12. Türchen – Praktische Theorie


Blogfreund Manfred Voita zeigt im folgenden Dialog, warum man nicht früh genug mit Philosophie anfangen kann.

Advent. Lassen wir die Hektik des Alltags, das Gedränge des Weihnachtsgeschäfts und die Weihnachtsmärkte mit den glühweinberauschten Minderjährigen doch einfach einmal draußen vor der Tür. Advent: Sonnige Vormittage und dunkle Nachmittage, klare Kälte und warme Jacken, festlich geschmückte Häuser und Lichter in der Nacht. Glocken läuten und Schnee liegt in der Luft. Da ist es gut, daheim zu sein, bei seinen Lieben. Im Kamin knistert ein wärmendes Feuer, vom Adventskranz strahlen die Kerzen und nur Ebenezer Scrooge könnte sich der Magie solcher Tage entziehen.

„Du bist jetzt acht Jahre alt, Tobi. Das Thema Weihnachtsmann…“

„Weißt du was, Papa. Ich glaube, mit dem Weihnachtsmann ist es wie mit dem Sex. Wir reden in der Klasse ständig drüber, aber dann passiert wieder ganz lange überhaupt nichts.“

„Aber Tobi…“

„Schon gut, Papa, mach dir keine Sorgen. War nur ein Scherz. Wir reden natürlich überhaupt nicht über den Weihnachtsmann. Eigentlich glaubt bei uns niemand mehr an den Weihnachtsmann.“

„Und du?“

„Ich bin da mehr spiritueller Agnostiker.“

„Geht es dir gut, Kind? Ich glaube, du hast dir den Kopf am Fremdwörterlexikon gestoßen.“

„Aber Papa! In der Sendung mit der Maus war doch Richard David Precht. Und in der Sesamstraße. Und im Kika.“

„Der arme Mann neigt offenbar zur Allgegenwärtigkeit, mal ganz abgesehen von der Allwissenheit.“

„In der Sportschau war er aber bestimmt noch nicht, oder?“

„Bei der Auswahl der Sendungen, die ich mir anschaue, achte ich eben auch auf ein bisschen Bewegung … aber darum geht es hier doch jetzt überhaupt nicht, Tobi. Es geht um den Weihnachtsmann, an den du ja nun ganz offensichtlich nicht mehr glaubst, also …“

„So habe ich das nicht gesagt. Möglicherweise gibt es ihn, aber wir können das einfach nicht wissen. Als spiritueller Agnostiker bin ich trotzdem bereit, an den traditionellen Praktiken festzuhalten.“

„Und das heißt jetzt …“

„Egal ob es einen Weihnachtsmann gibt oder nicht, hier ist mein Wunschzettel.“

Thomas Henry Huxley hat übrigens den Begriff des Agnostizismus geprägt.

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15 Kommentare zu “12. Türchen – Praktische Theorie

  1. In unserer Familie gab es das Christkind. Sah alles obwohl weltblind und Den Weihnachtsmann hat Coca Cola erfunden, lernten wir in Belehrungsstunden und der Nikolaus kann auch nicht überall sein. Das Christkind aber schon. Kriegt nämlich Liebe als Lohn und nicht nur Dressur. Der Nikolaus ist gar keine Frohfigur. In den Siebzigern kaufte Oma mit Süßigkeiten gespickte Ruten und die süßen Rosinenkerle waren eigentlich Stuten. Auf den überfüllten Weihnachtsmarkt treibt es mich bis heute nicht. Bei Karstadt kippte ich um und hin -mein Mund vor Schreck stumm, in Erfüllung meiner Geschenkesuchpflicht und wegen der vielen Leute drumherum. Eine Böse Geschicht. Ein Fremdwort ist so lange fremd bis es mich sucht und Agnostzismus schreit mich nach Glaubensflucht bis auf mein härenes Büßerhemd.
    Weihnachten ist schon etwas Verruchtes.
    Ihr Kinderlein kommet und versucht es.
    Zwinkernde Grüße, an Nikolausi von Gerd Polt denkend. Schon etwas länger her, in der Hörbar, vom WDR.

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    • Im Rheinland kannten wir auch nur das Christkind. Die Figur des Weihnachtsmanns wurde schon im 19. Jahrhundert erfunden, entstanden aus dem Nikolaus, der die braven Kinder beschenkt.. Das heute populäre Design in Rot-Weiß stammt tatsächlich von Coca-Cola.
      Hast du die Karstadt-Episode, die „böse Geschichte“ mal erzählt?
      Zum Thema Fremdwort:
      http://trithemius.de/2007/11/19/teestunde_im_teppichhaus_hubsches_kauder3320921/

      Gefällt 1 Person

      • Nein, die ‚böse Geschichte‘ als mir bei Karstadt zwischen dem Damen-Oberbekleidungs Geschoss und dem Herrenoberbekleidungsgeschoss auf der Treppenstufe die Lichter ausgingen und ich irgendwo eins weiter unten auf dem Treppenabsatz inmitten besorgter Leute wieder zu mir kam, hab ich grad zum ersten Mal erzähltechnisch von mir gegeben. Während Ohnmachten besucht der dem schnöden Körper vorübergehend entflohene Geist ferne Planeten und Dimensionen. Das Aufwachen fühlt sich dementsprechend astronautisch abstrahiert wie eine Marslandung. An den Weihnachtsmann glaubte ich noch nie, bei Nikolaus und Osterhase jage ich streng wissenschaftlich haarscharf hinter der Wirklichkeit her aber das Christkind widersetzt sich hartnäckig all meinen agnostischen Aktivitäten. Es ist einfach nur lieb…

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  2. Herrlich, lieber Manfred und herzlichen Dank, lieber Jules für dieses Türchen. Wir sind uns ja einig, dass es den Weihnachtsmann wirklich nicht gibt. Irgendwas hat ihr in Mittel- und Norddeutschland da falsch verstanden. Zum Glück ist die Himmelspost großzügig und leitet alle Briefe an das Christkind weiter.

    Gefällt 2 Personen

    • In meiner Kindheit, liebe Mitzi, war vom Weihnachtsmann nichts bekannt. Zu uns kam das Christkind. Es half ihm ein Engelchen namens Flöckchen. Das kniff neugierigen Kindern in die Nase, wenn sie vor der Bescherung durchs Schlüsselloch spinksten. In den USA ist der Weihnachtsmann populär geworden durch die Zeitungen. Ein achtjähriges Mädchen hatte im Jahr 1897 an die New York Sun geschrieben und gefragt, ob es einen Weihnachtsmann gibt. Die Antwort des Redakteurs Francis Pharcellus Church war so gelungen, dass sie bis 1950 jährlich auf der Titelseite der Sun abgedruckt wurde. Andere Zeitungen übernahmen die Tradition. In Deutschland soll die Welt am Sonntag den Briefwechsel ebenfalls abdrucken, was ich aber noch nie gesehen habe, da ich die Welt nicht lese. Das Christkind ist durch diese Form des Kulturimperialismus auch in Deutschland in Bedrängnis, vermutlich nur nicht bei euch in Bayern.

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