6. Türchen – Nikolaus, Hans Muff und wie der dicke Kalkmann meinen Glauben niederrang



Meine Großmutter Katharina hatte am 25. November Namenstag. Den feierte sie stets an einem Samstag im Dezember, und zwar im „guten Zimmer“ zur Straße hin, das nur für besondere Anlässe genutzt wurde. Da war kaum Platz genug für die Großfamilie, – Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen. Doch diese drangvolle Enge hatte etwas ungemein Behütendes. Einmal fiel die Namenstagsfeier genau auf den 6. Dezember. Man saß bei Kaffee und Kuchen, später bei Heringssalat, Kartoffelsalat und Schnittchen, es wurde geschmaust und getrunken. Die Luft war voller Zigarrenrauch, Essensdüfte und dem Dunst von Körnchen. Das Stimmengewirr, ein einziger Chor des sozialen Geräuschs. Hatte einer eine gute Geschichte erzählt, dann hieben meine Onkel lachend ihre schweren Männerhände auf den weiß gedeckten Tisch, dass die Schnapsgläschen hüpften. Nur Großvater saß völlig unbeteiligt in seinem Lehnstuhl in der Ecke und trug zur fröhlichen Stimmung den Zigarrenrauch bei. Mittendrin wir Kinder, meine beiden Geschwister, meine Cousine und ich. Manchmal schlichen wir uns raus in den kalten Flur zu den Mänteln und Hüten an der Garderobe und verkleideten uns. Ui!, war das ein gutgelauntes vielstimmiges „Hallo“, wenn wir uns wieder unter die Erwachsenen mischten. Da blieb es nicht aus, dass man uns die Reste aus den Schnapsgläschen trinken ließ. „Stätzje drenke“ heißt es auf Kölsch. Aber ich meine, dass es bei uns „Urze drinke“ hieß.

Mit einem Mal sagt meine Großmutter, sie müsse jetzt die Fensterläden schließen und geht hinaus auf die Straße. Alle verstummen, und in der plötzlichen Stille ist zu hören, wie meine Großmutter mit gespieltem Erstaunen ruft: “Guten Abend, Herr Nikolaus!“ Und schon bringt sie einen späten Besucher ins gute Zimmer. Der Nikolaus trägt einen mächtigen weißen Bart über dem Bischofsgewand, hält ein großes Buch mit Goldschnitt unterm Arm und eine Rute in der weiß behandschuhten Rechten. Das gebietet Respekt. Da hilft es nichts, dass die Mitra auf seinem Kopf verdächtig einem Kaffeewärmer ähnelt. Wir Kinder erstarren, allerdings nicht seinetwegen. Zu seinen Stiefeln kriechend drängt sich ein kohlschwarzer Unhold ins Zimmer, ein Wesen in Ketten, gleich einem Höllenhund. Hans Muff faucht wüst in die Runde, und es wäre gewiss um mein klopfendes Herz geschehen, spräche St. Nikolaus nicht ein Machtwort, das da lautet: “Still, Hans Muff!“ Da kriecht der schwarze Unhold unter den Tisch, weshalb alle die Füße zurückziehen. Ein ums andere Kind wird vor den Nikolaus gezerrt und muss sich vor allen Ohren die guten und schlechten Taten anhören, die der Nikolaus aus dem Buche liest. Und bei jeder verlesenen Übeltat schießt Hans Muff kettenrasselnd unter dem Tisch hervor und grabscht nach zitternden Beinchen. „Hier steht, dass du deinen Teller nie leer essen willst“, sagt der Nikolaus mir streng, worauf sich der Hans Muff kaum noch beruhigen will. Da gelobe ich, auf immer alle meine Teller leer zu essen, und an dieses Versprechen bin ich jetzt mein Leben lang gebunden. Solche Erfahrungen brennen sich ein in eine Kinderseele. Das wirst du nicht mehr los. Der Katholik wird mit Angst und Drohungen fromm gemacht.

Mein Glauben an den kirchlichen Mummenschanz wurde ein Jahr später nachhaltig erschüttert. Der Kindergarten wurde von strengen Nonnen geführt. Natürlich bestellten auch sie den Nikolaus mit Hans Muff ein, von ihnen „Knecht Ruprecht“ genannt. Der heilige Mann kam und las unseren verstockten Sünderherzen die Leviten, immer attestiert vom schrecklichen Hans Muff. Nachdem die beiden gegangen waren, drängten wir uns alle an den Fenstern zum Garten und sahen den beiden froh hinterher, denn solche Herrschaften sieht man lieber von hinten. Am Törchen unten warteten einige Schuljungen. Der dicke Kalkmann war auch dabei. Als der Nikolaus sich ihnen näherte, begannen sie zu feixen. Da klirrte Hans Muff mit der Kette und sprang den dicken Kalkmann an. Es geschah das Ungeheuerliche. Der dicke Kalkmann lief nicht weg, sondern blieb einfach stehen, packte sich Hans Muff, nahm ihn in den Schwitzkasten und rang ihn zu Boden. Dabei zog er ihm auch seine schwarze Verkleidung auseinander, und zum Vorschein kam eine Mönchskutte. Da wusste ich, es ist alles nur Mummenschanz und das nährte den Verdacht, der ganze Glaube wäre Mummenschanz.

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24 Kommentare zu “6. Türchen – Nikolaus, Hans Muff und wie der dicke Kalkmann meinen Glauben niederrang

  1. Hui, dass sich diese Erlebnisse eingebrannt haben, kann ich mir sehr lebhaft vorstellen!
    Es gibt/gab genau einen Hund den ich wirklich ins Herz geschlossen habe, und der war weiß. (ist das ist vielleicht rassistisch?) und die Sache mit dem Nikolaus… Puh, Belustigung der Erwachsenen an der Angst der Kinder. Sehr zweifelhaft…
    Aber danke für die Einblicke in deine Kindheit, ich muss jetzt erstmal lüften 😉

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      • Ich hatte mich schon gewundert über deine Hunde-Assoziation. Im Text steht „… ein kohlschwarzer Unhold, ein Wesen in Ketten, gleich einem Höllenhund.“ Gemeint ist schon Menschengestalt. Ich habe gelernt, dass der „Hans Muff“ im Süden „Krampus“ heißt, woanders „Knecht Ruprecht“, in den Niederlanden „De zwarte Piet“, wo er fälschlich als Mohr auftritt, denn eigentlich ist damit der Teufel gemeint, dessen Name ja nicht genannt werden darf.

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        • Oh 🙂 ja, in meinem Kopf war es ein gruseliger schwarzer Wolfshund (unter dem Tisch) und ich hab mich schon gewundert, wie der Hund Lob und Rüge auseinander halten und dann passend bellen kann! Und warum er einen so seltsamen Namen hat… 🙂
          Als Knecht Ruprecht kenn ich die Figur natürlich. Von draus vom Walde komm ich her…
          So, genug Verwirrung erzeugt heute, schönen Tag dir!

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    • Es gibt den Hans Muff nur im Rheinland. Doch der Kinderschreck hat wohl eine lange Tradition. Und nicht nur die Kirche bediente sich der Drohpädagogik. Denke nur an Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder ans bittere Ende von Max und Moritz. Ich erinnere mich an die wohltuende Umkehr der Machtverhältnisse durch F.K.Waechters Anti-Struwwelpeter.

      Danke fürs Lob.

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  2. Ich werde mich heute Abend, wie alle Jahre wieder, in mein Nikolauskostüm schmeißen. Die Kinder haben allerdings schon angekündigt, dass Theater nicht mehr länger mitzumachen, wenn ich wieder mit ihren angeblichen Verfehlungen des letzten Jahres anfange. Das wäre voll uncool. So geb ich halt den wertschätzenden basisdemokratischen Märchenonkel. Knecht Ruprecht wurde in unserer Familie schon vor ca. 50 Jahren in Rente geschickt. Meine Mutter war nähmlich auch mit wenig Begeisterung auf einer Nonnenschule gewesen.

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  3. Komisch, ich kannte „Hans Muff“ auch nicht, und stellte mir nach Deiner Beschreibung auch irgendwas Hundeähnliches vor. „Krampus“ und „Knecht Ruprecht“ sind mir allerdngs bekannt – und menschlich.
    Zum Glück war der Nikolaus bei uns nur jemand, der nachtes heimlich kam und sofort wieder verschwand. Und er hatte außerdem mit „dem ganzen Glauben“ gar nichts zu tun. Er zählte wie der Osterhase und der Weihnachtsmann für uns zu den Kindergeschichten. Und war darum nicht gefährlich.

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  4. so mit 16,17,18 zogen mein alter schulfreund boris und ich als krampusse los, um schreiend, ketterasselnd mit geschwärzen gesichtern und in fellen gekleidet, geschwister- und nachbarskinder zu beunruhigen. für uns wars ein grosser verkleidungsspass und die bayerischen mamas und papas belohnten uns für die wilkommene erziehungshilfe mit hochprozentigem und selbstgebackenen. nikolaus ist doch albern;) schönes türchen!

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  5. Der Nikolaus kam zu uns nie herein. Es gab zwar in der Bauernschaft einen, der die Rundreise machte und in jedem Hof einkehrte und zur Belohnung sich Selbstgemachten anbieten ließ.
    Aber zu uns kam er nicht. Die Nachbarschaft wollte es nicht. Das hatte mit dem Flüchtlingstatus meines Vaters zu tun. Er gehörte nicht zur Bauernschaft. Mit seiner Frau blieb er ein Trabant, der immer wieder versuchte auf dem Planeten „Nachbarschaft“ zu landen. Aber was kann man schon machen, wenn beim Landeanflug des Trabanten jedesmal der Planet schnell ausweicht. Dann landet man halt bei denen nicht.
    Stattdessen war der Nikolaus immer nur imaginär. Heute würde dafür eher das Wort „virtuell“ verwendet.
    Er kam, reihte die Geschenke im Wohnzimmer auf, ordentlich neben einander, für jede Person der Familie sauber getrennt und verschwand dann wieder, völlig ungesehen. Und mein Bruder und ich wurden in das kerzenerleuchtete, lebkuchenduftende Wohnzimmer geführt und dann gab es nach dem Nikolauslied die erste Bescherung im Dezember.
    Nur einmal fiel sie aus. Wir beide waren „total unartig“ die Zeit zuvor. Ja, wir waren wirklich schwer zu ertragen. Der Nikolaus, so verkündeten uns daher unsere Eltern mit dunkel unfreundlicher Miene, wäre nicht gekommen, weil wir so unartig gewesen seien. Kein Krampus, kein Knecht Rubrecht oder Hans Muff waren weit und breit. Nur die eindeutige Ansage unserer Eltern. Wir gelobten daher mehrfach Besserung.
    Zumindest kam dann der andere Geist, der nirgends Spuren im Schnee hinterließ, der mit seinen materiellen Geschenken durch Wände und Türen gehen konnte. „Christkind“ nannte sich der Geist der Heiligen Weihnacht. Und wenn wen niemand zu Gesicht bekommt, der wird einem dann auch unbedeutend. „Nikolaus“ oder „Christkind“ konnten im Laufe der Jahre schweben, wohin sie wollten, es war uns egal. Sollten sie in rente gegangen sein, es war uns egal. Wir selber waren inzwischen alle „Nikolaus“ und „Christkind“ und erfreuten uns selber dran, andere zu beschenken und zu beschenkt werden.
    Lang ist’s her.

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    • Danke für deinen Kurzbericht. Ich habe als KInd erlebt, wie unsere Dorfgemeinschaft gegen die Vertriebenen, die sogenannten Flüchtlinge Front mnachte und kann gut nachvollziehen, was du berichtest. Es muss schwer gewesen sein für deine Eltern. Aber sie haben offenbar ihre eigene Tradition begründet und euch Kinder nachhaltig positiv beeinflusst.

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