Wider das Versinken der Alltagsdinge

Meine lieben Damen und Herren,
auf der Ecke unten vor dem Teestübchen wurde vor Jahren die Telefonzelle abgebaut. Eine Weile ließen farblich abweichende Bodenplatten ihren Grundriss noch ahnen, doch haben sie sich inzwischen egalisiert, und nichts verrät mehr, dass hier einst eine technische Einrichtung gestanden hat, die Jahrzehnte ein wichtiges Element der Alltagskultur war. Vor dem Pressehaus des Kölner Stadtanzeigers hat mal eine ganze Reihe von Telefonzellen gestanden. Ich erinnere mich an meine erste Wohnungssuche in Köln anfangs der 1970-er Jahre. Freitag gegen Mitternacht erschien die Wochenendausgabe des Stadtanzeigers mit den Wohnungsangeboten. Die Leute stürzten sich darauf, suchten passende Anzeigen und stürmten die Telefonzellen, um die Vermieter anzurufen. Man musste zu zweit auftreten. Während einer die Wohnungsanzeigen durchging, hielt der andere die Telefonzelle besetzt. Die Wohnungssuche in den Städten ist nicht einfacher geworden, aber die erforderlichen Handlungen haben sich mit der Technik verändert.

In der britischen Kultserie „Doctor Who“ reist besagter Doktor seit dem Jahr 1963 mit einer Polizei-Notrufzelle ähnlich unserer Telefonzelle durch Zeit und Raum. Tatsächlich konservieren TV- und Kinofilme die Kenntnis technischer Gerätschaften für Jahrzehnte. Bildhafte Vorstellungen sind konservativ. So sehen und verstehen wir heute noch das Piktogramm mit Telefongehäuse und auf eine Gabel aufgelegtem Telefonhörer, manchmal sogar mit stilisierter Wählscheibe, obwohl Telefone heute ganz anders aussehen. [Grafik: JvdL] Ähnlich gut verstanden wird das Piktogramm, das eine stilisierte Dampflok zeigt, obwohl man Dampfloks nur noch von der Modelleisenbahn oder der Museumsbahn kennt. Doch der visuelle Eindruck vermittelt nicht das Wissen um, und so wird die Kenntnis solcher technischen Einrichtungen irgendwann versunken sein. Im Prolog der Lesenacht war die Rede von der optischen Telegrafie, deren moderne Form im 18. Jahrhundert der französische Techniker Claude Chappe erfunden hat. Diese Vorform der Telegrafie wurde bald vom Morsetelegrafen verdrängt, so dass sie fast völlig in Vergessenheit geriet.

Derzeit verschwindet beispielsweise die 7-Segment-Digitalanzeige aus unserem Alltag. Wir sind quasi täglich Zeugen sich verändernder Kommunikationstechnik. Darum freue ich mich, Ihnen eine neue Rubrik im Teestübchen vorzustellen, das Technikmuseum. In loser Folge will ich über versunkene und versinkende Kommunikationstechnik schreiben, zum Auftakt eben über diese 7-Segment-Anzeige, wie sie in den 1970-er Jahren mit den Digitaluhren und Taschenrechnern in unseren Alltag eingedrungen ist, für drei Jahrzehnte vertrauter Anblick wurde und nun allmählich verschwindet. An Themen soll es nicht fehlen, und ich hoffe in dieser Rubrik, manch Überraschendes und Neues mitteilen zu können.
Herzlich, Ihr

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33 Kommentare zu “Wider das Versinken der Alltagsdinge

  1. Ich wünsche mir, wenn ich darf, lieber Jules, eine Folge über das Verschwinden der Fernsehansagerin. Dabei handelt es sich natürlich nicht um ein „Ding“ (wenn man mal ausblendet, dass in manchen Männerkreisen früher junge Frauen durchaus als „junge Dinger“ durchgingen). Aber es ist der Bezug zur Kommunikation und zur Fernsehwelt und zugleich ein, wie ich meine, gutes Beispiel für die Entzauberung der Welt durch die Moderne.

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    • Möglicherweise ist die Ansagerin aus emanzipatorischen Gründen verschwunden. Sie gehört ja in die 1950-1960-er Jahre, als Frauen noch keine andere Funktion zugestanden wurde als anzusagen. Ich erinnere mich noch an das abwertende Theater, als Dagmar Berghoff 1976 als erste Frau bei der Tagesschau anfing, und noch heute wird so manche Sportreporterin angefeindet, wenn sie Fußballspiele kommentiert. Positives Beispiel war Uschi Nerke, die den Beatclub moderierte.

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      • Vielleicht bist du da zu optimistisch, was die Wirksamkeit emanzipatorischer Bestrebungen anbelangt. Meine Vermutung ging in Richtung zunehmenden Kommerz- und Konkurrenzdrucks spätestens seit Einführung des Privatfernsehens. Beschauliche Momente wie das Ansagen eines Films wurden zunehmend wegrationalisiert, weil die Gefahr des Wegzappens besteht. In diesen Zusammenhang ordne ich auch das Abschneiden des Filmabspanns ein. Inzwischen wird ja regelmäßig vor Ende einer Sendung die nächste bereits vorbereitet, um das Wegschalten zu verhindern. Freilich müsste man mal eruieren, wann die Ansagerinnen abgeschafft wurden. Vielleicht irre ich mich.

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  2. Ich habe heute noch im Unterricht – ich jobbe als Rentner immer noch ein bisschen nebenher – über den Fernschreiber gesprochen, ein Gerät, das niemand mehr beschreiben konnte. Irgendwo zwischen der Morsetaste und dem Faxgerät wurde er schließlich verortet.

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      • Ich habe während meiner Ausbildung zum Industriekaufmann noch darauf geschrieben. Entweder, wie du es beschreibst, über den Lochstreifen, heute würde man das offline nennen, oder online, also direkt schreibend, sendend und empfangend, wenn es wirklich eilig war. Eine Art Chat. Man konnte übrigens damals entweder nur Groß- oder nur Kleinbuchstaben schreiben.

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        • Geschrieben habe ich nie darauf. Mit diesen Lochstreifen konnte man übrigens eigens umgebauten Linotype-Setzmaschinen das automatische Setzen beibringen. Aus der Zeitungssetzerei kannte ich Manuskripte, die über den Ticker gekommen waren, auseinandergeschnitten und Zeilenweise auf das Manuskriptpapier geklebt waren.
          https://de.wikipedia.org/wiki/Fernschreiber (5. Bild, die unteren Streifen) Heutige Redakteure wissen nicht, warum der Nachrichticker so heißt. Es war das Geräusche des Nadeldruckers auf Papier.

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          • Die Fernschreiber waren richtig laut, besonders dann, wenn sie mit dem Lochstreiben betrieben wurden. Dann ratterte es hörbar. Wenn ich mich recht erinnere, klingelte das Gerät auch, wenn eine Fernschreiben ankam. Nicht wie ein Telefon, sondern mehr wie eine Fahrradklingel.

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  3. Im Münchener Hauptbahnhof gab es zu dem Abgang zu der U-Bahn rechts und links des Runtergangs Telefonzellen. Als die Handys aufkamen und sie erschwinglicher wurden, tauchten Menschen auf, die deren Handys zum Telefonieren anboten, weil die Telefonzellen (halb offene Hauben) dauernd mit Langzeittelefonierer belegt waren. Es gab eine Tarifreform bei der Post aka D aka Deutsche Telekom aka usw, welche Telefongespräche über große Distanzen per öffentlichen Tefononautomat günstig machten. Ich habe den Service jener Handy-Anbieter nie genutzt, weil mir nie klar war, wie die abrechnen würden. Die Telefonhauben sind mittlerweile verschwunden und mit ihnen deren dubiose Zwischenanbieter. Es gibt noch geschlossene Telefonzellen. Sie stehen bei der DB zwischen den Gleisen …

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