7. Türchen – Dreckiges Braun, fast Schwarz



Da kniet der Bettler, und er hat sich einen schlechten Platz gesucht. Elend ist er, und der fleckigste, schäbigste Ort auf dem Trottoir, eine Stelle, die du nicht mit deinen Füßen treten magst, dieser Platz ist ihm recht für seine Knie. Es hilft ihm nicht, dass er sich noch kleiner und dürftiger macht als er ist. Man hastet vorbei und wendet den Blick.

Was wäre, frage ich dich, der du an einen Jesus glaubst und am Heiligabend seiner Geburt gedenkst, was wäre, wenn es stimmt, was manche Texte behaupten. Was wäre, wenn Jesus mit Maria Magdalena einen Sohn gezeugt hätte? Was wäre also, wenn der elende Bettler, um den du gerade einen Bogen machst, was wäre, wenn er ein Nachfahre von Jesus wäre? Das wäre doch irgendwie ärgerlich und peinlich.

Doch ich will mich nicht darum bekümmern. Denn habe ich nicht meinen eigenen Packen zu tragen? Du stammst von Jesus ab, elender Mann? Schön für dich, dann solltest du dich glücklich schätzen. Soll doch der himmlische Gott sich um dich kümmern und um all die anderen, die ächzen und stöhnen. Denn sieh mal, ich bin mein eigener Gott. Ich muss sehen, dass ich mich in der Welt der anderen egomanen Götter bewähre. Es ist eine raue Welt, obwohl sie nichts mit der schmutzigen Lache zu tun hat, in der du kniest. Doch sie ist nicht weniger kümmerlich als deine. Und weil ich nicht auf irdische Geschenke und göttliche Gaben hoffe wie du, deshalb ist meine Welt ohne Trost.

Glaubst du noch an soziale Gerechtigkeit? Es ist zynisch, wenn ich gerade dich frage. Und gefährlich für meinen Seelenfrieden ist es auch. Nimm dich in Acht, dass dich heute keine Rüpel erwischen, die eine neue Gewaltszene für ihr Smartphone brauchen. Denk dir nichts dabei, dass man dich noch tritt, wenn du am Boden liegst. Sie können nichts dafür. Man hat ihnen das Mitfühlen nicht beigebracht. Es wird mal in der Schule davon gesprochen, auch von den Kanzeln herab wird es gepredigt. Doch meist ist es nur Lippenbekenntnis, verständnisloses Brabbeln ohne rechtes Beispiel. Denn am Beispiel lernt der Mensch. Und wenn auch hier und da die guten Beispiele zu sehen sind, so geht es ihnen doch wie den hellen Farben, die man mit dunklen zusammengießt. Die dunklen setzen sich durch, es kommt nur ein dreckiges Braun, fast Schwarz dabei heraus.

Nur einen Trost habe ich für dich. Gelegentlich, man mag es nicht glauben, wenn du Glück hast, dann findest du Menschen mit Wärme im Herzen. Menschen, für die Altruismus kein Wort ist, das sie im Kreuzworträtsellexikon nachschlagen. Doch sie sind schwach, denn sie sind vereinzelt, wie vom Wind vertrieben. Und darum kannst du nur ein Almosen von ihnen erwarten. Nur wenn sie Verbindung zueinander aufnehmen, würde sich vielleicht auch dein Los ändern. Doch darauf warte lieber nicht. Es könnte noch eine Weile dauern.

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20 Kommentare zu “7. Türchen – Dreckiges Braun, fast Schwarz

  1. Gefällt mir sehr, stilistisch ganz anders als vieles was du sonst so schreibst. Das as Thema bewegt dich offensichtlich auch sehr. Vielleicht wiegen unsere Buchstaben mehr als 20 Cent? Vielleicht wirken sie als Katalysator? Wäre das ein Trost…?

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    • Dankeschön. Den Text habe ich vor über zehn Jahren geschrieben. Damals hat mich das Thema mehr bewegt. In den letzten Jahren war ich zu sehr mit mir und meiner Genesung beschäftigt. Auch für mich ist die Besinnung gut. Dass Worte ein Katalysator sein können, daran zweifelte ich damals nicht. Es gibt am 20. einen ähnlichen Text. In der Vorbemerkung sage ich, warum sich der Trost nicht eingestellt hat.

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  2. Trostlos…nein, da gibt es nur keine Ausreden mehr, keinen Verweis auf ein Jenseits. Was wir nicht tun, wird nicht getan. Du hast Recht, es gibt zu wenige…nein, ich glaube, dass stimmt nicht. Menschen sind zu allem fähig. Im Bösen, aber auch im Guten. Alles ist möglich.

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    • Als ich das schrieb, habe ich den neoliberalen Ungeist noch unterschätzt, der die Hirne der Menschen vernebelt. Inzwischen ist ja schon die Verachtung von Armut zur allgemein angenommenen Doktrin geworden. Verächtlich mit den Schwachen in unserer Gesellschaft umzugehen, gilt nicht mehr als böse, und wenn in der ZEIT allen Ernstes diskutiert wird, ob man die Flüchtlinge im Mittelmeer besser ertrinken lassen sollte, ist offenbar auch der Kompass für das Gute verloren gegangen.

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  3. Ein sehr schöner Text. Für den Dezember, aber auch für jeden anderen Tag. Beschämend lässt er einen zurück. Ob es einen Nachfahren Christus für diese Gedanken braucht….vielleicht. Schön, dass du, lieber Jules, mit ein wenig Hoffnung endest. Ob sie berechtigt ist. Ja. Sonst könnten wir es ja gleich lassen.

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    • Dankeschön, liebe Mitzi. Nach euren positiven Reaktionen bin ich froh, den Text wieder hervorgekramt zu haben. Er weist mir ehrlich gesagt selbst den Weg, den ich ein bisschen aus dem Blick verloren hatte, weil ich so lange mit meiner Wiederherstellung beschäftigt war.
      Und Hoffnung ist, so lange solche Texte wie der hier noch positiv aufgenommen werden.

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  4. Lieber Jules,
    Wer wartet, der erwartet. Besser ist es, in Bewegung zu bleiben. Bei ‚Bettler‘ denke ich zuerst an Bettlerehre. Einige lernte ich kennen, sie erzählten mir ihre Geschichten. Viele waren voller Leid, einige jedoch erzählten von Freiheit und Selbstbestimmung jenseits der Konventionen. Einige davon sind Fahrende, Tippelbrüder, von Job zu Job unterwegs und zwischendurch auch auf Gaben anderer angewiesen. Welche sitzen und arbeiten während sie für einen Hungerlohn betteln. Sie sind professionelle Ausgebeutete. Ihr Leid wiegt deshalb nicht leichter, ist nicht weniger als das Leid derer, die soziales Pech erlebten, Schicksalsschläge, an denen sie zerbrachen.
    Einen zogen sie aus unserem Ententeich, zu besoffen zum Schwimmen und da ist es wieder, dieses erbärmliche Gefühl, versagt zu haben an einem, der noch zu rettten gewesen wäre? Wieder so ein armer Teufel tot, ersoffen im Teich, es ist doch ein Elend, was meinen Sie?, fragt mich die dünne Frau im Bus, wir quetschen uns auf einen Platz für dreifache Portionen Mensch. Doch, sie ist Wärme, wenn ihre Augen mich dabei traurig anschauen, oder? Ihre Seite kuschelt dabei meine.
    Es lohnt sich die Verwehten zu suchen, zu finden, festzuhalten, ganz leicht oder herzlicher, wie es grad gut passt. Sie sind ja da. Leise und dennoch laut, weil ihre Aussagen klarer sind und nichts heucheln. Es sind die, die im Café zwei Brötchen bezahlen und nur eins essen. Die einen Kaffee für jemanden aufschieben oder die auf den Cappuccino verzichten und das Geld Benno, dem Pfandsammler schenken.
    Ein toller Text…
    Danke schön und liebe Grüße ✨

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    • Liebe Fee,
      die Selbstbestimmten, Fahrenden sind hier sicher nicht gemeint. Sie haben ihre Kultur und ihren Zusammenhalt, erkennbar an den Gaunerzinken und ihrer Sondersprache Rotwelsch.Der Bettler hier steht exemplarisch für den ohne Chancen. Es ist gut, dass du auf die professionell Ausgebeuteten hinweist, die modernen Sklaven, die sich unsere Gesellschaft auch noch leistet. Almosen sind gut, doch gesellschaftliche Strukturen , die ein Almosenwesen wie das der Tafeln nötig machen, sind nicht gut. Da lässt sich was machen. Ich bin heute froh, dass die CDU uns den unsäglichen Friedrich Merz erspart hat.
      Entmutigen will ich nicht, sondern hoffe wieder, etwas bewegen zu können.
      Dankeschön für Lob und Kommentar und lieben Gruß!

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