. Möglicherweise sucht man danach, wenn man 200 „Strafzettel“ zu verteilen hat. Ja, Papier ist generell zu billig, und es wird vieles gedruckt, dass man denkt „und dafür mussten Bäume sterben.“ Das gilt auch für Zeitungen. Solange sie noch als Verpackung galten, war manches besser. Heute darf man vermutlich keinen Fisch mehr darin einschlagen – wegen der Druckerschwärze. Früher lag Altpapier auf dem Örtchen, aber so ein Zettelchen „Scheiße geparkt“ taugt ja nicht mal als A….wisch. Ich glaube, sähe er den heutigen Müll: Schwitters würde schießen. 😉
      Vorbildlich dein Nachbar!

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      • Die Freundin, die mir die Zettel schenkte, glaubt nicht an Jesus und den ganzen Weihnachtskram. Ich tue da auch nicht; jede hat andere Gründe.

        Geschenke mögen wir beide und so gehören weihnachtliche Quatschgeschenke seit vielen Jahren zu unsern Freundschaftsritualen.

        Warum ich die Zettel so schnell los wurde? Ich wohne an einer langen Hauptstraße und radele auch sonst alltäglich viel durch die Stadt. Bevor ich sie in der Tasche hatte, habe ich mich ab und an geärgert über Radwegparkende, erst dann wahr genommen, wie oft KFZ aller Größen auf dem Radweg stehen: Ob Lieferanten aller Art, von Gastroservice bis Pizzafahrende, natürlich auch Paketwagen oder Menschen, die nur was in den Briefkasten werfen wollen, auch solche, die mit Blaulicht vor Dönerläden stehen, durch deren Fenster Uniformierte sichtbar . Manchmal bin ich gar nicht mehr aufgestiegen. Der Block ist alle, damit auch dieser „Sport“

        Wenn davon der olle Schwitters wüsste …, in einer Zeit, in der ich zu jung bin um alte Zeitungen noch auf dem Häuschen zu kennen. Habe das mal probiert, weil ich vergessen Popapier zu kaufen, führte bei meinem „modernen“ Klosett (Leitungen von 1958) zur Verstopfung; hatte ne Spirale …
        Sähe Kurt den heutigen Müll einschließlich Popapier? Vermutlich könnte er gar nicht so viel Verpacktes essen, wie drauf scheißen würde.

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  2. Lieber Jules,
    Bei den Abreißblöcken hat man die Wahl zwischen ‚Parkaffe‘ und ‚scheiße geparkt‘- ich recherchierte das mit zunehmendem kaltem Grausen ob der vielen verschiedenen Billigstangebote. 50 dieser farbenfroh dekorierten Scheiße-Botschaften kosten so unverschämt wenig wie es unverschämt ist, seine emotionale Hemmschwelle samt Bildungsferne soweit herunter zu reduzieren, dass man sich sogar zu schade und bequem ist, seiner qualmenden Wut ob des Parkaffens Herr zu werden, indem man nach Hause schlurft, einen Zettel hervorkramt und in Schönschrift eine deutliche Ansage verfasst. So ein Abreißzettel aus Massenproduktion ist viel weniger beeindruckend und irgendwie despektierlich. So ein Ding ist ja so schnell anonym hintern Wischer geflegelt. Eine Aufforderung mit Personifizierung hätte vielleicht eine effektivere Wirkung, oder? Aber hinsetzen, schreiben und dann noch dabei denken, womöglich sogar in Sätzen mit Prädikat, Verb und Subjekt- davon tut dem Wütenden der Kopf zu weh…
    Den Zettel hätte ich auch aufgehoben.
    Wertigkeit bekommt er durch die von Dir dazu erzählte Geschichte.
    Kurt Schwitters Idee lebst Du lobenswert in Geist und Tat.
    Liebe Feengrüße ✨

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    • Liebe Fee,
      danke für deine aufopfernde Recherche. Tatsächlich hat sich hier eine ganze „Abmahnindustrie“ etabliert und fügt dem Irrsinn des automobilen Verkehrs eine weitere Facette hinzu. Das Auto ist geeignet, die niedersten Instinkte im Menschen freizusetzen. Allein die Dreistheit, mit dem unsere Freiflächen zugeparkt werden. Vor jetzt zehn Jahren habe ich in einer Aachener Gosse diesen Zettel gefunden:

      Nachdem ich die abschließende Fluchformel bei Google eingeben hatte, flogen mir die Arschlöcher und Kamelflöhe nur so um die Ohren. Der Spruch ist ungemein beliebt in Internetforen, und es gab die Strafzettel in Elternforen, auf dem Kleinanzeigenmarkt, als PDF für den Selbstausdruck, als Wutzettel-Abreißblock für zwei Euro im Schreibwarenhandel und sogar im Kunsthandwerkerlädchen in der Abteilung ‚Rund ums Osterei/Ostereier‘ für den Wunschzettel, natürlich „auf hochwertigem Papier“.

      Im Forum „Unsoziales Parken“ gab User „Master_Roam“ den Tipp: „du könntest z.B. beim Metzger ein Schweinegehirn kaufen. Nachts im Winter wenn es friert nimmst dus mit raus(darf vorher nicht gefroren sein) und legst es ihr auf die Motorhaube. Bis zum nächsten Tag ist das am Auto festgefroren. Das ist ein schöner Anblick^^ und sie kriegts erstmal nicht ab. der Vorteil : Es ist keine Sachbeschädigung, sprich Spiegel, Kratzer, Platte etc. und man kann dich nicht anzeigen, sollte sie Verdacht schöpfen, es sei auf deinem Mist gewachsen.“
      „Treponema“ antwortete mit einer Variante des Strafzettels und fügt das fäkale P.S. an: „Wenn Sie noch einmal so blöd parken, dann scheiße ich Ihnen auf die Motorhaube!“

      Das alles wirft ein seltsames Licht auf die geistige Verfassung unserer Automobilgesellschaft.
      Beste Grüße

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  3. Vor einiger Zeit fiel mir beim Verlassen des Hauses auf dem Weg zur Arbeit ein Fahrzeug auf, welches in dessen Parklücke nicht bewegt wurde. Es parkte dort halt wie es sich parkenderweise gehört. Nur die Fahrzeuge links und rechts daneben, die wechselten sich ab. Jetzt hatten wohl die beiden Parker ihrer Fahrzeuge neben dem ersten Fahrzeug wohl ihren individuellen Verteilfreiraum und somit Abstand nach Gutdünken gehalten, so dass sich alle anderen Parkenden entsprechend „ordentlich“ daneben aufreihten. Nur eben jenes erste, parkende Fahrzeug, welches wohl so zehn Tage nicht bewegt wurde, dass erschien, als ob dessen Halter mal einfach zwei Parklücken für sein Fahrzeug nutzte. Und prompt klemmte am nächsten Morgen eine Pappe unter dem Scheibenwischer, auf der dick und fett nachgefragt wurde, was denn der Halter jenes Fahrzeuges für ein „riesen großes Scheiß-Ego“ hätte, so dermaßen platzraubend zu parken. Das Schild klemmte dort drei Tage. Und bereits am zweiten Tag hatte sich durch das Parken der anderen Fahrzeuge um jenes erste herum die Situation geändert. Obwohl unbewegt, nahm das geparkte Fahrzeug nur noch eine Parklücke (und zwar seine) ein. So blieb auch am dritten Tag noch immer die Frage nach dem „Scheiß-Ego“ eines Mitmenschen unbeantwortet.
    Nachmittags sah ich dann diese Papierhinweis-Werbeverteiler, welche an jedem Seitenfenster ein kleines, rechteckiges Stück Papier reinschoben. Auf diesen Zettelchen wurde angeboten, das gebrauchte Fahrzeug zu „Höchstzahlungen“ aufzukaufen, damit man sich ein neues Fahrzeug kaufen könne. Der junge Mann steckte seine Zettel in jede Seitenfenstergummierung ungeachtet des Alters des jeweiligen Fahrzeugs. So standen Altfahrzeuge, Neufahrzeuge, Kleinstswagen und SUVs in aller Eintracht mit diesen Zetteln herum. Und somit auch jenes Pappen-verzierte Fahrzeug. Am vierten Tag der Pappschild-Frage war es dann weg, die Parklücke unbesetzt und die Pappe ebenfalls verschwunden.
    Nur in der Straße auf der Straße fanden sich viele dieser „Höchstzahlungen“-Zettelchen. Das interessierte nachher nur noch die Straßenfegerfahrzeuge mit ihren Kehrmännchen (… manche Öcher Worte verbleiben mir einfach, ohne dass mir eine Übersetzung direkt einfällt …).

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  4. Ich hatte dieses Jahr auch den Eindruck, dass die Straßen nicht so verschmutzt sind wie in den letzten Jahren. Ich weiß nur nicht, ob es tatsächlich weniger Müll ist der rumliegt oder ob ich mich an das ganze Plastik und Papier das achtlos weggeworfen wird gewöhnt habe. Ich bin doch irgendwie Romantiker und will immer nur das Schöne sehen.

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