11. Türchen – Telekinese



Messdienerabend bei Pastor Brendgen, am seltsamsten Ort, den man sich denken kann. Über dem ehemaligen Schweinestall des angrenzenden Krankenhauses hatte der Schweinehirt wohl eine Wohnung gehabt. Schweine und Knecht waren längst weg, der Stall war sauber geputzt, aber der Geruch nach Schweinen hing hartnäckig in den Wänden. Ein Zimmerchen hatte Pastor Brendgen für uns Messdiener herrichten lassen, hatte Bücher und einige Spiele angeschafft. Da war auch ein elektrisches Heizöfchen mit zwei rotglühenden Heizspiralen gegen die Kälte aufgestellt. Auf dem Tisch stand ein Adventskranz.

„Ich habe in Bonn studiert“, erzählte unser Herr Pastor, nachdem er zwei Kerzen am Adventskranz entzündet hatte. Der Kerzenduft konnte den penetranten Geruch nach Schwein beinah vergessen lassen, und es wurde in der Bude fast ein bisschen heimelig. Also, in Bonn habe er studiert. Und wenn er mit der Straßenbahn zur Universität gefahren sei, dann habe er am liebsten ganz an ihrem Ende gestanden und den Passanten hinterher gesehen. Er habe den Leuten konzentriert in den Nacken geschaut, und die hätten sich reihenweise umgesehen. Blicke könne man nämlich spüren. Telekinese! Wir Messdiener sollten das ruhig auch einmal versuchen.

Ich will Geld abheben – an einem dieser seelenlosen Automaten der Sparkasse auf der Limmerstraße. Also, ich betrete hinter einer kleingewachsenen Frau die Kassenautomatenhalle. Einer mit einer grellgelben Radfahrerjacke steht mitten im Weg. Da dreht sich die kleingewachsene Frau auf dem Absatz um und stürmt, mich anrempelnd, wieder hinaus. Indem ich ihr notdürftig ausweiche, stelle ich mich vor die Radfahrerjacke. Ich stehe kaum da, schreit es mir stumm in den Nacken, so dass ich mich umdrehe wie weiland Pfarrer Brendgens Bonner Passanten. Ich sage: „Entschuldigung, ich habe ganz übersehen, dass Sie auch hier anstehen.“ Unversöhnlich deutet er auf seine Jacke und sagt: „Ist ja auch leicht zu übersehen.“
Ironie, verdammt! Ironie und das mir, hier vor den seelenlosen Geldautomaten der Sparkasse! Ein letzter Versuch einzulenken: „Sie stehen so weit weg, dass ich gar nicht glaubte, sie würden an die Automaten wollen.“
„Ich respektiere eben die Privatsphäre der Leute, wie es sich gehört.“
„Wie es sich gehört? Wo ich herkomme, gehört es sich nicht, im Eingang stehen zu bleiben, quasi im Weg rumzustehen, so dass es zu Rempeleien kommt wie eben zwischen der kleingewachsenen Frau und mir, von unerfreulichen Konflikten wie zwischen uns beiden ganz zu schweigen. Überdies liebe ich es gar nicht, wenn einer wie absichtslos im Weg rumsteht, Missverständnisse provoziert, mir sein Missfallen in den Nacken denkt und mir dann auch noch ironisch kommt, obwohl ich mich entschuldigt habe! Was soll ich denn machen, um Sie in ihrem Wahn zu besänftigen? Soll ich mich am Ende komplett für meine Geburt entschuldigen? Mich zu Boden werfen und um Vergebung flehen, derweil sie über mir ihre giftgelbe Ironie versprühen? Das geht doch alles viel zu weit. Sie gehen zu weit. Das ist übergriffig, verstehen Sie!? Kein Wunder, dass man Ihnen in Ihrer Einrichtung eine gelbe Warnweste *) verpasst hat, bevor Sie Freigang bekommen haben.“

Das habe ich natürlich alles nicht gesagt. Auf „… wie es sich gehört“ habe ich nichts mehr entgegnet, sondern mich friedlich hinter ihn gestellt. Aber jetzt habe ich es ihm gegeben – und er wird super schlecht schlafen. Schließlich hat mir ein katholischer Pastor Schwarze Magie beigebracht – überm Schweinestall!

*) womit ich nichts gegen die Gelbwesten in Frankreich gesagt haben will.

12 Kommentare zu “11. Türchen – Telekinese

  1. Vielleicht wäre ein „Oh, das Gelb ihrer Weste ist so ausgebleicht, vielleicht sollten Sie es mal nachstreichen“ die passende Antwort. Zumindest hätte man kurzfristig einen neuen Feind in seinem Leben.

    Es gibt auch die andere Seite. Ich höre immer an mich gerichtet den Ausspruch „Oh, ich habe Sie gar nicht gesehen“, wenn ich die Rangfolge der Wartenden mit dem Vordrängler abkläre, weil sich jemand einfach vor mir platziert, als wäre ich nicht existent, ein Geist, unsichtbar. Oder „Ich habe es eilig, es macht Ihnen doch nichts aus, wenn Sie mich vorlassen, oder?“ hatte ich auch schon gehört, in einer Warteschlange von sieben Menschen. Die Person, die sich an mir ungefragt vorbei schob, war damit auf Warteplatz #6. Und sie tat auch nichts mehr, sich weiter vorzuschieben. Ich war verwundert, als die Person den Warteplatz #1 verließ, sie sich kurz umdrehte und mir noch ein „Danke“ sagte, bevor sie an den Postschalter trat. Manchmal ist es mir auch egal, wenn sich jemand einfach vor mir stellt, weil die Person meint, sie habe das hochwohlgeborene Naturrecht dazu. Vielleicht weiß die vordränglende Person auch, dass sie noch vor Mitternacht sterben muss, drängelt deshalb vor, weil sie hellsichtig sah, dass ich selber erst zwei Stunden später als jene versterben werde. Dann hat sie freilich das Recht auf effizient und effektiv genutzte Lebensrestzeit vor allen anderen Menschen dieses Globus …

    Aber – auch ganz klar von mir hier geschrieben – die Mehrheit der „Vordrängler“ sind es überhaupt nicht so. Sie haben sich einfach nur in der Beurteilung der Lage geirrt. Lediglich Ironie, das ist die miese Reaktion als Antwort. Es könnte aber auch die normale sein, falls jemand meint, dass generell jeder andere Mensch schlechten Charakters sei und man nur selber anständig „wie es sich gehört“ …

    Gefällt 1 Person

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