13. Türchen – Dein Wunsch und mein Geschenk


Blogfreundin socopuk schreibt über die Schwierigkeit zu schenken, wo eigentlich mehr erforderlich wäre.

Ich lebe nicht im Luxus, aber es geht mir gut. Ich kann und will mir Bio-Essen leisten, fahre zweimal im Jahr in den Urlaub, habe mehrere Stunden Freizeit täglich. Ich habe eine Wohnung mit Heizung und Warmwasser, ein bequemes Bett und eine stabile soziale Umgebung.

Es gibt Menschen, denen geht es schlechter als mir, und zwar nicht wenige. Weil ich mich deshalb irgendwie schuldig und hilflos fühle, habe ich ein schlechtes Gewissen. Und auch, weil ich vieles, unabhängig von allen Erklärungen und Begründungen, einfach menschenunwürdig finde, und wenn ich selber etwas tue, muss ich nicht nur auf die Politik hoffen und vertrauen, bis was passiert.

Die Obdachlosenhilfe in unserer Stadt hat eine Wunschliste geschrieben, man kann Wünsche von der Liste erfüllen und die Geschenke abgeben. Ich habe mich eingetragen für „Konserven, z.B. Suppen.“

Und jetzt stehe ich im Laden vor dem Regal. Ich nehme Linseneintopf und Kichererbsensuppe. Die Curry-Suppe mag ich selber gerne, finde sie aber zu exotisch für diesen Anlass. Warum eigentlich? Und warum Konserven? Aus frischen Zutaten was zu kochen ist doch viel billiger, das zu können, wäre mal nachhaltig sparsam. Aber es gibt ja auch Notsituationen, wo eine Dosensuppe genau das richtige ist. Und soll ich jetzt wirklich Bio-Konserven kaufen? Ich höre in meinem inneren Ohr schon die bitteren Kommentare über die wohlstandsverwöhnten Gutmenschen. Ja, ich kaufe Bio, vor allem, weil Bio eher positiver für die Umwelt und die Arbeitsbedingungen der Hersteller ist, im Vergleich zu konventionellen Produkten. Wird „mein“ Obdachloser vielleicht gehänselt, weil er eine Gutmenschenkonserve isst? Für das gleiche Geld pro Bio-Konserve hätte ich wahrscheinlich vier Dosen im Discounter bekommen …

Ich versuche, mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Auf der Wunschliste steht Konserven, also kaufe ich Konserven, und ich stehe hinter Bio, also Konserven in Bio.

Auf dem Heimweg überlege ich, wie ich die Dosen noch ein bisschen anprechend verpacken könnte. Ich stelle mir vor, wie die Obdachlosen am Heiligen Abend gemeinsam bei der Obdachlosenhilfe sitzen, um einen etwas gerupften, weil im letzten Moment noch günstig erworbenen Tannenbaum, und die Geschenke auspacken, also auch meine Geschenke. Wie sie erwartungsvoll das Papier aufreißen und dann ist es nur mein Linseneintopf. Vielleicht noch einen ehrlichen Gruß dazu schreiben? „Frohe Weihnachten“ klingt in meiner Vorstellung abstoßend sarkastisch, auch wenn ich es ihnen von ganzem Herzen wünsche. Mir fallen lauter unpassende Sprüche und Zitate ein, aber keine passenden.

Ich will nicht enttäuschen mit meinen Gaben, aber sie sind eigentlich nur ein Notnagel für mein schlechtes Gewissen, und diese fahle Gewissheit hemmt doch deutlich die Zufriedenheit über meine Beteiligung an dem Projekt. Einen für meine Verhältnisse nicht unerheblichen Betrag habe ich für die Geschenke ausgegeben. Und ich habe immer noch das Gefühl, dass es viel zu wenig ist. Weil man mit Geld eben einfach nicht alles kaufen kann.

17 Kommentare zu “13. Türchen – Dein Wunsch und mein Geschenk

      • Die Antwort galt eigentlich ihr (weil es ihr Text war) und bezog sich auf den Satz „Wird „mein“ Obdachloser vielleicht gehänselt, weil er eine Gutmenschenkonserve isst?“ Es war auch keineswegs böse gemeint. Vielleicht haben Obdachlose Besseres zu tun als Blogeinträge zu lesen. Aber – ich weiß nicht. Bielleicht auch gerade deshalb nicht.

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        • Ich dachte: Nimms mal auf dich 😉 denn mich hatten die Versalbuchstaben erschreckt (du weißt ja, dass die in der digitalen Kommunikation als Schreien gelten), Ich glaube auch nicht, dass ein Blogeintrag zur Suppe mitgeliefert gehört, aber über ein paar freundliche handgeschriebene Worte würde sich der Beschenkte sicher freuen.

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        • Vielleicht ist genau das das Problem, dass wir denken, wir wüssten was los ist und was wichtig und hilfreich ist, aber in Wahrheit wissen wir es gar nicht, und alles ist nur Vermutung.
          Was weiß ich schon über einen Menschen, von dem ich nur weiß, dass er sich Suppe wünscht?
          Wenn hier in WP jemand einen Suppenaufruf starten würde, hätte er wahrscheinlich am Ende lauter exotisches und selbstgekochtes beisammen… Und keiner würde überhaupt auf die Idee kommen, Discounterdosensuppe zu kaufen.

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    • Ich bin da sehr unsicher, was „das richtige“ wäre. Immerhin jammere ich auf hohem Niveau und muss mich „nur“ mit moralischen, und nicht mit existentiellen Problemen herumschlagen. Das nicht-lesen-können wäre ein kleineres Problem (und es gibt erschreckend viele, teilw. AnalphabetInnen, deren Chancen auf der Straße zu landen extrem hoch sind) als ggf. sprachliche Barrieren. Das macht mich als Sprachfreak dann irgendwie noch hilfloser…

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  1. Ich weiß genau wie die Anna das meint, mir geht es genauso. Aber wahrscheinlich ist der Blick von Obdachlosen auf Geschenke und Spenden wieder ein völlig anderer, den man nur nachvollziehen kann, wenn man in dieser Lage ist …

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  2. Nicht nur zu Weihnachten ….
    Ab und an treffe ich die Mutter eines ehemaligen Schulfreunds schwer bepackt auf dem Weg zum Familengrab. Der Friedhof ist seit vielen Jahren ein Treffpunkt für Menschen, die auf der Straße leben.
    Ihr jüngster Sohn, er war Krankenpfleger, ging oft dorthin, sprach mit den Menschen, verband Wunden. Mit seiner großen, er war von seiner großen Liebe verlassen worden, konnte er nicht leben.
    Sie stellt seit vielen Jahren keine Blumen auf das Grab, stattdessen im Sommer Obst, im Winter Dosensuppen.
    Ich ziehe meinen Hut vor Menschen, die auf der Straße leben, weiß nicht, wie lange ich überleben würde.
    Ich gehe nicht mit einem achteckigen Heiligenschein durch mein Leben. Manchmal werfe ich ein paar Münzen in einen Hut, manchmal trinke ich Kaffee mit einem Straßenmenschen, manchmal gehe ich vorbei.
    Vor einer Zeit putze ich wochenends in einer Frauenberatungsstelle, in der Männer nur manchmal willkommen sind. An einem Regenmorgen lag einer schnarchend unter der Treppe. Als ich den Müll raus brachte, war er wach. Kaffee oder Tee? Wir frühstückten meine Brotdose leer und redeten. Ich bat ihn, sich einen anderen Platz zu suchen, am Nachmittag sei hier eine Gruppe für Frauen mit Gewalterfahrungen, manche trauen sich nicht her, wenn hier auch Männer sind. Er war weg, bevor ich ging, wir grüßen uns noch heute.
    Würde, nicht nur Gaben, wünsche ich mir für alle Menschen, das kann auch Biosuppe sein.

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    • Die Mahnung deines ersten Satzes ist wohl richtig, aber in der Textsammlung zum Adventskalender geht es überwiegend um vorweihnachtliche Themen. Daher entsteht der Eindruck der Beschränkung. Danke für deinen Kurzbericht. Er zeigt ein schönes Beispiel, seine Mitmenschen angemessen zu würdigen, was natürlich auch außerhalb der Adventszeit nötig ist, was wohl hier alle unterschreiben.

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      • Danke sage ich erst jetzt: Tücken der Technik, dank ihrer war ich ein paar Wochen ohne Rechner.
        Du bringst mich auf eine Idee: Wenn es im Garten wieder wächst, stelle ich mal Kräuter auf die Familiengruft, mal schauen, was dann geschieht.
        Ich habe es nicht so mit Gräbern. Menschen die mir mal wichtig waren fallen mir im Alltag immer wieder ein.
        Vor ein paar Wochen stand ich vor dem Stein derer, die mal meine Lebensfrau gewesen und legte einen Stein darauf, wie sie es sich gewünscht.
        Kroküsse setzte ich, sie mochte sie sehr. Vielleicht werden sie Kaninchenfutter, dann ist das so.
        Ihre Mutter wohnt näher dran. Ich liebe sie ganz anders.
        Sagen wird sie mir, ob welche von den Küssen blühen, die hier nicht zu Safran reifen.
        Ob sich dort auch Straßenmenschen treffen entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht sähe ich da mal Salat …

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  3. Danke lieber Jules für die Veröffentlichung dieses Textes in deinem Adventskalender. Ich freu mich über die Resonanz und darüber, einen meiner Beiträge jetzt auch mal selbst liken zu können 😉
    Liebe Grüße aus dem kalten Nürnberg, Anna

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