Abendbummel online – Eulenflucht

„Eulenflucht“ ist ein versunkenes Wort. Im 19. Jahrhundert war es noch geläufig. Es bedeutet „Abenddämmerung“, die Zeit nämlich, wenn die Eule fliegt und sich auf die Jagd begibt. Zum Glück sind wir keine Eulen und freuen uns nicht auf Mäuse und anderes Kleingetier. Wir sind Bummler und bummeln – das ist auch ein schönes Wort, findest du nicht? – die Egestorffstraße entlang. Sie ist hier für den Autoverkehr gesperrt. Nur die Straßenbahn der Linie 9 fährt entlang. Falls du dich zufällig für Straßenbahnen der Linie 9 interessierst, denen man die Sieben gestohlen hat, kannst du hier eine Reportageserie von mir darüber lesen. Der Egestorff, nach dem die Straße benannt ist, war ein Industrieller des 19. Jahrhunderts. Wenn der gewusst hätte, dass wir zur Eulenflucht einen digitalen Bummel über seine Straße machen, wo er nur Pferdefuhrwerke kannte, der würde sich doch an seinen Industriellenkopf gefasst haben, meinst du nicht?

Hier links an einem Tisch vor dem Café K habe ich kürzlich gesessen und 120 Geldscheine unterschrieben. Die „Kulturtaler“ sind eine Sorte Regionalgeld für Linden. Der Initiator Gert Schmidt hat sich gefreut, weil ich über seine Zettelboxen geschrieben hatte und kam wohl deshalb auf die Idee, ich sollte seine Kulturtaler mit meiner Unterschrift quasi fälschungssicher und ähem, jetzt lach bitte nicht, das hat er gesagt, zum Kunstobjekt machen. Der Betreiber des Cafés, Ralf Schnoor, hat übrigens bei „Wer wird Millionär“ mal die Million gewonnen. Aber Geld interessiert uns jetzt weiter nicht, sondern wir bummeln noch ein Stück bis zur denkmalgeschützten neugotischen Fassade des Lindener Rathauses.

Sieh mal, da sind sieben neugotische Fenster mit Dachgaube. An der Spitze jeder Gaube ist ein Sockel, auf dem jeweils eine Eule hockt. Ja, aber die siebte Eule fehlt. Gefluchtet oder was? Vor vier Wochen ist mir das aufgefallen, denn die Fassade war lange Zeit verhangen, weil sie aufwändig restauriert wurde. Vorher war hinter den besagten Fenstern die Lindener Stadtbibliothek untergebracht. Das passte, denn wie du sicher weißt, ist die Eule das Symbol der Weisheit. Ich habe die Lindener Bezirksverwaltung angeschrieben und gefragt, wo die siebte Eule wäre, ob sie ersetzt würde oder ob man bei der Lindener Bezirksverwaltung der Meinung wäre, man könnte ruhig auf ein Siebtel der Weisheit verzichten. Stell dir vor, die antworten mir einfach nicht. Vielleicht liegt es am allgemein grassierenden Phänomen, das ein Blogfreund von mir mal „Meldedoofheit“ genannt hat, dass nämlich die Leute nicht auf E-Mails antworten. Ist dir das noch nicht passiert?

Anfrage-ÜstraAber mir. Schon einmal habe ich bei einer Recherche keine Auskunft bekommen. Ich war in der Stadt am Hauptbahnhof gewesen, da zog eine Straßenbahn der Linie 10 vorbei. Obwohl die Linie 10 die langsamste aller hannöverschen Straßenbahnen ist, fuhr sie für mich zu schnell. Vielmehr habe ich zu spät hochgeguckt, denn ich fummelte gerade an meinem Fahrradschloss rum. Jedenfalls sehe ich im letzten Moment auf der Straßenbahn eine Werbung. Ein nicht gerade sympathisch wirkender Mann lacht mich mit offenem Mund an, und daneben stehen: „Wir geben der Reinigung ein Gesicht“, der Name einer Reinigungskette und eine Internetadresse. Komm, wir gehen die Ecke rum auf den Lindener Markt. In dem weißen Eckhaus auf der anderen Straßenseite wurde übrigens im Jahre 1906 die Philosophin Hannah Arendt geboren. Sie war grad mal vier Jahre alt, als die Lindener ihr Rathaus mit den sieben Eulen gebaut haben.

Jedenfalls habe ich damals, nein nicht 1910, sondern 100 Jahre später habe ich die Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (Üstra) angeschrieben und nachgefragt, ob ich mich eventuell bei der Werbeaufschrift „Wir geben der Reinigung ein Gesicht“ verlesen hätte, weil die Bahn zufällig rückwärts fuhr? Es müsste doch heißen: „Wir geben dem Gesicht eine Reinigung.“ Die haben meine Anfrage an die Marketingfirma weitergeleitet, die für die Werbung auf Üstra-Bahnen zuständig ist. Und die haben, kannst du dir denken, auch nicht geantwortet.

Gehst du oft in Reinigungen? Ich nicht. Denn meistens zogen die Angestellten der Reinigung ein trübes Gesicht, wenn ich reinkam. Sie könnten natürlich gedacht haben: „Bringt der uns seine Altkleidersammlung oder so?“ Doch ich hatte immer den Verdacht, dass ich gar nichts mit den trüben Gesichtern zu tun hatte, sondern dass es vermutlich an den Arbeitsbedingungen und vor allem an der miesen Bezahlung der Reinigungskräfte lag. Die Vorstellung, sie würden mich mit einem gequälten Grinsen empfangen oder noch schlimmer, mich mit offenem Mund anlachen wie der Kerl auf der Straßenbahn, ist mir unheimlich. In Zukunft werde ich erst mal vorsichtig um die Türecke der Reinigung gucken, wie da so die Gesichter aussehen. Es reicht doch, wenn die sauber sind, oder?

Wo aber ist die siebte Eule hin? Eventuell haben sie die bei der Renovierung der Fassade probeweise gesandstrahlt. Und als sie die Patina von 100 Jahren runter hatten, war die Eule auch weg. Dann haben die von der Stadtverwaltung gedacht, das merkt sowieso keiner, und den Sockel einfach leer gelassen. Jetzt müssten sie sich eine kluge Antwort überlegen, und das traut sich im ganzen prächtig renovierten Lindener Rathaus keiner mehr zu. Die sprechen nämlich jetzt nur noch bairisch, du verstehst schon, wie in dem Witz von dem Mann, der zum Arzt geht, weil er eine Ostfriesin geheiratet hat. Da will er unbedingt Plattdüütsch snacken können, damit ihn die Familie seiner Frau akzeptiert, kann sich aber den Dialekt partout nicht aneignen. Er schildert sein Problem dem Arzt. Der sagt: „Ich kann Ihnen helfen, aber dann muss ich Ihnen ein Achtel ihres Gehirns lobotomieren.
„Egal“, sagt der Mann, „das sind mir Harmonie und häuslicher Friede wert.“
Als er nach der OP aus der Narkose erwacht, sagt der Arzt: „Es ist leider etwas schief gegangen. Wir haben Ihnen versehentlich nicht ein Achtel, sondern ein Siebtel des Gehirns stillgelegt.“
Sagt der Mann: „ Jo mei, gibt’s dös denn a?“

Vielleicht kriege ich keine Antwort aus dem Lindener Rathaus, weil keiner von denen bayrisch schreiben kann, zumal es eine Mundart und keine Schriftsprache ist. Ja ja, ich weiß schon, brauchst mich nicht zu puffen, der Witz war politisch nicht korrekt. Aber ist es denn etwa korrekt, dass die einfach eine Eule verschwinden lassen? Da fehlt uns doch allen was hier in Linden! Ist doch nicht jeder Lindener bereits ein bedeutender Philosoph oder hat bei Jauch schon seine Million eingesackt! „Himmeherrgodnoamoi! Kreizsacklzement! Saupreissen, dreckerte!“

Äh,
Guten Abend

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22 Kommentare zu “Abendbummel online – Eulenflucht

  1. Ist mir auch schon passiert, daß Emails einfach ignoriert wurden, das ist wirklich nicht zu verstehen: Selbst wenn man sachlich keine Antwort hat, kann man doch wenigstens das antworten, das ist einfach ein Gebot der Höflichkeit. Die Leute sind wahrscheinlich wirklich zu doof dazu.
    Ich habe mir das Rathaus gerade bei Streetview angesehen, um mir selbst ein Bild zu machen. Die Aufnahmen da sind von 2012, und da fehlte die 7. Eule auch schon.

    Kennst Du das Ahrendt-Interview von Günter Gaus? Ein sehenswertes Zeitdokument:

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    • Gute Idee, die Fassade bei Streetview anzuschauen! Vielleicht fehlt die Eule schon seit dem Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg. Aber das ließe sich doch leicht in einer Antwort erklären. Früher waren in NRW die Behörden gesetzlich verpflichtet, innerhalb von vier Wochen wenigstens einen Zwischenbescheid zu schicken. Das hat damals Ministerpräsident Rüttgers abgeschafft. In Niedersachsen ist’s wohl auch nicht mehr nötig.
      Danke für das aufschlussreiche Zeitdokument. Erstaunlich, dass 1964 im Fernsehen so hemmungslos gepieft wurde.

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  2. Zum Glück hat das Wetter ja dann doch noch gehalten, war sogar wärmer als erwartet, aber leider doch nicht so, dass man sich da irgendwo einen Tisch sucht und dem Leben zuschaut, während es einfach weitermacht. Der Egestorff, was war das denn für einer? Ich hab regelmäßig meine Probleme mit Straßennamen, warum nicht einfach Marktstraße oder Gänseblümchenweg? Na, vielleicht hat der Egestorff es wirklich verdient, mag ja sein. Und die neugotische Fassade: Mit der Neugotik hab ich es auch nicht so, obwohl, das Rathaus, das geht noch und die Eulen… das war doch kein Zufall mit den sieben, da hat sich doch jemand was dabei gedacht. Die Sieben ist doch eine bedeutsame Zahl im christlichen Kontext… aber ich vergass, du hast es nicht so mit der Religion. Trotzdem, dass ist ja Allgemeingut: Die sieben Zwerge, die sieben Tage der Woche, die glorreichen Sieben… das kann doch alles kein Zufall sein. Und wer baut schon sieben Fenster? Acht oder sechs, sieben sind doch eine bewusste Entscheidung. Hanna Ahrend ist hier geboren? Wusste ich nicht, aber gut, hat sie eine darüber hinaus gehende Beziehung zu Hannover? Ansonsten: Jeder muss ja irgendwo geboren sein oder aufgewachsen und dann schmückt man sich später mit dem oder der und die – in diesem Fall die – kann sich ja nicht mehr dagegen wehren. Ich hab den Film über sie gesehen, von Margarete von Trota… schreibt die sich so? Da wurde die ganze Zeit über geraucht, so wie in dem Interview mit Gaus. Ist das hier übrigens nicht eine ziemlich laute Ecke, mit all den Autos und Bussen? Und übrigens, der ganze Kleinkram, Million gewonnen und Eule weg, dass macht Spaß bei so einem Spaziergang. Gern wieder.

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    • Am Sonntag habe ich noch bei einem Bummel Reste des Egestorff-Mausoleums gesehen, das nahe einer Kirche stand, jetzt natürlich vollgetaggt ist. Der im Text verlinkte Wikipedia-Artikel gibt Auskunft. Man kann ja bei Straßennamen schon froh sein, wenn kein Altnazi dahinter steckt. Irritierend an der Neugotik ist die weitgehend willkürliche Symbolik. Dem analphabetischen Menschen des Mittelalters vermittelten die Gemälde und Skulpturen religiöse Inhalte. Er verstand auch die Symbolik. Die Symbolik der Neugotik ist ihrer religiösen Bezüge weitgehend beraubt. Die Sieben ist ja kein christliches Symbol, gilt bei uns als Glückszahl. Warum der Architekt just sieben Fenster vorgesehen hatte, erschließt sich nicht. Die Fenster sind für Gotik viel zu breit, vielleicht musste er weitere Fenster einsparen? Außer einer kleinen Hinweistafel am Geburtshaus von Hannah Arendt gibt es keine Bezüge zu Hannover. Den Film von Margarethe von Trotta kenne ich leider nicht.
      Das Rauchen war ja in den 1960ern im TV üblich, völlig hemmungslos im Internationalen Frühschoppen. Günter Gaus ist übrigens in Braunschweig aufgewachsen, spricht das „st“ aber so hanseatisch, wie man es heute kaum noch hört. Die Ecke am Lindener Markt ist tatsächlich laut. Hannover ist überhaupt laut. Freut mich, dass dir der Bummel gefallen hat.

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      • Guten Abend,
        Das ist alles sehr interessant was ich hier lese. Doch eine kleine Anmerkung hätte ich noch: die Sieben ist nicht nur die Pyramidal sondern in der christlichen Symbolik die Schöpfungszahl: sechs Tage hat die Woche; am siebenten ruhte Gott, der Tag ist heilig. Sieben Gaben verteilt der heilige Geist und sieben letzte Worte sprach Jesus am Kreuz….usw… und auch in anderen Religionen ist die sieben mehr als eine Glückszahl. Die Zahl 7 verbindet gerade mit ungerade: 4+3
        Ganz schön frisch heute Abend und die Kraniche ziehen. Wo ist diese Eule nur? Versteckt? Geklaut? Wird sie restauriert und wurde zu diesem Zweck vom Sockel gehoben?
        Danke für den schönen Abendbummel und liebe Feengrüße 🧚‍♀️✨

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        • Sicher ist die Siebenzahl bedeutsam, liebe Fee. Mich stört die fehlende 7. Eule wegen des Bruchs mit der Symmetrie, und weil ein Sockel quasi unbewohnt ist. Ich habe heute nochmal die Front fotografiert. Die Leute an der Straßenbahnhaltestelle gegenüber schauten erstaunt auf mein Ziel, weil sie die Fassade vermutlich vorher nicht beachtet haben. Ich werde aber in der nächsten Woche im Bürgeramt nachfragen, wo die Eule abgeblieben ist.
          Danke fürs Mitbummeln und schönes WE,
          Jules

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  3. Zu der bayrischen Sprache fällt mir immer nur das folgende ein:

    Im Kernland Bayerns sitzen zwei indigene Bayern auf einer urbayrischen Dorfbank.
    Kommt ein Preuße vorbei und fragt:
    „Wo geht es hier nach München?“
    Achselzucken.
    Der Preuße wiederholt die Frage in fließendem Englisch.
    Achselzucken.
    Dasselbe auf Französisch.
    Achselzucken.
    Er versucht es auf Italienisch.
    Auf Spanisch.
    Auf Griechisch.
    Auf Tschechisch.
    Immer wieder nur Achselzucken als Antwort.
    Der Preuße wendet sich entnervt ab.
    Daraufhin der eine Bayer zum anderen:
    „Da konnte aba vui Fremdsprachn.“
    Der andere zum einen:
    „Na und? Hod es eahm wos genützt???“

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    • Noch einer über Bayern & Preußen:

      Ein Bayer und ein Preuße sitzen im Biergarten, der Bayer hat bereits seine fünfte, sechste Maß Bier hinuntergeschwappt und ist dementsprechend illu­miniert, wäh­rend der Preuße allerweil noch an seinem ersten Gläschen Hellen nippt.
      »So werd des nix, Spezi,« tadelt der Bayer, »as Bier muaßt fei maßweis’ neisaufen, sunst wirst nia net b’suffa!«
      Der Preuße aber winkt ab: »Nee, ick trinke prinzipiell nüscht mehr, als ick jerade Durst habe.«
      Da schüttelt sich der Bayer angewidert, »Brrr!« schnaubt er, »grad as wia d’ Viecher!«

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      • Du wolltest es nicht anders. Vorsicht es wird jetzt etwas länger (du hast es heraus gefordert … auf das mein Visum als Preuße in Bayern gekündigt werde … alle Macht den Adjektiven …).

        Kommt ein Bayer, bleiches Gesicht, Hut mit kleinem Gamsbart, in ner Boazn und bestellt sich ne Mass und ne Radi. Der Wirt zapft ihm die Mass in nen Steinkrug, holt aus der Küche die Radi und bringt beides dem Bayer. Der schaut auf seine Mass – „Jo mei“ – und nimmt sich die Radi, holt ein Hirschhornmesser mit leichten Verzierungen aus seiner Lederhose und schneidet die Radi in die Schlaufe. Dann ergreift er den Salzstreuer vor sich und schüttelt den Streuer über die Radi. Nichts kommt raus. Er schüttelt erneut. Nichts kommt. Der Bayer steht mit dem Salzstreuer auf, geht zum Wirt, übergibt dem den Salzstreuer mit tadelndem Blick, der rennt in seine Küche und kommt mit einem neuen zurück, der Bayer nimmt den Salzstreuer, salzt sein Radi, trinkt seine Mass, isst sei Radi und bierdimpfelt desweiteren.
        Kommt ein anderer Bayer, fahles Gesicht, Hut mit mittelgroßem Gamsbart, in der Boazn, setzt sich am Biertisch drei Meter vom anderen entfernt, und bestellt sich ne Mass und ne Radi. Der Wirt zapft ihm zügig die Mass in nen Steinkrug, holt aus der Küche die Radi und bringt beides dem Bayer. Der schaut auf seine Mass – „Jo mei“ – und nimmt sich respektvoll die Radi, holt ein Hirschhornmesser mit mittleren Verzierungen aus seiner traditionellen Lederhose und schneidet die Radi in die Schlaufe. Dann ergreift er den anderen Salzstreuer, der neben dem Besteck vor ihm steht und schüttelt den Streuer bedächtig über die Radi. Nichts kommt raus. Er schüttelt erneut. Nichts kommt. Der Bayer steht mit dem Salzstreuer auf, geht zum Wirt, übergibt dem den Salzstreuer mit massregelndem Blick, der Wirt rennt eilig in seine Küche und kommt unter einer Entschuldigung mit einem neuen zurück, der Bayer nimmt den Salzstreuer, salzt sein Radi, trinkt seine Mass, isst sei Radi und bierdimpfelt wie der andere zuvor vor sich hin.
        Kommt ein dritter Bayer, aschfahles Gesicht wie ein Leichenhemd, Hut mit riesigem Gamsbart, original erlegt an Franz Josef Strauß dessen Sterbensort, in der Boazn, setzt sich am Biertisch an dem anderen Ende des Biertisches der beiden anderen zuvor, und bestellt sich ne Mass und ne Radi. Der Wirt zapft ihm eilig die Mass in nen Steinkrug, holt aus der Küche eine extra große Radi und bringt beides dem dritten Bayer. Der schaut missbilligend auf seine Mass – „Jo mei, jo mei“ – und nimmt sich formvollendet die Radi, holt ein vergilbtes Hirschhornmesser mit altertümlichen Verzierungen aus seiner tradierten, spaken Lederhose und schneidet zelebrierend die spitze Radi in die perfekte Schlaufe. Darauf ergreift er den Salzstreuer, der neben dem Besteck vor ihm an seinem Ende des Tisches steht, und schüttelt den Streuer weihevoll über die Radi. Nichts kommt raus. Er schüttelt erneut. Nichts kommt. Der Bayer steht verstimmt mit dem untauglichen Salzstreuer auf, geht zum leicht panischen Wirt, übergibt dem den nichtsnutzigen Salzstreuer mit vernichtendem Blick, der Wirt rennt eiligst in seine naheliegende Küche und kommt unter vielmaligen Entschuldigungen mit einem neuen zurück, der Bayer nimmt den neunen Salzstreuer, salzt sein Radi, trinkt seine Mass, isst sei Radi und bierdimpfelt wie der andere zuvor vor sich hin.
        Kommt ein Preuße, braungebrannt, mit Basecap und NYC-Beflockung, in die Kneipe, setzt sich an einer freien Bierbank und ruft zum Wirt rüber: „Herr Oberspielleiter, ich hätte gerne ein Liter Bier und einen Rettich.“ Der Wirt behält den Preußen beim langsamen Zapfen in ein gläsernes Liter-Bierglas permanent im Auge, lässt sich dabei ohne Eile aus der Küche den verlangten Radi bringen. Der Preuße schaut auf seine Mass – „Wahnsinn“ -, nimmt sich die Radi, ergreift sich aus einem Besteckkrug Messer und Serviette und schneidet die lange Radi in dicke Scheiben. Die drei Bayern beobachten ihn dabei mit Widerwillen leicht entsetzt. Dann ergreift der Preusse seinen Salzstreuer, der vor ihm neben dem Besteckkrug stand, und schüttelt den Salzstreuer über die geschnibbelte Radi. Nichts kommt raus. Gar nichts. Der Preusse schüttelt mächtig, aber nichts kommt. Die Bayern grinsen, deren Gamsbärte wedeln leicht spöttisch. Der Preusse schüttelt erneut mehrmals nochmals auf und ab. Die drei Bayern kichern spöttisch in sich rein, die Gamsbärte wackeln dezent im Sturme deren Hohns. Der Preusse schüttelt erneut den Salzstreuer. Nichts kommt. Die drei Bayern schlagen sich vor feisten Schadensfreude beinahe unbeherrscht auf deren biersteifen Lederhosen. Nur, der Preusse schaut sich den Salzstreuer an, ergreift sich den Zahnstocherspender vor sich, entnimmt einen Zahnstocher und – tupp, tupp, tupp – hat er mit dem Zahnstocher die Streuerlöcher bereinigt. Darauf salzt er seinen Rettich, trinkt seine Maß und isst den Rettich dazu. Danach steht er auf, geht zum Wirt, bedankt sich überschwänglich bei diesem für Speis und Trank, bezahlt alles mit großzügigem Trinkgeld und verlässt die Boazn.
        Die drei Bayern schauen in ihr halb gelehrte Steinkrüge und derjenige, der aschfahlste, derjenige mit der größten Gamsfeder aufm Kopf, läuft putterrot wie eine Feuerlöscherflasche an und es brüllt hemmungsfrei aus sich heraus:
        „Radi in de Schlaufn schneiden könnens die kulturell nicht, die Sau-Preissn. Aber technologisch san uns überlegn!“ …

        Okay, ich pack mal meine knollige Sächele und bereite mich auf die Ausweisung aus dem bayrischen Hoheitsgebiet vor … trotz sicherem Job in ner nachgewiesener Klimaschädigung in dem Diesel-Biotop der deutschen Politik … Davertnickel wie meiner einer haben immer und überall überlebt …

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  4. Dieses Nicht-Antworten ist mir auch bekannt geworden. Es scheint der neue gute Ton zu sein. Ich erhalte immer wieder Angebote von Job-Maklern. Erst wird mir ein Traum-Job angeboten und ich soll dann meinen Lebenslauf schicken. Solange ich den nicht schicke, waren die hinter mir her wie der Teufel hinter der armen Seele. Habe ich den aber geschickt, waren sie nicht mehr erreichbar. Selbst telefonisch tauchten diese Job-Makler ab. Ich habe mir zweierlei angewöhnt: Untersagung, meine Daten mit Hinweis auf Datenschutz weiter zu geben und die Job-Makler auf eine eigene Schwarzen Liste zu setzen.
    Ob das hilft? Zumindest bleiben die nicht unvergessen. Einer davon meinte, dass ich ihn vergessen hatte, als er mich mit einem neuen Jobangebot kontaktierte. Weitere Email und es war Ruhe im Karton …

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    • Witziger Weise hat mir der Denkmalschützer heute geschrieben, sich für meine e-Mail bedankt und sich für die späte Antwort entschuldigt. Er könne meinen umfangreichen Fragenkatalog aber erst nach dem 1.11. beantworten, weil er seine Abwesenheit während der Elternzeit organisieren müsse.

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  5. Pingback: Vergiss Eulen, denk an Entenfüße! |

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