14. Türchen – Was du auf krummen Wegen erreichst



Aus einer Nebenstraße fuhr ein schwarzes SUV los, zog langsam vor und hielt wieder, denn auf dem Gehweg war eine junge Frau heftig winkend mitgelaufen. Jetzt beugte sie sich vor und winkte ins Auto hinein. Ich war stehen geblieben, um das SUV vorbeizulassen, das langsam wieder anrollte und die winkende Frau noch einige Meter mitzog, dann entschlossen schneller wurde, worauf sie sich aufrichtete und das Auto wegfahren ließ. Sie sah mich an und sagte: „Endlich freies Wochenende, jah!“, und zum „Jah!“ ballte sie die Faust und rammte ihren Ellenbogen nach unten. Im Vorbeigehen sagte ich leichthin: „Schön.“ Ich war überrascht, wie schnell die Rolle der Mutter, die ihr Kind kaum loslassen kann, von ihr abgefallen war. Was hätte ich sagen sollen außer „schön“? Was ging es mich an? Ich kenne die Situation. Hatte schon mit jungen Müttern zu tun, die nur Zeit hatten, wenn ihr Mann oder Exmann das gemeinsame Kind fürs Wochenende zu sich holte.

Eine war Lisette. Im ersten Jahr, als ich heftigst in sie verliebt war, als ich litt wie ein Hund, mich nur halb fühlte, wenn sie nicht da war, und trafen wir uns wieder, dann war mir, als würden wir ineinander einrasten wie in die zweite so entbehrte Hälfte. Nur dann hatte ich Ruhe, nur dann schwand der zehrende Schmerz aus meiner Brust. Es kam Weihnachten, und ihr Mann wollte mit ihr und dem gemeinsamen Sohn in die Alpen fahren, wo er Anteile einer großen Blockhütte besaß und wo sich alljährlich ein Freundeskreis versammelte, um gemeinsam die Tage zwischen den Jahren und Silvester zu feiern. Am zweiten Weihnachtstag sollte es los gehen. Lisette war zerrissen, mochte nicht hin und mich im Kummer zurücklassen, nicht hierbleiben und ihren Sohn entbehren. Bis zuletzt war nicht klar, ob sie mitfahren würde. Dann die erlösende Nachricht, dass die beiden ohne sie gefahren wären und dass wir uns treffen könnten. Es war ein trüber Nachmittag, als ich mich zum Café unserer Wahl aufmachte. Zu jener Zeit ließ auch ich meine Familie zurück. Aber die Mutter meiner Kinder hatte sich neu orientiert, hatte sich einem Exfreund zugewandt, und auch die Kinder gingen nach dem Kaffeetrinken eigene Wege. Unterwegs sah ich in die weihnachtlich erleuchteten Stuben hinein und fühlte mich waidwund, weil mein Leben derart aus den Fugen geraten war.

Dann saßen Lisette und ich bei gedrückter Stimmung im halbleeren Café. Da war kein Jah!!! Sie wurde vom schlechten Gewissen geplagt, und ich ertrug es kaum, derart falsch in die Welt zu ragen. Im Leben hatte ich nicht in eine derartige Situation geraten wollen. Ich war nicht gemacht für die Rolle des heimlichen Liebhabers, no Sir! Ich hatte Grundsätze. Und verriet sie täglich. Als ich Lisette kennenlernte, war ihr Mann ein Jahr beruflich im Ausland. Sie erweckte den Anschein, die Ehe sei kaum noch existent. Wieder zu Hause bei Frau und Sohn dachte er das gar nicht. Aber ich war bereits rettungslos in seine Frau verliebt. Es war über mich gekommen, als hätte man mir hinterrücks einen Sack über den Kopf gezogen.

Wir hatten keinen Platz füreinander. Sie passte nicht in meine, ich nicht in ihre Welt. Wie unbehaust wir waren, wurde mir an diesem 2. Weihnachtstag bewusst. Später gingen wir über den Platz ins Kino und schauten uns den Film über die Comedian Harmonists an. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass wir bei besserer Stimmung zusammen Silvester feiern könnten. Doch mein fadenscheiniges Glück währte nicht lang. Am nächsten Tag saßen wir bei eisigen Temperaturen an einem gefrierenden Teich in der Sonne und Lisette teilte mir mit, dass sie sich entschlossen habe, ihrem Mann und ihrem Sohn hinterher zu fahren. Zuvor hatte sie mir stolz eine Zeitung gezeigt, wo über fünf Spalten ein Bild ihres Söhnchens abgedruckt war. Dieses Foto, von ihr selbst fotografiert, hatte den Ausschlag gegeben, und was konnte ich schon gegen aufflammende Mutterliebe ausrichten. Ich musste sie ziehen lassen.

Vom Tag ihrer Abreise bis zu ihrer Rückkehr eine Woche später war ich kein Mensch, lief herum wie ein Zombie, war froh um jede Viertelstunde, die verronnen war. Nie zuvor bin ich derart unglücklich gewesen wie in dieser qualvollen nutzlos vertanen Zeit. Ich litt ihretwegen und meinetwegen, denn mit dieser Liaison verging ich mich gegen vieles, was mir einst wert gewesen war. In was war ich da hineingeraten? Ich wollte noch nicht wahrhaben, dass das nicht gut werden konnte. Doch irgendwann schrieb ich auf: „Alles was du auf krummen Wegen erreichst, trägt das Krumme und Schiefe in sich.“

Trotzdem hat der Wahnwitzige in mir mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, ich hätte die befreit jah! ausrufende Frau zu einem Kaffee eingeladen. Glücklicher Weise ist mir heute die Ataraxie wichtiger.

14 Kommentare zu “14. Türchen – Was du auf krummen Wegen erreichst

    • So ist es: Das Schräge ist immer dabei, wird mal stärker, mal schwächer empfunden. Ich finde hübsch, dass du Andreas „schlechte Menschen“ wie selbstverständlich mit Reiche übersetzt hast. 😉 Über deren Probleme: Seneca zitiert dazu den antiken Philosophen Bion. Der sage: „Gleich lästig ist es für solche mit Glatze wie für solche mit vollem Schopf, wenn ihnen Haare ausgerissen werden.“

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