Ich will nicht, ich will noch ein bisschen tanzen – Ethnologische Forschungsreise

    Du liebe Zeit, genau acht Jahre ist schon her, dass ich mit einer Freundin einen Kurzurlaub in Cuxhaven verbracht habe. An einen Text über den Trip wurde ich gestern durch eine Bemerkung des Kollegen dieterkayser erinnert. Ich suchte den Text auf der immer noch nicht restlos versunkenen Plattform twoday.net. Er ist bereits ein zeitgeschichtliches Dokument. Drum habe ich ihn herüber ins Teestübchen geholt:

Im Zug unterhalten sich zwei Frauen über die Grundschule ihrer Kinder. Da sagte die eine, eine vintage gestylte, verblühende Schönheit: „Nächste Woche werde ich den Kindern vorlesen. Der Bürgermeister liest, der Pfarrer liest, da muss die Steuerberaterin auch lesen.“ Da will ich mich setzen, aber ich sitze schon und sinke wie Blei in die Polster. Wenn sich jetzt schon die Steuervermeidungsberaterin zu den Säulenheiligen eines Dorfes zählt, kann man den vakanten Platz auch dem Immobilienmakler nicht verweigern, nicht dem Finanzberater oder der Betreiberin eines Swingerclubs. Einziges Kriterium: Sie müssen erfolgreich sein, um als achtbare Stützen der Gesellschaft zu gelten. Ach, wie schwerdoof ist diese Welt, und wenn ich Christopherus persönlich wäre, die wollt ich nicht mehr schultern. Ich würde ein großes Schlammloch suchen und sie reinplumpsen lassen.

Das war am Freitag auf der Fahrt zu einem Kurzurlaub in Cuxhaven. Samstagabend wusste ich, das ist längst passiert. Die Welt ist in den Abtritt gefallen, und rundherum schwappen die Fäkalien. Da sah ich im Hotel versehentlich eine Ausgabe des ZDF-Boulevardmagazins „Leute heute“. Die Scheiße ist wohl prächtig abgefilmt, in geschmackvoll abgestimmte Farben getaucht, wie überhaupt die technische Brillanz der TV-Produktionen im umgekehrten Verhältnis steht zu ihrem Inhalt. Je schöner, desto schlimmer. Schön ist auch die Moderatorin, eine Ex-BWL-Studentin namens Karen Webb, ebenso zuständig für die ZDF-Berichte über Adelshäuser. Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Charmant in jeder Lebenslage – was wir von Prominenten lernen können und was besser nicht“. Laut Wikipedia heißt ihr Sohn Matteo St. Clair. Der charmant doofe Vorname „Matthias Heilige Klara“ verdient dreimal das Prädikat „besser nicht“, passt aber pfeilgrad in eine egozentrische Irrsinnswelt, in der selbstverliebte Steuervermeidungsberaterinnen Vorlesestunden abhalten. Wer wäre besser geeignet, Matteo St. Clair auf ein Leben vorzubereiten, in dem das Gaunerpack aus den Adelshäusern, Damen- und Herrenschneider, Köche, armselige Promis, ihre Fitnesstrainer und Friseure stilbildend sind.

Mir ist beim Anschauen der Sendung klar geworden, dass meine zeitweilige Medienabstinenz zwar eine probate Form der Psychohygiene ist, dass sie mich aber über den erbärmlichen Zustand dieser Welt hinwegtäuscht und dass alles viel schlimmer ist, als ich mir ausmalen kann. Vor allem dauern mich die vielen Leute, die sich tagtäglich mit all dem geschönten Dreck voll schmieren lassen und ihn für normal halten. Man muss schon eine Sorte Übermensch sein, um da nicht dauerhaft Schaden zu nehmen. Da das Prädikat „schön“ in diesem Text übel beleumundet ist, sage ich, es war ein feiner Kurzurlaub, dank meiner Begleiterin und einiger Naturerfahrungen, die man in der Stadt nicht machen kann, einen Sternenhimmel zu sehen ohne Lichtverschmutzung, sich vom Seewind durchpusten zu lassen, nächtliche Stille und dergleichen. Unter solch günstigen Voraussetzungen wagten wir uns am Freitagabend in ein surreales Abenteuer. Wir würden die Kneipe „Aale Peter“ besuchen.
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