8. Türchen – Stromberger Schweiz – Die Invason der Weihnachtsgänse



„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.“ Wer sich diese Kalenderweisheit ausgedacht hat, der trage mal beim Radfahren Tage hintereinander eine Regenjacke, so dass er immer wieder nass von außen wird wie von innen. Und wer wollte behaupten, dass ihn gleichgültig lässt, ob die Welt lichtdurchflutet ist oder regengetränkt und nebelverhangen? Wenn man bei Regen durch ein Waldstück fährt, droht der Trübsinn, denn es ist einsam und duster unter tropfenden Bäumen. Die Wege sind aufgeweicht, die Reifen schmatzen durch Schlamm oder tauchen in unwägbar tiefe Pützen. Der Rollwiderstand ist höher, vor Kurven muss man abbremsen, dahinter wieder beschleunigen, kurzum, eine Regenfahrt kostet mentale und physische Kraft.

Aus einem asphaltierten Waldweg kreuzt ein neuer VW-Kleinbus mit Hamburger Nummer, ein Mietwagen, vollbesetzt mit Männern, die mich hohläugig anschauen. Vielleicht eine Drückerkolonne, die auf einem Waldparkplatz übernachtet hat? Sie sind jedenfalls nicht auf Vergnügungsreise. Bis Rheda-Wiedenbrück sehe ich sonst keinen Menschen. Dort weisen die Fahrradwegweiser allesamt zum Schloss Rheda, und da geht es nicht weiter. (…) Nach kleiner Irrfahrt sehe ich eine Polizeistation, gehe mein Sündenregister durch, aber da ich derzeit sauber bin, betrete ich das Gebäude und frage nach einer Radfahrstrecke Richtung Soest. Ein unglaublich zerknautschter Polizist in Zivil ist froh über die Abwechslung, verlässt seinen Schreibtisch, geht mit mir nach draußen und zeigt mir den Weg. „Wo der Amischlitten parkt, da biegen Sie ein, am Kreisverkehr Richtung St.Vit und fahren weiter nach Stromberg!“, weist er mich an, und ich folge. Nach Stromberg geht es steil bergauf. Mein Gepäck will das nicht und macht sich schwer. Ich habe versäumt, die Regenjacke auszuziehen und bin darunter klatschnass, als ich oben in Stromberg ankomme. Hier solle ich noch mal fragen, hat mir der Polizist geraten. Ich spreche einen Mann an, der auf dem Weg in eine Reinigung ist. Oja, er kennt eine schöne Strecke, nämlich durch die Stromberger Schweiz.

Da fährt er manchmal mit seiner Frau. Da käme ich an einem Bauernhof mit einem eisernen Windrad vorbei, dann links und rechts und links, nein rechts, da gehe es den Berg hinunter, irgendwann käme auf der Ecke eine Autowerkstatt, aber das sei schon außerhalb der Stromberger Schweiz, an deren Anfang der besagte Bauernhof liegt, ich führe rechts dran vorbei, an der nächsten Kreuzung dann wieder links, oder ich könnte da auch rechts fahren und erst später links abbiegen. Während seiner interessanten Wegbeschreibung, bei der wir die Stromberger Schweiz von hinten bis vorne durchstreifen, tropft mir unentwegt der Schweiß von der Stirn. Nach einer Viertelstunde stehe ich in einer Lache. Inzwischen haben wir uns hoffnungslos in der Stromberger Schweiz verirrt, und er ist beinah so durcheinander wie ich, als ich mein Fahrrad entschlossen Richtung Stromberger Schweiz lenke.

Mehrmals sehe ich den Bauernhof und sein eisernes Windrad, mal in der Ferne zu meiner Rechten, dann fahre ich links vorbei, wieder rechts, drehe auch mal eine Ehrenrunde auf dem Hof. Menschen zeigen sich nicht, aber viele Kühe. An einer Wegkreuzung sinke ich orientierungslos auf eine Bank, und die Kuh Nummer 31 gesellt sich zu mir an den Zaun. Solche Gesellschaft ist besser als gar keine. Eine seltsame Farbe und Konsistenz haben die hiesigen Gletscher. Sie sind dunkelgrün, und wenn ich nicht mitten in der Stromberger Schweiz wäre, würde ich denken, es sind Kuhfladen. Die Sonne lugt kurz durch ein Wolkenloch und zeigt mir die Himmelsrichtung. Sofort hebt sich meine Stimmung.

Auf einer Anhöhe liegt ein Gehöft. Vor ihm erstreckt sich den Hang herab eine Hauswiese, groß wie zwei Fußballfelder. Auf dieser Wiese stehen unzählige Gänse. Wäre das eine feindliche Heerschar, die Stromberger Schweiz würde sofort ihre Neutralität erklären. Oben lagern die Gänse dicht an dicht und bilden einen weißen, dräuenden Wall vor dem Haupthaus, als könnten sie ihr Schicksal nicht erwarten. „Brav“, denkt der Bauer, „die Backröhre ist warm, und eure Daunen haben Aussicht auf ein trockenes Bett.“ Manche Gänse hängen trotz des trüben Wetters noch am Leben, und so ergießt sich ihre weiße Flut über die Hangwiese bis zum Fahrweg hin. Sogar das angrenzende Maisfeld haben sie okkupiert, stehen da einfach nur rum oder haben sich trotzig in Schlammpfützen gelegt. Ich will ihr Schicksal nicht lapidar übergehen.
Spätestens vor Weihnachten wird die gesamte Heerschar ihr Leben lassen müssen. Eine Gans nach der anderen wird kaltgemacht. Afmaken heißt das Töten im Niederländischen. In afmaken steckt für mich die ganze Brutalität des Vorgangs, der jetzt schon beschlossene Sache ist, weil manche Leute kein Weihnachten haben, wenn sie keine Gans auf den Tisch bringen können. Wer von denen wollte herkommen und seine Gans afmaken, das prächtige Weiß ihrer Federn mit Blut besudeln?

Naja, ich muss weiter, neuer Regen droht. Als ich in die Landstraße einbiege, fehlt auf der Ecke die Autowerkstatt. Aber ich will nicht in die Stromberger Schweiz zurück, um sie zu suchen. Autowerkstätten findet man auch außerhalb der Schweiz. Nur schade, dass während der ganzen Zeit meiner Irrfahrt kein einziger Alpenjodler zu hören war.

    Der Text ist ein leicht überarbeiteter Auszug aus meiner Reisedokumentation mit dem Fahrrad von Hannover nach Aachen. Wer mehr lesen möchte, die „Pataphysikalischen Geheimpapiere“ (Dokumentation und Leseprogramm) gibt es als E-Book, wie alle Bücher zu finden oben unter dem Reiter „Weihnachtsbasar“

14 Kommentare zu “8. Türchen – Stromberger Schweiz – Die Invason der Weihnachtsgänse

  1. Da warst du ja im Kreis Warendorf unterwegs. Stromberg gehört zu Oelde und ist in der Region für die Stromberger Pflaume bekannt. Ich habe es gerade noch mal nachgelesen: ca. 15.000 Pflaumenbäume. Für mich interessanter ist das Kulturgut Haus Nottbeck mit dem westfälischen Literaturmuseum. Der Begriff Stromberger Schweiz war mir allerdings neu.

    Gefällt 1 Person

    • Offenbar streifte meine Route dann deine Wahlheimat. Leider kannten wir uns damals noch nicht. Sonst wäre eine Begnung hübsch gewesen. „Stromberger Pflaume“ nie gehört. Nahe Gütersloh gab es in einer Bäckerei „Pflaumenzungen“, was ich auch noch nie gehört hatte. Im Bild: Die Stromberger Schweiz und mein Fahrrad. Fahr mal hin. Man kann sich gar nicht verfahren 😉

      Gefällt 2 Personen

  2. Was für ein Bericht. Und mir kamen Erinnerungen an meine allererste Rennradtour. Die ging von Gütersloh nach Stromberg. Mein Rennrad, das unbekannte Wesen! Am Anstieg verschaltete ich mich prompt und da ich noch völlig ungeübt in den vielen Gängen und mit dem Umgang der Schaltung war, schaffte ich es nicht hoch. Das war natürlich bitter. Doch Stromberg fand ich schön, das Dorf auf der Anhöhe mit den vielen Pflaumenbäumen. Einmal war ich im Frühherbst zum Pflaumenfest, dieses Mal schaffte ich es, richtig zu schalten, hatte inzwischen Übung. Im Frühherbst lag über der Anhöhe tatsächlich ein pflaumenblauer Schimmer. Wohl wegen der vielen Bäume. Ohne Rennradkumpel hätte ich mich hoffnungslos verfranzt. Und Du bist noch zusätzlich mit 20 kg da hochgekrabbelt…wow kann ich dazu nur staunen….
    Einen schönen zweiten Advent wünsche ich Dir 💫

    Gefällt 1 Person

    • Vom Ort Stromberg habe ich leider nicht viel gesehen und auch nichts von den vielen Pflaumenbäumen, von denen Manfred geschrieben hat. Ich war froh, zugüg durchzukommen, denn es hat ständig geregnet. So geriet ich kurz vor Soest in den schlimmsten Wolkenbruch, den ich je erlebt habe. In Gütersloh hatte ich übernachtet und hab da schön in der Weberei gesessen. Für meine durchaus boshaften Gütersloh-Impressionen, damals bei twoday veröffentlicht, wurde ich von den Weberei-Betreibern gelobt. Freilich hatte ich die Weberei als einziges positiv dargestellt.
      Heute würde ich die Tour nicht mehr schaffen, bin ja durch Infarkt und Schlag ziemlich zurückgeworfen. Aber Kraft und Kondition will ich wieder aufbauen, denn mein Freund und Mentor Rudolf hat vorgeschlagen, im nächsten Jahr eine Radtour durchs Alte Land zu machen. Am besten gehts, wenn man ein Ziel hat und später nicht allein unterwegs ist.
      Heute verfranst man sich eher nicht mehr, weil doch fast jeder ein Smartphone mit Navi hat. Aber ich habe immer gerne Leute angesprochen und nach dem Weg gefragt.
      Dankeschön für deinen Kommentar. Ich wünsche dir auch einen schönen 2. Advent.

      Gefällt 1 Person

      • …Auch ich bin heute, nach den beiden schweren Radunfällen nicht in „alter“ Form. Ob ich heute über Berg und Tal 80 Kilometer hin und zurück schaffen würde und dann noch mit der Steigung, weiß ich nicht. Versuchen würde ich es auf alle Fälle und inzwischen habe ich über das Bergeklimmen dazu gelernt. Du fährst noch mit Gepäck. Aus niederrheinischen Zeiten erinnere ich mich noch wie es war (im Flachland!) mit zwei Satteltaschen und Fahrradkorb vorn voll beladen oder mit meiner Tochter hintendrauf im Kindersitz durch die Gegend zu strampeln. Und das war Strampelei. Und Du fährst mit Gepäck die Strombergsteigung hoch und dann auch noch im strömenden Regen. Wow. Dein Vorhaben, eine Radtour durch das Alte Land zu machen, klingt sehr verlockend. Wenn Ziele locken, kann man sie besser ansteuern. Und wenn ich mal wieder einer Orientierungslosigkeit zum Opfer falle, frage ich allemal viel lieber Leute nach dem weg als dieses in Funklöchern eh ohne Empfang aufgeschmissene Wischding. Ich habe mir vor zwei Jahren sogar einen gebrauchten Garmin bei Ebay geschossen. Um mir schöne Radrouten damit auszubaldowern und sie später abzufahren…. Doch ich bin anscheinend zu dumm um zu verstehen, wie man damit Routen programmiert. Das muss ich noch üben oder jemanden finden, der sich damit auskennt. Sehr schön, deine Erlebnisse und sie führen von Höckscken zu Stöcksken. An Deine Gütersloh-Impressionen erinnere ich mich. Da kannst Du mal sehen, denn ich erlebte diese Stadt ganz anders. Allerdings war ich zu dieser Zeit bis über die Ohren verknallt. Gütersloh erholt sich noch von meinem rosaroten Wattebäuschchen-Bewurf. 🙂

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.