„O Tannenbaum“ und die schnöde Wahrheit

Kürzlich habe ich gestaunt darüber, dass es einen Verband der Weihnachtsbaumerzeuger gibt. Gestern habe ich in einer NDR-Reportage einen solchen Weihnachtsbaumerzeuger gesehen. Beim Zeugungsakt wurde er nicht gezeigt. Wohl war zu sehen, wie das „Pflanzbett“ bereitet wird. Man sah ihn aber nicht im Frühjahr lustvoll auf dem Acker liegen und den Samen in die Erde einbringen. Das Pflanzbett ist einfach zu groß. Es wird auch nicht besamt, sondern maschinell mit kleinen Homunkuli, den Setzlingen aus der Baumschule, bepflanzt.

Um das Verständnis zu wecken für den stattlichen Preis eines Weihnachtsbaums wurde in der Reportage gezeigt, wieviel Arbeit nötig ist, perfekte Weihnachtsbäume zu ziehen wie der Kunde sie wünscht, also mit dichtem Gezweig und gleichmäßig kegelförmigem Wuchs. Das Ernten durch osteuropäische Erntehelfer, also das finale Absägen, in Netze packen und Verladen ist lang nicht alles.

Weihnachtsbäume wachsen nicht einfach so. Sie sind ja natürliche Wesen, einfach Nadelbäume, haben begonnen als Samen aus dem Kaukasus, gekeimt in der Baumschule, und während sie in Reih und Glied im norddeutschen Acker aufwuchsen, hatten sie keine Ahnung davon, dass ihr Leben nach zehn Jahren enden wird, weil ihnen eine Existenz als Weihnachtsbaum zugedacht ist. Demgemäß müssen sie im Verlauf ihres Wachstums in die Weihnachtsbaumform gekappt und gezwackt werden. Stolz erklärte ein Weihnachtsbaumerzeugervorarbeiter, wie er das bewerkstelligt, natürlich nicht alleine, sondern mit einer Schar zu beaufsichtigender Mitarbeitern inmitten eines Weihnachtsbaumackers von der Größe von fünf Fußballfeldern. Den ersten Formschnitt bekommen die heranwachsenden Weihnachtsbäume mit der Motorheckenschere. Später kommen Männer mit Macheten. Der Vorarbeiter nahm einem die Machete ab und zeigte, wie den jungen Nordmannfichten die Spitzen abgeschlagen werden, die sie zu frech nach außen treiben. Auch das Höhenwachstum wird eingedämmt. Und zwar wird der Stamm mit einer dornigen Zwackzange dreimal verletzt, um den Fluss der Lebenssäfte nach oben zu verhindern.


Wer wie ich mit seiner Zimmerpalme redet, mag die brachiale Gewalt gegen die Natur nicht. Sie liegt auf einer Linie mit der betäubungslosen Ferkelkastration, dem Kükenschreddern und der tierärztlich geduldeten Tierquälerei in den Schlachthöfen. Mir hat die Reportage über die industrialisierte Weihnachtsbaumproduktion alle Illusionen genommen, von wegen „O Tannenbaum“, bei winterlicher Kälte aus dem verschneiten Tann geholt, auf den Schlitten gebunden und froh nach Hause gezogen. Bald werden wieder die osteuropäischen Wanderarbeiter frierend in Drahtkäfigen warten, um Nordmannfichten aus Monokulturen zu verkaufen – für den fadenscheinigen weihnachtlichen Glanz, der spätestens zum St.-Knuts-Tag ganz schnöde mit dem Hinauswurf der abgeschmückten Bäume endet.

In der Straßenbahn saß mir gegenüber ein kleiner alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und Altersflecken auf der hohen Stirn. Die schlohweißen Haare hatte er akkurat nach hinten gekämmt. Er trug einen Rautenpullover, darüber ein dunkelbraunes Jackett, an den Beinen hatte er eine hellbraune Hose mit Kniff. Seine Füße standen in braunen etwas abgelatschten Halbschuhen. Mit Todesverachtung schlug er eine Zeitung auf und begann halblaut zu kommentieren, was er las. Dann sah er auf und sagte: „49 Prozent der Deutschen haben keinen Weihnachtsbaum, steht hier. Ich habe noch nie einen Weihnachtsbaum gehabt – so’n Scheißdreck!“

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